Von Miriam Och

Behutsam kämmt Axel Meininghaus die Haare des Übungskopfes und teilt sie in feine Strähnen ab. Anstatt die Mähne wie gewöhnlich mit einer Schere zu schneiden, nimmt der Lehrmeister der Friseurschule Meininghaus eine Art Füllfederhalter zur Hand. Damit bearbeitet er mit äußerster Präzision und Maßarbeit die einzelnen Haarsträhnen und schneidet durch kleine, schnelle Zitterbewegungen die Spitzen.



Der 59-jährige Friseurausbilder demonstriert den neuen Haarschneide-Trend "Calligraphy Cut", der derzeit in immer mehr Friseursalons in Deutschland angesagt ist.


Mehr Volumen, weniger Spliss
Entwickelt wurde das "Calligraphieren" von Friseur-Guru Frank Brormann, der seine Karriere 1981 im Forchheimer "Meininghaus" begann.
"Er war schon immer ein Querdenker und Individualist, der etwas Neues ausprobiert hat", erinnert sich Axel Meininghaus. Brormann verspricht mit seiner Erfindung: mehr Volumen, weniger Spliss, kein Abstumpfen der Spitzen sowie einen mindestens zwei Wochen längeren Halt des Haarschnitts. "Das ist nicht nur ein Trend, das ist eine neue Dienstleistung", ist Brormann überzeugt.

Über zwölf Millionen Kundenkontakte hätte es in Deutschland schon gegeben. Das Geheimnis des "Calligraphy Cut": Der Calligraph schneide das Haar durch seine leicht gekippte Klinge schräg an und verletze es dadurch nicht - ähnlich wie ein Florist bei Blumen.

Schulung in Forchheim
Auch in Forchheim kommt die neue Mode langsam an. "Zwei Friseure an unserer Schule sind bisher in der Haarschneide-Technik ausgebildet. Ansonsten weiß ich von keinem Friseur, der das in Forchheim anbietet", sagt Meininghaus. In einem zweitägigen Seminar werden Friseure im Salon Meininghaus am 19. und 20. Januar in dieser Technik geschult.

Für die "magischen Ergebnisse", wie es Frank Brormann anpreist, verlangen Friseure etwa 5 bis 10 Euro mehr, und der Kunde muss etwas mehr Zeit einplanen. Das "Schönschneiden" verlange eine hohe Friseurkunst, denn "wenn der genau definierte Schneidewinkel nicht eingehalten wird, ist die Splissgefahr sogar noch höher", sagt Meining haus.

"Durch den schrägen Anschnitt der Spitzen fällt das Haar sehr schön und lässt sich leicht in Form bringen", erklärt er, während er den Übungskopf frisiert. "Brormann hat sich von der Funktionsweise einer Guillotine inspirieren lassen", meint er. Grundsätzlich könne jede Frisur mit dem Calligraphen geschnitten werden. In dem Gerät sind zwei Rasierklingen eingesetzt, sodass durch Drehen des Werkzeugs die andere Klinge benutzt werden kann. Das sei auch notwendig, denn "für eine Frisur benötigt man in der Regel zwei Rasierklingen", erklärt der Friseurmeister.

Hype durch Vermarktung
Claudia Gottstein, Obermeisterin der Friseurinnung Forchheim, betont, dass die Art des Schneidens nichts Neues ist: "Es hat jetzt nur einen anderen Namen." Sie ist offen gegenüber der neuen Haarschneide-Technik, sagt aber auch, dass die Anwendung dem individuellen Haartyp angepasst sein müsse.

"Natürlich wurde das Ganze auch sehr gut von der Marke L'Oreal vermarktet", sagt auch Meininghaus. Der Hype um den "Calligraphen" hätte durchaus auch einen psychologischen Effekt auf die Kunden. "Wir haben Kunden mit dem Calligraphen geschnitten, ohne die Technik vorher groß anzupreisen. Sie haben keinen Unterschied bemerkt", erzählt er.

Auf jeden Fall werden Friseure aber dazu gezwungen, die Haare feiner abzuteilen und sauberer zu arbeiten. "Der Fokus liegt voll auf den Haaren der Kundin, wodurch sie sich intensiver betreut fühlt", sagt Meininghaus und betrachtet den fertig gestylten Übungskopf. Schade, dass dieser nicht reden kann. Es wäre interessant zu hören, wie ihm die neue Frisur gefällt.