Horst Braun kommt schnellen Schrittes aus der Intensivstation. Er trägt gelbe Klinikbekleidung und einen medizinischen Mundschutz. Der 61-jährige Intensivpfleger wirkt geschafft. "Auf der Intensivstation liegen gerade zwei Covid-Patienten", sagt er. "Sie sind jetzt die dritte Woche hier." Er seufzt. "Ich glaube nicht, dass sie bald von der Beatmung wegkommen." Braun atmet hörbar aus. "Ob sie sich erholen werden, weiß ich nicht."

Täglich arbeitet Braun am Klinikum Forchheim-Fränkische Schweiz. gegen den Tod. Täglich kämpft er für das Leben der Patienten - und gleichzeitig an vorderster Front gegen die Pandemie. Noch immer wird der Pflegeberuf in der Wahrnehmung vieler Pflegekräfte geringgeschätzt, höchstens solidarisch beklatscht. Und das, obwohl das Klinikpersonal die Auswirkungen des Virus am unmittelbarsten zu spüren bekommt. Nicht die Polizei und auch nicht die Politik sind es, die den entscheidenden Kampf zu führen hat.

Herausforderungen, die neu sind

Sondern Intensivpfleger wie Horst Braun, die in der ersten Reihe stehen. Seit 27 Jahren ist er am Klinikum; seit 22 Jahren Stationsleiter der Intensivstation. "Ich mache meinen Beruf sehr gerne." Dass seine Tochter auch im Pflegebereich arbeitet, ist wohl auf die Begeisterung zurückzuführen, die er für seine Arbeit aufbringt. Ende 2021 will Horst Braun in den Vorruhestand gehen. "Dreizehn Monate", sagt er, als habe er sie gezählt. "Aber vielleicht höre ich gar nicht ganz auf", ergänzt er plötzlich. "Nur Verantwortung abgeben, das ist mir ein großes Anliegen." Warum er den Beruf ergriffen hat? "Im Zivildienst habe ich gemerkt, dass mir der Pflegeberuf mehr Sinn im Leben gibt als meine eigentliche Ausbildung." Ursprünglich wollte Braun als Feinmechaniker arbeiten. Dann machte er doch noch eine Ausbildung zum Krankenpfleger, um sich daraufhin zum Fachpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin weiterzubilden. "Ich wollte mit Menschen arbeiten und sie in ihren Krisen und Krankheiten unterstützen." Genau das tut er nun seit vielen Jahren - trotzdem steht er nun vor Herausforderungen, die auch für ihn neu sind.

An der Grenze angelangt

"Ja, ich würde es Notstand nennen", sagt Braun, ohne zu zögern. "Von den Maßnahmen her, die ich am Patienten durchführen muss, ist es das schlimmste, das ich in meinem Berufsleben erlebt habe. Und es ist noch ernster als im Frühjahr." Zwar sind noch genug freie Intensivbetten vorhanden, aber: Die Corona-Krise wirft nun ein Schlaglicht auf den Mangel an Pflegekräften. Ob Braun sich mehr Kollegen wünscht? "Sicher." Die jetzige Besetzung der Intensivstation bringt das Pflegepersonal zeitweise an den Rand ihrer Kräfte: "Kürzlich war jedes zweite Bett der Intensivstation durch Covid-Patienten belegt", sagt der Intensivpfleger und wird deutlich: "Das war schon das Äußerste. Es war sehr dramatisch."

Dass der Pflegenotstand sich momentan so zuspitzt, liegt zum einen an der hohen Zahl an Covid-Patienten, zum anderen stellt deren aufwendige Pflege das Personal vor große Anstrengungen. Momentan befinden sich elf infizierte Patienten in der Klinik, von denen zwei intensivmedizinisch versorgt werden. Was einen Corona-Fall so schwierig macht? "Man kommt mit den therapeutischen Möglichkeiten oft nicht weiter", erklärt Braun. Gedankenverloren zupft er an seiner Maske. Beispielsweise habe sich am Morgen der Zustand einer Patientin trotz mehrfacher Nachregulierung bei der Intubation - der künstlichen Beatmung durch einen Schlauch - nicht stabilisiert. Er holt hörbar Luft. "Was sonst eine halbe Stunde dauert, dauerte so fast zwei."

"Habe mich nie an den Tod von Patienten gewöhnen können"

Alle Covid-Patienten, die auf die Intensivstation kommen, bräuchten solch eine Atemtherapie. So kann es passieren, dass einem Patienten unter hohem Druck etwa 50 Liter Sauerstoff pro Minute zugeführt werden müssen. "Sie brauchen gewaltige Unterstützung. Der Zustand der Patienten ist immer schlecht." Die zuständige Pflegekraft sei dann zwei bis drei Stunden am Stück im Zimmer.

"Eine schwere Covid-Erkrankung dauert sehr lange", sagt der Intensivpfleger. "Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Patient nach zwei Wochen wieder selbstständig atmen kann." Da seien mitunter Zeiträume von sechs Wochen intensivmedizinischer Betreuung nicht unrealistisch, bis sich ein Patient erholt. "Falls er das tut", betont Braun - denn nicht alle Covid-Patienten überleben. "Ich habe mich nie an den Tod von Patienten gewöhnen können." Er macht eine Pause und wird leiser. "Es ist traurig. Da ist ein Gefühl der Hilflosigkeit."

Was zusätzlich Zeit und Energie frisst, sind die Hygieneregeln im Umgang mit Infizierten. Braun zählt fast in einem Atemzug auf, was nötig ist: Schutzmantel, FFP2- oder FFP3-Maske, Schutzbrille, Haarschutz und Handschuhe. Das alles muss beim Verlassen und Betreten des Zimmers gewechselt werden. "Wegen der Maske", Braun räuspert sich, "habe ich mittlerweile durch die Trockenheit einen ständigen Halsschmerz. Das Schwitzen ist auch ein Problem. Das zehrt an meinen Kräften."

Große Verantwortung

"Natürlich habe ich auch Angst vor Ansteckung", sagt Braun. "Immerhin bin ich schon im gefährdeten Alter." Er lacht - und wird plötzlich wieder ernst. "Ich habe auch eine ältere Mutter zu Hause. Da mache ich mir Gedanken, aber letztendlich ist es mein Job." Deshalb lasse er sich jede Woche klinikintern auf COVID-19 testen. Eine allgemeine Testpflicht für das Ärzte- und Pflegepersonal gibt es nicht. Würde eine Pflicht Sicherheit schaffen? Er zögert kurz. "Auch da ist es nicht ausgeschlossen, dass man sich zwischen den Tests infiziert."

Mit einer Grippe nicht zu vergleichen

"Man sollte Covid nicht so verharmlosen, wie einige es tun", sagt der Intensivpfleger. Mit einer Grippe sei die Sterberate nicht zu vergleichen. "Ich bin mittlerweile der Meinung: Wer sich über die Corona-Maßnahmen beschwert, soll sich eine Patientenverfügung ausstellen lassen, im Fall einer Infektion nicht ins Krankenhaus zu wollen", sagt er. Seine Entschiedenheit kommt wohl daher, dass er die Krankheit täglich miterlebt. Und dass er weiß, wie Überlastung des Personals aussieht. Dann geht er zurück in die Intensivstation - um weiter für das Leben der Patienten zu kämpfen.