Juliane Hümmer und ihre Mutter Elisabeth Braungart sehen eine Lücke im Bereich der Pflege von schwer kranken Menschen. Genau in diese Lücke wollen sie stoßen. Weil sie es selbst erlebt haben. "Wir sind für diejenigen, denen es zu gut geht für die Intensivstationen, aber zu schlecht, um zu Hause selbst versorgt zu werden", sagt Hümmer. Genau in einer solchen Situation hatten sie und ihre Mutter sich befunden, als Braungarts Vater 2009 ins Wachkoma gefallen war. "Er wurde beatmet und ernährt", sagt Braungart. Das Wohnzimmer sei so zu einer kleinen Intensivstation geworden.

"Ambulante Intensivpflege gab es damals nur selten",erzählt sie. "Wir hatten dann die Wahl, jemanden 24 Stunden bei uns zu Hause haben, oder ihn ins Pflegeheim zu geben."

Juliane, die damals noch zur Schule ging, entschied sich den Weg in die Pflege einzuschlagen. Ihre Mutter hatte bereits Erfahrung in der Altenpflege. Die Idee des ambulanten Intensivpflegedienstes mit einer Wohngemeinschaft für die Pflegenden entwickelte sich. Mittlerweile sind die Räume in der Bayreuther Straße in Forchheim eingerichtet.

"Bis zu sechs Patienten könnten hier in der Wohngemeinschaft leben", berichtet die Pflegedienstleiterin. Es wären dann rund um die Uhr zwei examinierte Fachkräfte vor Ort. Das besondere an der WG ist, dass es einen großen Wohn- und Essbereich sowie geteilte Sanitäreinrichtungen gibt. Jeder Bewohner der Wohngemeinschaft hat zusätzlich mindestens 20 Quadratmeter für sich. "Es ist uns wichtig, dass sie es trotz allem schön haben", betont sie. "Es geht dabei auch um die Menschenwürde."

Nur, weil jemand schwer pflegebedürftig sei, heiße das nicht, dass die Menschen nichts mitkriegen. Sie sollen sich daher auch möglichst frei einrichten können. "Wir wollen den Leuten oder ihren Angehörigkeit die Möglichkeit geben, es sich heimisch zu machen."

Mit einer Art neuen Heimat außerhalb der familiären vier Wände könnte auch für die Angehörigen eine Entlastung geschaffen werden. "Aber die meisten Angehörigen haben Angst, ihre Lieben in fremde Hände zu geben", weiß Hümmer. Daher behalten viele ihre schwer Kranken zu Hause und nehmen enorme Belastungen auf sich. "Wenn ein Pflegedienst nur zwei oder drei Mal täglich kommt, dann ist die kranke Person im Fall der Fälle allein oder die Familie reibt sich auf, um die Rund-um-die-Uhr-Betreuung selbst zu stemmen."

Ähnlich wie es Braungart 2009 erging, geht es auch heute vielen Angehörigen: Sie wissen gar nicht, dass es auch eine Lösung gibt, die weder Pflegeheim noch Pflege zu Hause heißt. "Oft wissen sie gar nicht, dass es solche Wohnformen gibt", sagt sie. Neben der ambulanten Intensivpflege EliNa in der Bayreuther Straße gibt es noch weitere solche Wohngemeinschaften in Forchheim. "Insgesamt sind es aber nicht viele Betten, die in diesem Bereich zur Verfügung stehen", sagt Braungart.

Trotzdem stehen die sechs Zimmer bei EliNa aktuell leer. "Natürlich sehen wir auf der Liste von ambulanten Intensivpflegediensten", sagt Braungart, auch bei der Krankenkasse sei man gelistet. "Aber durch Corona können wir uns nicht persönlich vorstellen", bedauert sie. Das sei ein großes Problem, denn wer mit dem Gedanken spielt, die Liebsten außer Haus pflegen zu lassen, der möchte natürlich wissen, wer dann für die Angehörigen sorgt.

Als weiteren Grund sieht sie, dass immer mehr Intensivpatienten länger auf Reha bleiben. In der 1. Corona-Welle seien die Rehaeinrichtungen frei gehalten worden, mittlerweile seien die Stationen dort aber voll. Zudem seien die Einstufungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) momentan etwas schwieriger. Um den ambulanten Intensivpflegedienst bezahlt zu bekommen, muss aber ein entsprechender Status vergeben werden.

Michaela Gehms ist Pressesprecherin beim MDK und erklärt, dass es coronabedingt schon seit Monaten keine persönlichen Hausbesuche mehr gibt. "Es ist immer eine Abwägung zwischen Infektionsschutz und der Möglichkeit eine zeitnahe Leistungszusage zu geben." Deshalb habe man ein Telefonverfahren entwickelt. "Uns ist bewusst, dass das kein Ersatz für ein persönliches Treffen ist", sagt Gehms. Besonders persönliche Empfehlungen, die das Wohnumfeld verbessern würden, können telefonisch kaum gegeben werden. In besonderen Fällen gebe es aber noch Hausbesuche.

"Wir wissen auch, dass pflegebedürftige Menschen bei diesem Telefonat, das rund eine Stunde dauert, Unterstützung brauchen", erklärt Gehms. Bei Personen, die auf eine Intensivpflege angewiesen sind wird das Telefonat in der Regel komplett von einer Bezugspflegeperson übernommen.

"Es gibt eigentlich genügend Menschen in der Region, die den Status haben oder haben könnten", sagt Hümmer. Sie bezweifelt, dass durch die telefonische Einstufung immer der richtige Pflegegrad erteilt wird. Sie fürchtet vorallem, dass durch Corona Informationen auf der Strecke bleiben. "Wir bieten jedem an, der Interesse an der Wohngemeinschaft hat, sich bei uns zu melden. Wir können dann individuelle und unverbindliche Gespräche führen."