Jüdisches Dorfleben in Franken ist in der Regionalgeschichte oft verschüttet. Ein Bewusstsein für das friedliche Zusammenleben der Religionen vom 16. bis 19. Jahrhundert vor der Zerstörung der jüdischen Kultur im 20. Jahrhundert will die Historikerin Martina Switalski schaffen. Sie hat nun das Buch "Shalom Forth. Jüdisches Dorfleben in Franken" vorgelegt.

Vor vier Jahren hat die Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Nürnberger Melanchthon-Gymnasium ihre akribische Forschungsarbeit begonnen und sich die auf die Suche nach Spuren jüdischen Lebens in ihrer Heimatgemeinde Forth, einem Ortsteil von Eckental (Landkreis Erlangen/Höchstadt) gemacht.

Zunächst unbehelligt

Und das war anfangs gar nicht so einfach - schließlich sind Dorfstrukturen oft sehr verhärtet.
"Die Juden in Forth und deren Vernichtung während des Dritten Reiches waren hier fast schon mythologisiert worden", sagt Switalski, "niemand wollte darüber sprechen". "Wir müssen uns nicht nur daran erinnern, dass sechs Millionen Juden ermordet worden sind - wir müssen uns auch daran erinnern, dass sie vor dem Holocaust friedlich und unbehelligt unter uns lebten", betont sie. In Forth begann die Ansiedlung der Juden im 16. Jahrhundert. Es folgte die schrittweise Etablierung der Israelitischen Kultusgemeinde Forth mit Synagogen- und Schulbau.

Nach der rechtlichen Liberalisierung im Jahr 1813 beteiligten sich die jüdischen Familien in Forth am wirtschaftlichen Aufschwung und prägten mit den charakteristischen "Trüpfhäusern" die Baugeschichte des Dorfkerns rechts und links der Hauptstraße. Einige sind davon noch heute zu sehen. Steht man vor einem solchen Haus, wird die Geschichte von einst wieder lebendig. "Die jüdischen Familien waren in das Gemeinde- und Vereinsleben hier ebenso integriert wie in die soldatische Pflicht des Ersten Weltkriegs", berichtet Switalski.

29 Opfer

Und doch brach das Grauen des Antisemitismus über das jüdische Leben in Forth herein. Die Shoa forderte 29 Opfer in Forth - Erkenntnisse, die die Historikerin in zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen und Dorfbewohnern gewann. Einer davon ist der Auschwitz-Überlebende Albert Kimmelstiel, der 1923 geboren wurde und in Forth aufwuchs. Er wird in dem Buch mit den Worten zitiert: "Fragt uns, wir sind die Letzten."

Schüler der Mittelschule Eckental konnten dies vor vier Jahren tun, als Albert Kimmelstiel aus den USA in den ehemaligen Heimatort zurückkehrte. Er schilderte seine Erinnerungen an die schlimmste Zeit in seinem Leben. Die Schüler fragten ihn unter anderem nach seiner Häftlingsnummer in Auschwitz, die auf seinem Unterarm tätowiert ist - ein Foto dokumentiert dies in dem Buch "Shalom Forth". Er berichtete von seinen Erlebnissen vor der Deportation in das Konzentrationslager, von den unmenschlichen sadistischen Quälereien und Strafen der SS und wie es ihm schließlich gelang, in die USA zu emigrieren.

"Eigentlich ist es fast zu spät, die Geschichte hier in Forth aufzuarbeiten", sagt Switalski, "aber es ist eben noch nicht zu spät". Für sie war dies ein weiterer Grund, ihre Forschungsarbeiten weiter voranzutreiben: "Die Zeit drängt. Bald gibt es keine Zeitzeugen mehr, die uns aus erster Hand berichten können, was damals geschehen ist."

Und so sprach Switalski auch mit dem über 90-jährigen Fritz Richter über die antisemitischen Taten in Forth.
Er erzählte ihr, wie Jugendliche damals Luftpumpen voll mit Schweineblut durch das Fenster einer jüdischen Nachbarin geworfen haben. Richter berichtete ebenso von anderen Verbrechen, die deutlich machen, dass sich Mittelfranken und eben auch Forth der NS-Ideologie kaum widersetzt hat.