Matthias Fischbach ist FDP-Landtagsabgeordneter aus Effeltrich. Beim Thema Bildung teilt er seit Beginn der Corona-Pandemie häufig aus. Besonders Kultusminister Michael Piazolo (CSU) bekommt viel Schelte ab. Im FT-Interview erzählt Fischbach, wo es seiner Meinung nach beim Thema Homeschooling und Distanzunterricht hakt, welche Probleme es in den Schulen vor Ort gibt und ob er einen "normalen" Schulabschluss 2021 für möglich hält.

Fränkischer Tag: Herr Fischbach, können Sie uns erklären, was der Unterschied ist zwischen Homeschooling und dem, was gerade in Bayern praktiziert wird?

Matthias Fischbach: Homeschooling ist vor allem eine Bewegung in den USA. Dort werden die Kinder zu Hause von den Eltern unterrichtet und haben gar keinen Kontakt mehr zur Schule. Genau das wollen wir aber nicht. Wir wollen eine direkte Anbindung an die Schule und einen Distanzunterricht über elektronische Medien. Dieser soll sich dem Level eines Präsenzunterrichts annähern. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, was der Kultusminister sagt. Er sagt, dass Distanzunterricht nie so gut sein kann wie Präsenzunterricht. Wir müssen den Distanzunterricht aber so gut wie möglich machen. Und dabei ist das Mindestmaß, dass Mebis funktioniert. (Mebis ist das Internetportal des bayerischen Kultusministeriums, Anm. d. Red.)

Mebis ist ja ein großes Thema, was die aktuelle Unterrichtung der Schüler angeht. Es wurde auch vom "Erfolgsmodell Mebis" gesprochen. Was sagen Sie dazu?

Man muss natürlich sehen, wann das gesagt wurde. Herr Piazolo hatte Mebis am 8. Oktober als Erfolgsmodell bezeichnet. Aber wenn wir uns heute anschauen, wie es läuft, nämlich, dass die Lehrer ihre Schüler dazu auffordern sollen, die Plattform nur auf Anweisung zu nutzen, da sie sonst überlastet ist, dann ist das ein Armutszeugnis und genau das Gegenteil von einem Erfolgsmodell. Dabei habe ich das Gefühl, dass Kultusminister und Ministerpräsident gar nicht wissen, was man alles machen kann. Es gibt schließlich auch Lehrer, die schon ganz anders arbeiten. Kurse, bei denen man online Dinge ausfüllen kann, bei denen interaktiv gearbeitet wird. Aber das ist an der Spitze des Kultusministeriums noch überhaupt nicht angekommen.

Können Sie drei konkrete Forderungen benennen, die in den nächsten Monaten umgesetzt werden sollen?

1. Konkrete, rechtliche Rahmenbedingungen. 2. Digitale Prüfungen. 3. Professionelle Steuerung im Kultusministerium.

Wieso braucht es konkrete, rechtliche Rahmenbedingungen?

Es muss einen verpflichtenden Rahmen geben. Es muss geregelt sein, wer sich wann zuschalten muss. Und auch die Frage des Datenschutzes muss geklärt werden. Das ist ein Thema, bei dem sich das Kultusministerium seit fast einem Jahr wegduckt. Auch Microsoft Teams ist deshalb aktuell nur eine Übergangslösung. Das ist alles zu labil. Wir brauchen Beständigkeit und Verlässlichkeit. Das geht nur mit einem konkreten rechtlichen Rahmen.

Wie stellen Sie sich die digitalen Prüfungen vor?

Die Hochschulen haben es vorgemacht. Dort hat man im Sommer schon einen Gesetzesrahmen für digitale Prüfungen geschaffen. Ich bin der Meinung, wir müssen auch für digitale Prüfungen in den Schulen einen Rahmen schaffen. Aktuell gibt es da ein Konstrukt, das man über die Schulordnung geregelt hat. So ist es jetzt möglich, dass auch über die Distanz mündliche Noten gemacht werden dürfen. Wir sollten uns da auch schon für die nächsten Monate vorbereiten. Wir wissen ja noch nicht, ob wir in Präsenz Abschlussprüfungen durchführen können.

Was verstehen Sie unter einer professionellen Steuerung im Kultusministerium?

Wir brauchen jemanden, der digitale Bildung kann. Piazolo ist in meinen Augen kein Digitaltreiber, sondern ein Digitaltrödler. Wir müssen die Materialien, Fortbildungen, neue pädagogische Konzepte und alles was damit zusammenhängt, professionell vorbereiten. Wir brauchen einen Krisenstab im Kultusministerium, der in der Lage ist, das alles professionell durchzusteuern. Wir haben aktuell ein Team, das bemüht ist, aber mit der Herausforderung überfordert ist. Wir haben aktuell abgeordnete Lehrer und nicht erfahrene Projektleiter, die die einzelnen Projekte steuern und auch niemanden, der alles im Überblick hat.

Vorhin hatten Sie gesagt, dass im Ministerium noch nicht angekommen ist, wie gearbeitet werden kann. Jetzt sagen Sie, dass abgeordnete Lehrer im Ministerium arbeiten und mehr Projektleitung benötigt wird. Ist das Ministerium jetzt zu weit weg oder gibt es genügend Schulerfahrung dort?

