Ob Drogen im Spiel waren, als ein 22-Jähriger im November in einem Forchheimer Asylbewerberheim auf seinen Bruder einstach, konnte im Prozess nicht geklärt werden. Dass er unter schweren Psychosen leidet und nicht bei Sinnen war, als er den Geschädigten mit dem Messer angeblich vor Satan schützen wollte, scheint jedoch gesichert zu sein.

In dem Verfahren ging es um einen Antrag zur Sicherheitsverwahrung, da der junge Asylbewerber zum Tatzeitpunkt unter schweren Denkstörungen gelitten haben soll. Es wurde von einer Schuldunfähigkeit ausgegangen.
Die Tat, die zur Verhandlung stand, ereignete sich im November 2014 in einem Asylbewerberheim in Buckenhofen. Keiner der beiden Männer war zu dieser Zeit wohnhaft in diesem Heim. Sie hatten wohl über einen Landsmann Zutritt zu der Einrichtung bekommen und hielten sich ohne ihn in dessen Zimmer auf.

Angeklagter sagt nicht aus

Da weder der Angeklagte noch sein geschädigter Bruder Angaben zur Tat machen wollten oder konnten, musste sich das Schwurgericht um Richter Manfred Schmidt anhand von Zeugen- und Gutachteraussagen ein Bild machen. Demnach hatten sich die Brüder am frühen Morgen des 11. November lautstark in einem Zimmer gestritten. Vermutlich hatte der Jüngere der beiden mit einem Küchenmesser auf seinen Bruder eingestochen, bevor dieser schreiend auf den Flur flüchtete. Dort kamen erste Zeugen hinzu.

Die Polizeibeamten, die vor Ort waren, beschrieben die Situation als sehr schwierig, da niemand der Zeugen Deutsch verstand und somit kaum brauchbare Aussagen aufgenommen werden konnten. Vor Ort fanden die Beamten auch schnell den jüngeren Bruder, der sich zu diesem Zeitpunkt noch im Zimmer befand und nach Angabe des Beamten ihn kaum wahrzunehmen schien. Auch er war verletzt, jedoch nicht so sehr wie sein Bruder. Beide kamen ins Krankenhaus.

Als Sachverständiger sagte Dr. Peter Betz vom Erlanger Institut für Rechtsmedizin zur Schwere der Verletzungen aus. Beim Älteren der beiden Brüder habe sich eine Verletzung unterhalb der linken Brustwarze und eine weitere an der Hand gefunden. Die Verletzung an der Hand könne man als "aktive Abwehrverletzung" bezeichnen, sagte Betz.

Angeklagter verletzte sich selbst

Die Wunden des Angeklagten sehen hingegen wie "typische Selbstverletzungen" aus, erläuterte der Sachverständige. Allerdings sah er die Verletzungen erst am Tag nach der Tat, da die Erstversorgung in den Klinken Forchheim und Erlangen vorgenommen worden war. Schließlich stellte er fest, dass es "eine Frage des Zufalls" sei, ob die Verletzung tödlich oder nicht ausgehe. "Allein aufgrund des Verletzungsmusters kann ich nicht auf die Motivation schließen", erklärte Betz.

Ein weiterer Forchheimer Polizeibeamter sagte, der Angeklagte und sein Bruder seien der Forchheimer Polizei bereits vorher bekannt gewesen. Auch der Auszug aus dem Bundeszentralregister bestätigte dies. Wegen mehren Diebstählen, unter anderem im Globus in Forchheim, aber auch in Fürth, Kulmbach und Bamberg war der Angeklagte schon zu Geldstrafen verurteilt worden. Das neuste Urteil ging sogar mit einer Haftstrafe einher.

Der Forchheimer Polizeibeamte berichtete außerdem, dass der Angeklagte gemeinsam mit seinem Bruder untergetaucht gewesen war. Der Ausländerbehörde gegenüber hatten sie angegeben, zurück nach Georgien gehen zu wollen. Dies war aber nicht der Fall, sie lebten kurze Zeit in der Schweiz, dann wieder in Franken. Erst durch den Vorfall in der Forchheimer Asylbewerberunterkunft wurde bekannt, dass sie sich wieder in der Region aufhielten. Die Asylanträge der Brüder wurden eingestellt und werden ohne erneuten Antrag nicht wieder aufgenommen. Ihnen steht eine Abschiebung bevor, erläuterte der Rechtsanwalt des Angeklagten, Alexander Jost.
Dr. Anatoli Abramovic, Psychiater der Justizvollzugsanstalt (JVA) Würzburg, hatte im Auftrag der Staatsanwaltschaft ein Gutachten über den psychischen Zustand des Angeklagten erstellt. Er verwies auf das Vernehmungsprotokoll nach der Tat, in dem ein roter Faden zu erkennen war: Der Angeklagte hielt sich für "gut" und wollte den Bruder von Satan befreien. Abramovic vermutete, dass der Angeklagte unter einer drogen implizierten Psychose leide, da der junge Georgier angegeben hatte, immer wieder Cannabis zu konsumieren und bereits mehrfach Wahnvorstellungen gehabt hatte. Während der Zeit in Würzburg bekam er Medikamente, die diese Halluzinationen unterdrücken sollten.

Weitere Übergriffe im Klinikum

Als weiterer Gutachter sprach Dr. Johannes Stahlmann, der leitende Oberarzt des Bezirksklinikums Bayreuth, in dem der Angeklagte seit Januar untergebracht war. Er berichtete von zwei Vorfällen, die in einer Zeit stattfanden, als der Angeklagte keine Medikamente nahm. Dabei kam es zu Übergriffen gegen einen Mitpatienten. Auch hier gab es wieder Äußerungen des Angeklagten, er würde gegen die "dunkle Seite" kämpfen und als eine Art Gesandter von Jesus den Kampf mit Satan aufnehmen.

Infolgedessen wurde eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Mittlerweile nimmt der Angeklagte wieder Medikamente. Eine gewisse Krankheitseinsicht sei vorhanden, erklärte Stahlmann. Es sei außerdem typisch, dass bei nachlassender Medikamentenwirkung wieder Psychosen aufträten. "Unter der aktuellen Medikation ist er stabil", versicherte der Bayreuther Oberarzt jedoch und stelle eine Unterbringung im Gefängnis als mögliche Option dar.

Beide Gutachter waren sich einig, dass der junge Georgier unter anderem an formalen Denkstörungen, religiösem Wahn und Größenwahn leidet.

Abramovic betonte, dass auch einschlägige Straftaten zu erwarten seien, wenn der Angeklagte nicht weiter Medikamente nehme. Auch sagte er, dass der Angeklagte immer wieder betont habe, wie sehr er seinen Bruder liebe und dass er ihn nur "retten" wollte. "Keine psychische Störung, keine Tat", war deshalb seine Schlussfolgerung.

Nur gefährliche Körperverletzung

Schließlich entschied das Schwurgericht um Richter Schmidt, dass sie die Sache im folgenden "lediglich" als gefährliche Körperverletzung behandeln wolle. Der Vorsitzende regte an, das Verfahren im Hinblick auf Verurteilung durch das Amtsgericht Erlangen einzustellen, da dieses dann zu einer Gesamtstrafe kommen solle.