Brigid Gruß: Schon am Telefon kann einen diese Frau begeistern mit ihrer wunderbaren Stimme. Wo mag sie nur herkommen? USA? Belgien? Oder Holland? So entzückend können eigentlich nur Menschen aus den Niederlanden deutsch sprechen. Aber von wegen. Aus Birmingham kommt sie.

Vor mir steht auf dem abgelegenen Gelände des Tennisclubs Baiersdorf eine waschechte Britin. Mit ihrem charmanten Akzent bittet sie mich herein, trommelt alle wichtigen Leute zusammen und stellt mich jedem vor. Ihre 72 Jahre sieht man ihr wirklich nicht an. Dass sie die gute Seele des Vereins ist, aber sofort. Sie kommt zwei bis drei Mal in der Woche hierher und schaut nach dem Rechten.

Selbst spielt sie leider nicht mehr. "Aber mich kribbelt es natürlich in den Fingern, jedes Mal, wenn ich herkomme und die anderen spielen sehe", erzählt Brigid Guß. Und es sind wirkliche viele Leute auf dem Platz an diesem Tag.
Ich sehe Kinder, deren Eltern und auch einige ältere Menschen, die sich gerade nach drinnen flüchten.

Wer war nochmals Michael Stich?

Ein Sommergewitter treibt die Spieler vom Platz. Doch aus der Not wird schnell eine Tugend und der Brotzeittisch gedeckt. "Wir arbeiten mit der ansässigen Grundschule zusammen und bieten nachmittags eine Tennis AG an. Viele der Kids haben so viel Spaß daran, dass sie dann im Verein bleiben wollen", freut sich Thorsten Riemer. Er sitzt im Vorstand des Baiersdorfer Clubs.

Nachwuchsprobleme scheint es hier in Baiersdorf nicht zu geben. Im Gegenteil, die Kinder motivieren häufig sogar ihre Eltern, ebenfalls in den Verein einzutreten. "Es gibt viele Eltern hier, die über ihre Kinder zu uns gekommen sind", sagt Riemer. Das ist gerade für einen Tennisverein bemerkenswert, nachdem der große Tennisboom aus den 1980er- und 1990er-Jahren längst wieder vorbei ist.

Steffi Graf und Michael Stich, die Tennisgrößen von damals haben unzählige Sportbegeisterte auf den Court gelockt. Heute machen sie keine Schlagzeilen mehr, höchstens Werbung für Tee.

Und sollte ein Kind noch an den Wimbledon-Champion Boris Becker kennen, dann sicherlich nicht wegen seiner Leistung auf dem Platz. "Aber der Sport erlebt wieder einen deutlichen Aufschwung", freut sich Gruß. Spieler wie Roger Federer oder Sabine Lisicki, die es erst vor kurzem als erste Deutsche nach Steffi Graf in ein Wimbledon-Finale geschafft hat, entfachen die Begeisterung von neuem. "Hoffentlich geht das weiter so", hofft Gruß.

Abschied vom Elitären

Bei alledem betonte sie, dass die Geselligkeit im Verein über allem stehe. "Wir versuchen natürlich erfolgreich zu spielen, aber wir sind hier nicht auf Leistung getrimmt. Das erkennt man auch daran, dass alle Altersklassen vertreten sind", sagt auch Riemer.

Jeder, egal wie gut er den gelben Filzball trifft, kann im Baiersdorfer Tennis-Club Mitglied werden. Auch vom elitären Gedanken, dem einst das Tennisspiel so sehr anhaftete, hat man sich längst befreit. "Tennis galt früher als elitär, weil die Vereinsgebühren so hoch waren. Heute sind die Mitgliedsbeiträge so hoch wie in jedem anderen Verein auch", sagt Riemer.