"I follow rivers" pfeift es aus der schwindelerregenden Höhe von 30 Metern - von der Baumkrone einer Weißtanne kommt die fröhliche Melodie. Der 23-jährige Mathias Schmidt hängt dort zwischen den Ästen und geht seinem ungewöhnlichen Job nach: Er pflückt Tannenzapfen. Ein paar Meter weiter sieht man einen weiteren jungen Mann gerade einen Stamm herunterklettern: Felix Jäger (20) ist gerade mit der Ernte eines Baumes fertig geworden.



Daniel Schenk vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bamberg ist der betreuende Förster des Tannenwaldes (nahe der Vexierkapelle) und erklärt das ungewöhnliche Bild: "Die Tanne wurde in den letzten Jahrzehnten, besonders in den 80er Jahren, durch Industrieabgase stark beschädigt und ist deswegen seltener geworden." Dabei sei die Tanne trotz des langsamen Wuchses ein wichtiger Bestandteil eines gesunden Mischwaldes, sie sei stabil, ein guter Holzlieferant und würde im Schatten besser wachsen als andere Nadelbaumarten. "Nur eine Menge stabiler Einzelbäume ergibt auch einen stabilen Gesamtwald", berichtet Daniel Schenk.

Tannenwald als Saatgutspender

Damit der Tannenwald bei Weilersbach ein Tannenwald bleibt, hat sich der Förster um eine Zulassung vom Amt für Saat- und Pflanzenschutz bemüht, die den Tannenwald als "Saatgutspender" qualifiziert. Um die Verbreitung der Tanne nicht dem Zufall zu überlassen, wird das Saatgut aus den Tannenzapfen entnommen, getrocknet, gelagert und bei Bedarf ausgesät. "Die Samen können dann in den Wuchsgebieten angesät werden, die ähnliche Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse haben wie der Spenderwald", erklärt Johannes Hölzel von der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Oberfranken, "Samen aus dem Tannenwald sind beispielsweise überall in der Fränkischen Schweiz verwendbar".

Wichtig ist, dass die Samen von mindestens 20 verschiedenen Bäumen stammen, um eine genetische Vielfalt zu garantieren. Doch an die Samenkörner zu kommen ist alles andere als einfach! Denn die "Tannenzapfen", die auf dem Waldboden zu finden sind, sind eigentlich Fichtenzapfen. Einen echten Tannenzapfen haben - trotz der Prominenz dieses Begriffes - erst die wenigsten Leute gesehen. Er fällt nicht herunter und ist nur ganz oben in den Baumkronen der Tannen zu finden.

Hier kommen auch die jungen Zapfenpflücker ins Spiel: In der Erntezeit klettern die gelernten Forstwirte täglich auf bis zu vier Tannen, oft 40 Meter über der Erde, um die wertvollen Zapfen zu pflücken.

Mathias Schmidt und Felix Jäger erleben gerade ihre erste Saison als Zapfenpflücker. Beide haben eine Weiterbildung hinter sich und einen Kletterschein in der Tasche. Gesichert sind sie bei ihrem gefährlichen Job nur mit Seilen, die sie selber befestigen.

Aus diesem Grund arbeiten Zapfenpflücker auch immer zu zweit, damit in einer Notfallsituation Hilfe geholt werden kann. Mathias Schmidt hat für die Saison-Nebentätigkeit eine Firma gegründet, der Kollege Felix Jäger ist bei ihm angestellt. Schenk bezahlt seine Pflücker in Stunden, das ist aber eher eine Ausnahme: Meistens werden Zapfenpflücker nach dem Gewicht des Geernteten bezahlt.

Weil das Klettern auf die hohen Bäume die meiste Zeit in Anspruch nimmt, freuen sich die Pflücker über besonders zapfenreiche Tannen. Daniel Schenk erklärt: "Wenn es der Tanne gut geht, dann hat sie auch mehr Zapfen. Viele Zapfen sind Luxus für einen Baum - vergleichbar mit Kindern kosten sie die Tanne einiges."

Deswegen müssen in einem gesunden Wald auch immer wieder Bäume gefällt werden, im Tannenwald sind das vor allem Fichten. Schenk zitiert seinen ehemaligen Ausbilder: "Die Bäume kämpfen untereinander - um Platz und um Licht."

Sprung in 30 Metern Höhe

In ihrer ersten Saison hatten die jungen Männer noch keine Gefahrensituationen zu meistern. Schmidt traut sich sogar in 30 Metern Höhe von einer Baumkrone in eine andere zu springen. Trotzdem sind sich beide der Gefahr bewusst, sichern sich ab und tragen Helme. Bei welchen Windverhältnissen die beiden pflücken, sich in die Baumgipfel trauen, liegt in ihrem eigenen Ermessen.

Wenn einer der beiden "einen Baum gemolken hat" (Schmidt), wirft er den Sack voll Tannenzapfen nach unten, seilt sich ab und bindet ein grünes Band als Markierung um den Stamm - um sich dann die nächste Kletter-Herausforderung zu suchen.