Die Verhandlung war als "öffentliche Sitzung des Schöffengerichts" angekündigt, doch in Wirklichkeit versteckten sich die Dramatis personae - Richter, Staatsanwalt, Verteidiger, Nebenklägeranwalt und Schöffen - hinter einer als "Rechtsgespräch" bezeichneten Unterredung.
So sorgten sie dafür, dass die Verhandlung eben doch nicht öffentlich war. Vielleicht war das auch richtig so, denn der Fall steckte voller Pikanterien und Peinlichkeiten, die nicht für jedermann bestimmt waren. Für Voyeure und, falls es so etwas gibt, Écouteure (von écouter, französisch für lauschen), Sensationslüsterne also, die gern mit Augen und Ohren dabei sind, war das jedenfalls nichts. Wer auf so etwas stand, musste sich mit dem Wortlaut der Anklageschrift begnügen.
Angeklagt war der 47-jährige Ehemann der Geschädigten, doch was genau dahinter steckte, blieb bis zuletzt der Spekulation überlassen. Der Mann soll sich über seine durch vorangegangenen Alkoholgenuss und eingenommener Schlaftabletten wehr- und willenlose Ehefrau hergemacht haben und sie zu sexuellen Handlungen benutzt haben. "Der Angeklagte", so der Anklagesatz in für diese Art von Schriftstück ungewohnter Freimütigkeit, "nutzte die Gelegenheit aus, entkleidete die im Bett Liegende vollständig und entkleidete sich anschließend selbst. Sodann manipulierte er zunächst an der nackten Vagina der Frau und spreizte wiederholt die Schamlippen."
Schließlich sei es bei ihm zum Samenerguss gekommen. Außerdem existierte von der angeblich so betrunken liegenden Frau und dem lüsternen Ehemann ein Video, das er selbst aufgenommen haben soll.

Konfuse Schilderungen


Der angeklagte Mann schilderte die Vorkommnisse in einer etwas konfusen Weise, die verriet, dass er lieber ganz weit weg gewesen wäre und nicht in einem Gerichtssaal, der zu allem Überfluss noch mit einer Oberstufenklasse ziemlich dicht besetzt war. Sein Erlanger Verteidiger Gerhard Langhans rettete ihn dadurch aus der unangenehmen Lage, dass er Amtsrichter Bernd Kuhn und seine Schöffen zu diesem "Rechtsgespräch" bat und die Situation dadurch den unerwünschten Ohrenzeugen entzog. Und bis zuletzt hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass noch etwas anderes dahinter stecken könne - etwa ein Rosenkrieg der besonders infamen Sorte.

Zu betrunken für Sex?


Als Verteidiger, Richter, Staatsanwalt und Schöffen zurückkehrten, war bereits alles gesagt, und es gab nichts mehr zu verhandeln. Die Zeuginnen, zumeist aus dem Umfeld der Frau stammend, waren dadurch überflüssig geworden und brauchten ihre Aussage nicht mehr zu machen. Es ging auch um die Frage, ob das mittlerweile seit Oktober 2010 getrennt lebende Ehepaar mit dem Einverständnis der Frau Sex getrieben hatte oder ob sie tatsächlich zu betrunken gewesen war - doch was hätten die Freundinnen und Bekannten dazu wirklich aussagen können?

2500 Euro Schmerzensgeld


Zunächst nahm der Anwalt der Klägerin ein so genanntes Adhäsionsverfahren zurück, für Nichtjuristen eine recht komplizierte Angelegenheit, mit deren Hilfe der verletzten Person die Möglichkeit eingeräumt wird, ihre aus der Straftat entstandenen vermögensrechtlichen Ansprüche bereits im Strafverfahren geltend zu machen. Damit entfallen weitere zivilrechtliche Verfahren, und der Antragsteller ist nicht Partei, sondern Zeuge in eigener Sache.
Von Schmerzensgeldansprüchen darf jedoch nur abgesehen werden, wenn der Antrag auf Schmerzensgeld unzulässig oder unbegründet ist. So kam es zum Vergleich: Der Mann muss der Frau - ohne Anerkennung einer Rechtspflicht - einen Betrag von 2500 Euro zahlen, in Raten zu monatlich 200 Euro. Die Kosten des Verfahrens werden gegeneinander aufgerechnet.
Geschlechtsverkehr, so der Staatsanwalt, sei auch dann nicht legal, wenn ein Ehepartner Alkohol intus habe oder schlafe. Seiner Forderung nach einem Jahr Haft auf dreijährige Bewährung schloss sich auch Rechtsanwalt Gärtner für die Nebenklägerin an. Da die verlangte Freiheitsstrafe ein Jahr nicht übersteige, war auch für den Verteidiger klar, dass es nur um eine Bewährungsstrafe gehen könne.

Ernüchterte Zuhörer


So lautete auch das Urteil: Ein Jahr Haft, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt - in einer Angelegenheit, in der der Strafrahmen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren liegt. Strafmildernd seien die fehlenden Vorstrafen und das Geständnis gewesen, so Amtsrichter Kuhn; verschärfend die Tatsache, dass die sexuellen Handlungen auch noch gefilmt worden seien.
Um seinen Bewährungshelfer werde sich das Amtsgericht Bayreuth kümmern, in dessen Bereich der Mann mittlerweile übersiedelt ist. Im Zuhörerraum machte sich etwas Ernüchterung breit - in einem öffentlich verhandelten Fall, der dann aber de facto doch nicht öffentlich verhandelt wurde.