Um es gleich klarzustellen: Ich bin ein schrecklicher Vorleser. Die ersten paar Sätze klappt's noch ganz gut, dann verhasple ich mich, verdrehe die Buchstaben, verpasse das Satzende. Zum Weghören. Aber ich lese gerne - gezwungenermaßen beruflich, leidenschaftlich privat. Das genügt doch, um Jurymitglied bei einem Lesewettbewerb der Realschulen zu sein, oder? Schließlich muss ein Sportjournalist auch nie gegen einen Ball getreten haben, um einen Doppelpass oder ein Eigentor zu erkennen. Also sage ich zu, als Lehrerin Bettina Neumann-Bodem fragt, ob ich meine Bewertung abgeben würde.


Fünf Punkte pro Kriterium
Im Vorfeld des Wettbewerbs kommt schon ein Mail mit den Kriterien: Lesen die Schüler sicher und flüssig? Ist die Aussage deutlich? Passen Tempo und Betonung? Wird eine Stimmung vermittelt? Solche Dinge sind zu beurteilen. Lesetechnik und Textgestaltung heißen diese beiden Punkte beim Fremdtext. Bei den selbst gewählten Texten kommt noch der Punkt Textverständnis hinzu, also letztlich ob der vorbereitete Text eine gute Wahl war. Bis zu fünf Punkte dürfen jeweils vergeben werden. Zwei Texte - einmal zwei, einmal drei Kriterium - das ergibt zusammen maximal 25 Punkte pro Leser und Jurymitglied. Alles klar, klingt logisch. Aber: Kriege ich das hin mit der fairen Bewertung?



Der Theaterraum, wo der Wettbewerb über die Bühne geht, versteckt sich zwar im Keller der Realschule Ebermannstadt, ist allerdings perfekt ausgeschildert. Und wunderbar geschmückt. Eine Klasse hat kleine und große Buchstaben aus Holz gesägt und bemalt - sie bilden die passende Kulisse. Viele der Kandidaten, die Hauptakteure an diesem Vormittag, sind schon da, begleitet von Lehrern und Eltern. Ihre Anspannung ist spürbar.
Links im Eck ist der Platz für die Jury. Ah, ein Mitstreiter ist schon da: Joachim Kortner. Autor von "Raststraße" und "Mamas rosa Schlüpfer", früher war er selbst Lehrer. Wenig später kommt Eduard Göller vom Elternbeirat. Auch die beiden haben noch keine Jury-Erfahrung. Das beruhigt mich.


Unsicherheit auf beiden Seiten

Die Reihenfolge, in der die Fünftklässler vorlesen, wird ausgelost. Unter elf Mädchen findet sich nur ein Junge. "Das ist typisch für diese Wettbewerbe", sagt Schulleiter Michael Schmidt. Es geht los - mit Melissa. Sie macht es gut, lässt sich ihre Unsicherheit nicht anmerken. Ich mir auch nicht. Die erste Bewertung ist die schwerste. Weil der Vergleich fehlt. Also kritzle ich erstmal Beobachtungen auf einen Block. War das jetzt ein Versprecher? Ach, das sollen wir ja gar nicht bewerten. Sie liest ja recht ordentlich. Gefällt mir. Oder liege ich falsch? Hmmm, mal rüberschielen zu Kortner - ha! Der vergibt fast die gleiche Punktzahl. Passt also schon.



Von Kind zu Kind wird die Punkteverteilung leichter. Jedes für sich liest toll, doch die Details machen den Unterschied. Hier eine geschickte Betonung, dort eine lustig verstellte Stimme. Nur einmal zweifle ich noch: Hat mir der Harry-Potter-Vortrag nur deshalb so gut gefallen, weil ich den Text selbst schon gelesen habe? Nein, die Auswahl war einfach gelungen.


Guter Einüber oder guter Leser?

Nach der ersten Runde mit den selbstgewählten Texten liegen bei mir mehrere Kinder gleichauf. Es folgt der zweite Durchgang mit dem unbekannten Text aus dem Buch "Anton taucht ab" von Milena Baisch. "Da trennt sich jetzt die Spreu vom Weizen", verspricht Bettina Neumann-Bodem. Und sie hat recht.