Es reicht nicht, nur ein paar Beteiligte aus den Gymnasien ins Ministerium zu setzen. Sondern man braucht bei der Entwicklung von bestimmten Programmen auch aktive Beteiligungsprozesse. In der Projektentwicklung nennt sich das User Acceptance Test. Sowas ist aber gar nicht vorgesehen. Dann stellt man danach fest, dass alle unzufrieden sind. Natürlich braucht man die Lehrkräfte dabei. Aber man braucht auch Menschen, die Erfahrung haben mit solchen großen Digitalprojekten.

Haben Sie Rückmeldungen aus Ihrer Heimatgemeinde, wie es dort in Effeltrich aktuell läuft?

In Effeltrich bin ich über den Gemeinderat natürlich näher dran, weil wir dort Sachaufwandsträger sind. Meine überparteiliche Fraktion hat dort schon relativ früh einen Antrag gestellt, dass wir wissen wollen, wie es aktuell aussieht in der Schule. Das war Ende September. Die Mehrheit von CSU und Freien Wählern hat aber den Antrag, dass der Schulleiter im Gemeinderat Stellung beziehen soll, in seiner ursprünglichen Form abgelehnt. Nächste Sitzung kommt es dann endlich doch dazu. Unter anderem hatten wir auch wegen der Nutzung des Raumluftreiniger-Programms angefragt. Denn es war mir ein Anliegen, dass wir auch die Klassenzimmer sicher machen. Das eine ist ja Distanzunterricht, aber gerade bei den Jungen ist der Präsenzunterricht noch wichtiger. Dort kommt der Betreuungs- und Erziehungsaspekt mit rein. Da brauchen wir unbedingt sichere Klassenräume.

Aber beim Raumluftreiniger-Programm liegt ohnehin vieles im Argen. Die Raumluftreiniger waren nämlich nur dann vorgesehen, wenn nicht effektiv alle 20 Minuten gelüftet werden kann. Aber wenn alle 20 Minuten gelüftet wird, dann ist es einfach zu kalt in den Klassenzimmern. Die Aufgabe, dass es nicht zu kalt wird, trägt aber laut Staatsregierung der Sachaufwandsträger. Das heißt, das Ministerium schreibt die Lüftungsfrequenz vor, zieht sich aber nicht den Schuh an, dann auch dafür zu sorgen, dass die klimatischen Bedingungen geben sind. Vieles ist da einfach nicht zu Ende gedacht. Jetzt wird es endlich überarbeitet. Fehler darf jeder Mal machen. Aber für mich gibt das unter dem Strich das Bild: Wir haben einen überforderten Minister.

Gibt es auch etwas, wo Sie sagen, das läuft besser als noch im März oder April?

Ja, man muss sagen, dass viele Schulen ihre Hausaufgaben gemacht haben. Ich habe mit vielen Lehrern gesprochen, die von verschiedenen Portallösungen berichtet haben. Und auch von Eltern, wie zum Beispiel aus der Realschule in Forchheim, die sich selbst dafür einsetzen, dass etwas voran geht. Dort wird Teams genutzt und der Elternbeirat unterstützt mit Schulungen. Es scheint an vielen Stellen zu funktionieren. Ich finde es halt wichtig, dass durch Videokonferenzen auch eine Nähe gegeben ist und nicht nur Arbeitsblätter verschickt werden.

Halten Sie es für realistisch, dass dieses Jahr ein ganz normaler Schulabschluss möglich ist?

Ganz schwierig. Es gibt wenige Schulen, die ganz herausragend sind. In Erlangen gibt es zum Beispiel die Realschule am Europakanal. Dort ist man seit langem am Thema Digitalisierung dran. Sie haben dort seit über einem Jahrzehnt flächendeckendes Wlan und seit Jahren iPad-Klassen im Einsatz. Dort wurde vieles ausprobiert. Die hatten es natürlich viel einfacher jetzt umzustellen. Mit dem Effekt, dass mir gespiegelt wird, dass sie dort teilweise sogar vor dem Lehrplan sind. Weil sie wissen, wie man guten, hochwertigen Distanzunterricht macht.

Auf der anderen Seite sehen wir ganz klar auch Verzweiflung. Eine Lehrerin aus einer Grundschule hat mich kürzlich angeschrieben und gesagt, dass sie ihren Schülern selbst gemacht Videos angeboten hat. Daraufhin haben sich Eltern aus den Parallelklassen bei ihren Lehrern beschwert, warum die das nicht machen. Nun hat die engagierte Lehrerin Druck vom Kollegium bekommen und sie durfte keine Videos mehr anbieten. Nur, um das mal darzustellen, was teilweise noch für Traditionen vorherrschen.

Wir müssen jetzt schauen, dass wir die Schüler so gut wie möglich durch die Abschlüsse bekommen. Das werden jetzt keine normalen Abschlüsse sein. Aber wir müssen aus dieser Krise jetzt eine Chance ergreifen. Es sollte die Initialzündung sein, für ein Bildungssystem, das sich endlich bereit macht für die ganzen Herausforderungen, die in einer digitalen Welt auf uns zukommen.