Wie haben Sie all die Jahre Ihren Auftrag verstanden?
Dieter George : Am Anfang ging es um eine Bestandsaufnahme der kulturellen Situation. Es gab Nachholbedarf. In der bildenden Kunst war schon viel da, aber ich hatte damals Handlungsbedarf gesehen im klassischen Bereich, da war eine Lücke. Kirchenmusikalische Aufführungen gab es überhaupt nicht. Wir haben dann die ersten Passionen und Requien aufgeführt, das war finanziell ein hohes Risiko. Wesentlich ist aber etwas anderes: Eine Stadt wie Forchheim sollte die Kulturarbeit kommunal verantworten. Und dazu gehört der Blick auf die Menschen, die in ihrer Freizeit Kunst schaffen, sie sollten sich ausdrücken können. Die Rathaushallen haben sich da zu einem idealen Raum entwickelt. Wir weisen niemanden ab, denn Kunst kommt von Können und Können will man zeigen. Das künstlerische Schaffen, das die Menschen in der Freizeit leisten, gilt es anzuerkennen. Das ist der kommunale Auftrag, dem versuche ich treu zu bleiben.

Können Sie der ganzen Palette der Kultur überhaupt gerecht werden?
Ich mache keinen Hehl daraus, mein Kulturbegriff ist traditionell und von den klassischen Bildungsidealen geprägt. Das ist ein Grund, warum ich mich etwa wenig berufen fühle, Heavy Metal-Konzerte zu organisieren. Aber über einen Übungsraum, den wir Jugend- und Amateurbands zur Verfügung stellen sollten, denke ich sehr wohl nach, der Saltor-Turm wäre so ein Raum. Insgesamt ist meine Rolle für die Kultur eine Mischform. Ich mache Veranstaltungen, unterstütze sie und rege sie an - mehr, als in der Öffentlichkeit oft wahrgenommen wird. Aber ich bin beispielsweise auch für die Vertextung von Grußworten des Oberbürgermeisters und des Bürgermeisters zuständig...

Woran erinnert sie der Begriff der Forchheimer Kulturwüste, der ging doch in den 80er Jahren um.
Dieser Begriff kursierte vor 1987. Letztlich verdanke ich diesem Begriff meine Einstellung bei der Stadt Forchheim. Gerade wegen der Wüste wurden die 80er Jahre dann zur Blüte der Kultur in der Provinz.

Was begann in Forchheim zu blühen?
Erst die klassische Musik, dann die Kleinkunst. 20 000 DM hat die Stadt pro Saison in die Kleinkunst investiert, das war damals sündhaft teuer. Einnahmen und Ausgaben standen im Missverhältnis. Die Kooperation mit dem Jungen Theater hat dieses Problem gelöst. Es war eine große Zäsur.

Steht heute nicht abermals eine Zäsur in der Forchheimer Kultur an? Die Macher des Jungen Theaters fordern mehr Raum, mehr Mitsprache.
Ich sehe die Zäsur, aber ich sehe sie anders als das Junge Theater. Wir brauchen authentische Kulturräume. Die Pfalz war ein entscheidender Schritt, jetzt könnte der Stadtpark weiter gestaltet werden. Außerdem entsteht gerade die neue Bibliothek und dort, wo das Schwesternwohnheim stand, ist Raum für eine Forchheimer Kulturmeile - ein einmaliger Veranstaltungsort.

Muss sich das Junge Theater also mit dem Status quo begnügen?
Der Standort Junges Theater wurde mit heißer Nadel gestrickt. Das bedauere ich, denn ich hätte mir ein größeres und komfortableres Theater gewünscht; einen Raum für 200 Besucher, vielleicht so etwas wie die Nürnberger Kammerspiele.

Aber das Junge Theater könnte sich doch jetzt dahin verwandeln...
Nun, ich habe ja über das Kolpingshaus als Kulturort schon öffentlich nachgedacht. Das ist ein vielräumiges Gebäude. Es ist ein komplexes Thema, aber das Kolpingshaus könnte auch dem Theater neue Perspektiven eröffnen. Es ist viel in Bewegung in Forchheim, auch das Kloster ist eine tolle Anlage. Die Volkshochschule nutzt bereits den Klostersaal als Bühne...

