Im Garten von Johannes Heiner hängen Gedichte an Bäumen. Es sind Gedichte von Hermann Hesse, dessen 50. Todestag seine Anhänger am 9. August feiern. Für den in Poxdorf lebenden Schriftsteller, Gärtner und Literaturlehrer Johannes Heiner ist Hermann Hesse alles andere als tot: "Er lebt - und hat auch 50 Jahre nach seinem Tod etwas zu sagen. Er spricht Menschen an, die abseits vom Weg der Menschen nach alternativen Wegen suchen".

Johannes Heiner ist selbst so ein Suchender. Reisend und meditierend sei er zu einem "schreibenden Menschen" geworden, erzählt der 71-Jährige. Und neben Rainer Maria Rilke gehört Hermann Hesse zu jenen Autoren, die ihn nun fast schon ein Leben lang begleiten. "Seine Botschaft entspricht meiner Lebenserfahrung", sagt Johannes Heiner über den Autor, der mit dem "Steppenwolf" ganze Generationen in seinen Bann gezogen hat.

Die Botschaft Hesses drückt Heiner in einem Satz aus: "Sei du selbst, werde, der du bist." Um diese Botschaft aufzunehmen, meint Heiner, müsse man nicht unbedingt wie Hesse nach Indien fahren, "sondern das Indien in sich selbst finden".

Ein Stück von Johannes Heiners Indien liegt an einem Waldrand bei Poxdorf. In seinem Garten baut er nicht nur eigenes Gemüse an, hier erlebt er auch Hesse. Denn Johannes Heiner ist überzeugt, dass es nicht genügt, Literatur zu lesen. Wenn der 71-Jährige Zugang zu einem Gedicht sucht, dann tut er das im wörtlichen Sinn: Er nimmt das Gedicht und macht sich auf den Weg: "Ich suche passende Bäume, Wege oder eine Schlucht, wo das Gedicht hinpasst."

Gedichte an Bäumen und Blumen


Da auch Hermann Hesse Gärtner war, wo sollte man seine Texte besser zeigen können, als in einem Garten, fragt Heiner. Und schafft den Gedichten des Kultautors Raum in den Beeten und an den Bäumen.

Seine 14 Lieblingsgedichte von Hermann Hesse hat Johannes Heiner auf laminierte Papierbögen geschrieben und jedem Gedicht einen besonderen Platz zugewiesen: So findet sich das Gedicht "Blauer Schmetterling" mitten in einem üppigen Flocks-Beet. "Weil die Schmetterlinge immer bei den Blumen herumflattern", sagt Heiner. Für das Gedicht über das "Knarren eines geknickten Astes" hat er Bambusstäbe zu einer Art Pyramide aufgestellt; an der Spitze der Installation ragt ein geknickter Ast heraus.

Wenn Johannes Heiner diese Installation anderen Hesse-Liebhabern vorführt, legt er noch einen Strohhut (unverkennbares Erkennungsmerkmal Hesses) unter den Bambus und spielt Hesses Stimme über ein Kassettenband ein.

Ermutigung zur Veränderung


Der 1962 gestorbene Autor der Selbstwerdung ist für Heiner eine Identifikationsfigur: "Ich liebe ihn für seine eindeutige Botschaft, etwas, das in der heutigen Literatur kaum mehr vorkommt", sagt der Poxdorfer und schwärmt von dem Eigensinn, zu dem sein Vorbild anstiftet: "Hesse-Leser gestalten das Leben individuell und riskieren Krach mit der Ehefrau oder dem Chef. Hesse ist eine Ermutigung für Menschen, die sich verändern wollen."

Vom Gärtner Hesse könne man zudem lernen, dass der Geist nicht unabhängig von der Erde sei. "Den Geist in die Radieschen bringen", nennt Heiner das. Wenn er in seinem Garten ackert, gehe es ihm um diese "Erdung des Geistes und die Gelassenheit, die daraus entsteht". Und natürlich geht es Johannes Heiner um die Inspiration, die ihm Hesse liefert.

Der 71-Jährige zeigt auf seine "heilige Ecke". Das ist ein Beet gleich neben der Gartenhütte. Hier hat der Poxdorfer das Gedicht "Uralte Buddha-Figur" neben einem Buddha-Kopf installiert, der in der Erde ruht. Das Gedicht spricht vom "Bild allen Wandels in der ewigen Einheit". Und Johannes Heiner sucht diese "heilige Ecke" auf, wenn er "Naturgeschehen in Kulturgeschehen verwandeln" will - sprich: Wenn er sich für sein eigenes Schreiben inspiriert.