Von Manfred Franze

Gegen Ende des 2. Weltkriegs, als viele Evakuierte und Flüchtlinge in der Fränkischen Schweiz Zuflucht suchten, mieteten sich 1944 Georg und Jolly Mandt in dem kleinen Ort Kanndorf bei Ebermannstadt ein. Er, 52 Jahre, sie 24 Jahre alt, nach eigenen Angaben seit 1943 verheiratet - was aber nicht zutraf. Mandt managte in Bamberg sein Revuetheater "Bunte Bühne" und sie firmierte nach außen als "technische Leiterin", agierte in Wirklichkeit aber als Sängerin auf der Bühne.

Bei der ländlichen Bevölkerung galt Mandt, der sich selbst als Schriftsteller, Regisseur und Manager bezeichnete, wegen seines Auftretens als "Zirkusdirektor". Was er nach Schließung seiner "Bunten Bühne" im August 1944 beruflich machte, liegt im Dunklen. Seine Umtriebigkeit verhalf ihm jedenfalls nach Kriegsende dazu, dass ihn die amerikanische Militärregierung zum kommissarischen Landrat in Ebermannstadt einsetzte.


Eine Rolle in "Titanic"


Vermutlich half ihm dabei seine Bekanntschaft zu Thomas Dehler, dem späteren FDP-Politiker, der zu diesem Zeitpunkt Landrat im benachbarten Kreis Bamberg war. Mandt übte sein Amt nur ein knappes Vierteljahr aus, dann setzten ihn die Amerikanern im September 1945 ab, weil er zu eigenmächtig agierte und mehr Interesse für die Bühne als an der Politik zeigte.

Mit seiner Begleiterin Jolly Bohnert veranstaltete er in und um Ebermannstadt Bunte Abende, trat als Moderator auf und agierte selbst als Schauspieler bei kleinen Sketchen. Kennen gelernt hatte er die 1920 in Berlin geborene Jolly Bohnert, kurz nachdem sie 1942 die Dreharbeiten zum Film "Titanic" beendet hatte. Sie war von dem Regisseur Herbert Selpin entdeckt worden. Ihm war das Nummerngirl im Berliner Revuetheater "Plaza" aufgefallen. Er engagierte sie als Tänzerin in der Rolle der Zigeunerin Marcia für den von Propagandaminister Goebbels in Auftrag gegebenen Film. Allerdings wurde der Film bis 1949 nicht gezeigt, zum einen weil der Regisseur bei Goebbels wegen einer kritischen Äußerung über die Wehrmacht in Ungnade fiel, von der Gestapo verhaftet wurde und sich unter nicht geklärten Umständen in seiner Zelle erhängte.

Zum anderen weil der Propagandaminister spürte, dass die Untergangs- und Panikszenen des Films zu sehr die aktuelle Furcht der deutschen Bevölkerung vor den nächtlichen Bombenangriffen der Alliierten widerspiegelten.

Bohnert weist Goebbels ab


Während der Dreharbeiten soll Joseph Goebbels ein Auge auf Jolly Bohnert geworfen, bei ihr aber nicht Gehör gefunden haben. Jedenfalls belegte er sie mit einem Berufsverbot. Sie flüchtete darauf nach Chemnitz, wo sie Georg Mandt für sein Revuetheater engagierte. Als ihre Auftritte in Berlin bekannt wurden, erwirkte Goebbels eine Dienstverpflichtung in die Berliner Siemenswerke, der sie nur dadurch entkommen konnte, dass Mandt sie krank meldete und sie zu einem befreundeten Arzt nach Wolfenbüttel schickte.

Er operierte sie zum Schein am Blinddarm, sodass bei der Kontrolle der Vertrauensarzt tatsächlich eine frische Wunde bescheinigen musste. Über das Arbeitsamt Bamberg konnte Mandt sie anschließend für die "Bunte Bühne" als "technische Leiterin" dienstverpflichten. So zumindest hat es Georg Mandt nach Kriegsende im Interview dargestellt.

