Diese Geschichte hat einen doppelten Boden. Bei dem Vorfall, der sich zu Jahresbeginn bei einer Jagd im Reuther Wald zugetragen hat, geht es oberflächlich um zwei Hunde, ein Reh und den Vorwurf der staatlichen Wilderei. Doch darunter verbirgt sich noch mehr: der verbissen geführte Disput, ob der Staatsforst Raubbau an heimischen Tierarten bis hin zur Ausrottung des Rehwilds betreibt.

Folgendes ereignete sich gleich zu Beginn der jüngsten Drückjagd am Auerberg, bei der vor allem Wildschweine zur Strecke gebracht werden sollen: Zwei Hunde verlassen den Staatsforst und jagen im benachbarten Revier von Elsbeth Gronauer. Sie verfolgen ein Reh und treiben es in den Staatsforst, wo es geschossen wird.
Darüber herrscht Einigkeit, unklar sind die Details.Jäger Hubert Gronauer, der im Revier seiner Frau wegen der Drückjagd in der Nachbarschaft ansaß, spricht davon, dass die Hunde ein 300 Meter breites und ein Kilometer langes Gebiet "systematisch durchkämmt" hätten, "ohne dass sie von dem verantwortlichen Hundeführer daran gehindert worden wären". Das erfülle den Strafbestand der Wilderei.


Nichts mit Wilderei zu tun

Für den Jagdleiter Peter Grumann stellt sich das Ganze nach Rücksprache mit seinen Hundeführern anders dar: "Zwei Hunde wittern und verfolgen das Rehwild im Staatswald, das im Bogen läuft und ein Stück in die andere Jagd läuft, ehe es in unseren Bereich zurückkommt." Das könne vorkommen, schließlich kennen die Tiere die Jagdgrenzen nicht. Aber sehr weit ins andere Revier könnten die Hunde nicht gekommen sein, denn diese seien "kurzjagend". Mit Wilderei habe das jedenfalls nichts zu tun.

Was folgt, ist Zwist zwischen Gronauer und Grumann: nicht ernst genommene Protestanrufe, Beschimpfungen von oder durch Dritte noch während der Jagd, unterlassene telefonische Rückmeldungen später. Wie das genau abläuft, spielt hier keine Rolle. Nur die Heftigkeit der Reaktionen erstaunt. Zumal beide sagen: Bislang hätten sie eigentlich ein gutes Verhältnis gehabt. Warum eskaliert die Situation dann derart, dass Elsbeth Gronauer sogar erwägt, Strafanzeige zu stellen?

Die Antwort ist schnell gefunden: Jäger wie Gronauer sind verärgert darüber, wie die Förster, meist selbst mit Jagdschein ausgestattet, im Wald "ihrem" Wild gegenüber auftreten. Rehe würden nur als Gefahr für den Rohstoff Holz gesehen, weil sie junge Kulturen durch Verbiss zerstören.

Das Prinzip "Wald vor Wild", festgeschrieben im Waldgesetz für Bayern von 2005, geht einigen Jägern gehörig auf den Zeiger. So ist für Gronauer der aktuelle Zwischenfall vor allem ein Beispiel dafür, wie die Förster "illegale Mittel in Kauf nehmen", um die Abschusspläne zu erfüllen. Eine Jagd solle eigentlich selektiv stattfinden, doch dies sei bei einer Drückjagd nicht möglich. "Da heißt es: Auf alles ballern, was sich bewegt." Er selbst hätte vier, fünf Rehe schießen können an diesem Tag, habe es aber nicht getan.


Schwarzwild nimmt rapide zu

Für Grumann und seinen Chef Stephan Keilholz, Leiter des Forstbetriebs Forchheim, sind diese Anschuldigungen nicht neu. Um der rapide zunehmenden Schwarzwild-Population habhaft zu werden, sei eine Drückjagd mit Hunden notwendig, denn anders seien die nachtaktiven Wildschweine nicht aus der Deckung zu kriegen. Diese würden schließlich über bewirtschaftete Wiesen herfallen und erheblichen Schaden anrichten. Freilich gerate bei dieser Gelegenheit auch Rehwild ins Visier. "Viele benachbarte Jagdpächter sind froh, dass die Tiere bei so einer Jagd aufgescheucht werden, und sitzen selbst an", berichtet Keilholz. Grumann beteuert: "Wir bemühen uns um waldver trägliche Wildbestände."

Andere Ansichten vertritt der Ökologische Jagdverband (ÖJV), der sich für ein ausgeglichenes Mensch-Tier-Natur-Verhältnis einsetzt, oder auch der Poxdorfer Berndt Fischer.

Der renommierte Tierfotograf ist viel im Wald unterwegs und traurig darüber, dass eine zufällige Begegnung zwischen Mensch und Tier nicht mehr möglich ist: "Draußen sieht man entweder keine Tiere mehr oder sie sind auf der Flucht. Das ist das Ergebnis des Jagddrucks." Er beklagt zu lange Jagdzeiten und dass zu viele Arten gejagt werden (etwa den Dachs).

Die Jagd erscheine ihm allgegenwärtig und zu effizient. Und dabei bekämpfe die Jagd nur Probleme, die sie selbst geschaffen habe, zum Beispiel, dass sie das Rehwild förmlich von der Flur in den Wald getrieben habe. Fischer: "Die Selbstregulation der Natur wird durch die Jäger völlig unterlaufen. Und die Arten reagieren schließlich darauf, wie die Füchse, die mehr Nachwuchs auf die Welt bringen."

Die anfangs geschilderte Drückjagd am Auerberg bezeichnet Jagdleiter Grumann übrigens als durchschnittlich. "Wir haben den Abschuss einigermaßen erfüllt." 19 Rehe und fünf Wildschweine wurden zur Strecke gebracht. Der Regen habe ein besseres Ergebnis verhindert.