Die Kultur dreht sich um die Politik. Hat Ihre feste Verankerung in der CSU Ihre Aufgabe als Kulturbeauftragter nicht von Anfang an beschwert?
Was den Rückhalt im Stadtrat betrifft, war meine Parteizugehörigkeit ein Vorteil. Was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, war sie ein Nachteil. Da gab es die Vorbehalte, die CSU wolle die Stelle parteipolitisch besetzten.

Vertreter der Kultur und der Politik - fühlen Sie sich wohl in der Doppelrolle?
Ach, es schlagen eben zwei Seelen in meiner Brust. Zum einen bin ich ein konservativer Homo Politicus und hätte die CSU gerne konservativer, denn die CSU entfernt sich davon, eine konservative Partei zu sein. Auf der anderen Seite bin ich ein Kulturmensch, der die Kultur als Mittelpunkt des Lebens, als Essenz von Geisteshaltungen betrachtet.

Offenbar sind die beiden Seelen schwer zusammenzubringen.
Das reicht tief in die deutsche Geschichte hinein. Über die lange Zeit hinweg betrachtet, sind wir Deutschen zwar kulturell begabt, aber nicht politisch. Die Deutschen sind keine Könner des Alltags.

Hätten Sie sich als parteiloser Kulturreferent leichter getan? Etwa in Ihrem dritten Amtsjahr. Da gab es den sogenannten Madonnen- Skandal, sie zensierten in einer Ausstellung ein Bild von Hürlimann.
Gewiss, ein Kulturreferent ohne Parteibuch tut sich leichter. Aber der Madonnen-Skandal hatte damit nichts zu tun.
Kultur braucht Freiheit und Öffentlichkeit. Kunst muss provozieren, sie muss frei sein. Das war eine späte Einsicht, die hatte ich damals noch nicht. Es war eine Fehlentscheidung...

Die Sie heute noch bereuen?
Damals stand ich ziemlich alleine da, aber es hat mich nicht umgeworfen. Wenn es heute Schwierigkeiten gibt, kann ich immer auf 1989 verweisen. Ich habe daraus gelernt. Und mit Hürlimann gab es eine Begegnung der zweiten und dritten Art. Wir haben uns ausgesöhnt. Zuletzt habe ich in Forchheim eine Laudatio auf ihn gehalten.

Immer wieder hört man, Dieter George könnte noch ganz anders. Eigentlich ist er unterfordert, er müsste doch höher hinaus. Haben Sie in Ihrem Leben was verpasst?
Ich fühle mich sehr an Forchheim gebunden. Hier habe ich meine Freunde, ich bin in das Vereinsleben eingebunden. Forchheim ist meine Bühne. Der Sprung nach außen? Tja... - bereut hab ich es nicht, hier geblieben zu sein. Und es kam auch nie ein Ruf, so gesehen ist es eine sehr theoretische Überlegung.

Politisch scheinen Sie die Rolle der Eminenz im Hintergrund inne zu haben - und sich damit wohl zu fühlen?
Der Eindruck ist sicher nicht falsch.

Noch dreieinhalb Jahre bleiben Ihnen im Amt. Wie lautet der Auftrag?
Eine konkrete Utopie ist die Verbesserung der kulturellen Räume. Das will ich auf den Weg bringen. Im Juli haben wir das Problem schon wieder: Eine symphonische Aufführung und wir kriegen die 73 Musiker nicht auf der Bühne unter. Der Hof der Kaiserpfalz muss dringend überdacht werden. Außerdem gilt weiter der Auftrag: Kunst muss kommunal verantwortet bleiben. Der vom Jungen Theater geforderte Kulturmanager darf kommen, aber unter der Regie der Kommune.

Sie haben in der Wüste begonnen. Welche Kultur-Landschaft werden Sie verlassen?
Wenn wir schon die landschaftlichen Metaphern bemühen, dann scheint uns mittlerweile eher ein Dschungel zu drohen. Viele Vereine organisieren eigene Kleinkunst-Veranstaltungen. Und die Stadt kann Veranstaltungen nicht verbieten.
Daher wirkt es manchmal wie ein Dschungel, aber ich möchte es etwas wohlwollender ausdrücken: Die Forchheimer Kultur hat sich in Richtung eines Gartens entwickelt, allerdings ist es ein etwas naturbelassener Garten.

Die Fragen stellte
Ekkehard Roepert