Mandts Auftritte mit Jolly Bohnert fanden in der agrarischen Provinz Ebermannstadt unmittelbar nach Kriegsende ein geteiltes Echo. Während die Einheimischen sich kaum dafür begeistern ließen, feierte das Publikum in dem mit Flüchtlingen völlig überfüllten Kurort Streitberg vor allem die Tänzerin Jolly. Mandt selbst wollte nach seiner Absetzung als Landrat seine frühere berufliche Tätigkeit wieder aufnehmen, erhielt aber von der örtlichen Militärregierung nicht die dafür notwendige Lizenz.

Deshalb wich er nach München, später nach Bamberg aus, konnte aber nirgends auf Dauer mit seinen kleinen Bühnen Fuß fassen. Schließlich wandte er sich der Journalistik zu, verfasste für eine Illustrierte Reiseberichte aus Japan und moderierte im bayerischen Rundfunk.

Jolly Bohnert blieb bis 1946 in Ebermannstadt, folgte dann Mandt nach München in dessen "ABC-Theater" und feierte schließlich beim Frankfurter Studentenkabarett "Struwwelpeter" als sogenannte "Diseuse" (französisch für: Vortragskünstlerin) den entscheidenden Durchbruch. Von Frankfurt aus verpflichtete sie ein Schweizer Agent für eine Tournee durch Spanien. Sang sie bisher nur deutsch und französisch, so lernte sie nun Spanisch dazu. Es schlossen sich längere Gastspiele in Frankreich, der Schweiz und Auftritte in deutschen Großstädten an.

Spitze Bemerkungen


Er war es auch, der Jolly unter dem Künstlernamen Marée mit positiven Schlagzeilen in die Presse brachte. 1952 trieb er es allerdings auf die Spitze, als er eine Meldung in den "Spiegel" lancierte, nach der sie "als einziger deutscher Gast während der Olympischen Spiele in einem Sonderprogramm des ‚Suomi Filmi Palastes in Helsinki auftreten" werde.

Die "Neue Post" reagierte darauf mit der spitzen Bemerkung, dass bis dahin in Deutschland eine Jolly Mareé "so gut wie keinem bekannt gewesen" sei. Tatsächlich kam das Engagement dann auch gar nicht zustande, weil Mandt eine zu hohe Gage forderte. Ende der fünfziger Jahre startete das Paar auch zu Bühnenauftritten in die DDR. Mandt führte ab 1961 die Verhandlungen mit der staatlichen Konzert- und Gastspieldirektion Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), trat aber auch als "Plauderer" mit ihr zusammen auf der Bühne auf.

Als sich Mandt 1966 von ihr trennte und in die Bundesrepublik zurückkehrte, nahm Jolly Bohnert ab 1971 ihren festen Wohnsitz in der DDR. "In der Bundesrepublik haben Fernsehen und vor allem Striptease das Varieté kaputt gemacht", gibt sie als Grund ihres Bleibens an. Sie wolle dort leben, wo man ihre Kunst schätzt.
In der DDR im Allgemeinen und in Dresden im Besonderen hat sie über mehr als ein Jahrzehnt ihr Publikum gefunden. Es war keine Floskel, wenn sie sagte: "Ich liebe meine Dresdner wie sie mich lieben." Ihre Karriere beendete Jolly Bohnert Anfang der achtziger Jahre. 1983 stand sie im Rahmen einer Artikelserie über das Café Prag noch einmal im Mittelpunkt. Ernst Günther würdigte sie in den "Sächsischen Neuesten Nachrichten" "als eine der bedeutendsten deutschen Diseusen."

Zu diesem Zeitpunkt lebte sie bereits in Chemnitz. Dann erkrankte sie schwer: Liebevoll wurde sie von ihrer Lebenspartnerin, einer ehemaligen Angestellten der "Gastspieldirektion Karl-Marx-Stadt", betreut. Am 20. Dezember 2002 starb sie. "Ich habe ich keine Diseuse kennen gelernt, die mich derart überzeugte wie Jolly Marée", rief ihr der Kritiker Ernst Günther nach.