Elf Jahre nach den Geschehnissen des 9. und 10. November 1938 mussten sich 19 Männer vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Der Prozess dokumentiert: Die Verwüstung und Sprengung der Synagoge in der Wiesentstraße 15 war nur ein kleiner Ausschnitt eines ungeheuren Gewaltausbruches gegen die jüdischen Bürger der Stadt. Betrieben wurde dieses Zerstörungswerk nicht nur von einem elitären Kreis von SS und SA-Schergen; ein "großer Teil der Bevölkerung" war zumindest als interessierte Beobachter und Mitläufer beteiligt.


1. Anklage



Über zwölf Verhandlungstage erstreckte sich der Prozess vor der Großen Strafkammer des Landgerichtes Bamberg. Prozessbeginn war der 12. April, das Urteil fiel am 6. Mai 1949. Angeklagt waren 19 Männer wegen Landfriedensbruchs, Hausfriedensbruchs und schwerer Nötigung. Die Strafkammer hatte zu klären, in welchem Umfang sich die Angeklagten "in der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938 und im Laufe des 10. 11. 1938" in Forchheim, Adelsdorf und Mühlhausen an den "Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung, ihre Kultstätten und ihr Eigentum" beteiligt hatten. Das Gericht warf den Männern vor, "an den Ausschreitungen der gewalttätigen Menge teilgenommen zu haben, teils als Rädelsführer, teils als Gewalttäter, teils als Plünderer, teils als Mitläufer und neugierige Zuschauer."

Im Allgemeinen beriefen sich die Angeklagten darauf, "nur auf dem Nachhauseweg Zeugen der Unruhe" geworden zu sein; oder "auf den Lärm hin nach dessen Ursache gesehen" zu haben; oder nur teilgenommen zu haben, "um im Interesse der Juden das Schlimmste zu verhüten". Einige Angeklagte wollen auch "im Auftrag der Polizei und in ihrer Eigenschaft als Hilfspolizisten tätig" geworden sein.

Schwer hatten es die Kläger, weil, wie es in den Gerichtsakten heißt, "ein Großteil der Zeugen selbst Teilnehmer der Ausschreitungen war und sich mit den Angaben offensichtlich zurückhielt".


2. Die Täter



Bei den Tätern vom 9. November 1938 handelte es sich um Männer aus sämtlichen Schichten der Gesellschaft. Zum Beispiel: Carl I. war Arzt, Georg C. Volksschulrektor, Anton D. Maschineningenieur, Adam H. Maschinist, Konrad H. Transportarbeiter, Ernst W. ehemaliger Vollstreckungsbeamter. Die Männer waren zum Zeitpunkt der Tat zwischen 27 und 57 Jahren alt. Der Haupttäter, der Kreisleiter Carl I., ein niedergelassener praktischer Arzt, war 56 Jahre alt. Allein über ihn finden sich in der Gerichtsakte sieben eng beschriebene Schreibmaschinenseiten. Er gelte als "überzeugter Nationalsozialist, dem als Kreisleiter eine menschliche Haltung nicht abgesprochen werden kann und der wegen des Einsatzes für die persönliche Sauberkeit seiner Funktionäre des öfteren mit vorgesetzten Parteidienststellen in Konflikt kam".


3. Forchheim, 9. November 1938



Das Hotel National in Forchheim war der Ort, von dem in jener Nacht die Gewalttaten ausgingen. Hier traf sich Kreisleiter Carl I. mit einem Teil der Parteiführer und dem "Oberarbeitsführer D. samt seinen engeren Stab". Gegen Mitternacht erhielt I. eine telefonische Mitteilung der Gauleitung aus Bayreuth: Der Gesandtschaftsrat von Rath sei seinen Verletzungen erlegen; eine "Vergeltungsaktion gegen die Juden" sei durchzuführen. Noch waren die Straßen der Stadt ruhig. Aber Carl I. hatte schon lange vor dem Anruf aus Bayreuth den Bahnarbeiter O. beauftragt, die "Gliederungsführer" zu verständigen. Diese "Führer" und die von der Polizei informierten Parteiführer warteten längst in den Lokalen der Stadt, als man im Hotel unter dem Ruf "Kreisleiter befiehl! Wir folgen Dir!" aufbrach.

"Der stadteinwärts ziehende Zug vergrößerte sich rasch", heißt es in der Gerichtsakte. "Auch durch Zivilpersonen erhielt der Zug fortlaufend größeren Zulauf". Vom Hotel National zog die Menge durch die Nürnberger- und die Hauptstraße in die Innenstadt. Zu den ersten Zerstörungen kam es beim Kaufhaus und der Wohnung Wertheim und den beiden Geschäften Gröschel. Schnell hatten sich einzelne Trupps abgespalten, ein großer Teil der Menge stürmte die Synagoge.

Wie viele Forchheimer zumindest Zeugen dieser Nacht wurden, lässt sich nicht genau benennen. Das Gericht notierte: "Durch den Lärm und die Zerstörung inmitten der Wohnviertel wurde ein großer Teil der Bevölkerung wach uns strömte auf die Straße, die nach der Schilderung der Angeklagten und Zeugen belebter als am Tage wirkte."

Die Menschen hatten Holzprügel dabei und Leitern, die sie zum "Rammen" jüdischer Geschäfte benutzten. Das Zerstören und Plündern begann. Jüdische Mitbürger wurden "aus dem Schlaf herausgerissen, misshandelt und trotz der kalten Nacht in notdürftigsten Bekleidungszustand auf die Polizeiwache geschleppt. Der "führende Polizeiamtmann", der zum Zeitpunkt des Bamberger Prozesses nicht mehr am Leben war, beteiligte sich "sogar als einer der Haupträdelsführer persönlich an den Ausschreitungen".


4. "Exzesse"



Das Gericht kommt zu dem Schluss, dass "kriminelle Elemente" jene Novembernacht ausnutzten, um sich an den Plünderungen zu beteiligen. Geld, Schmuck und Ladenbestände wurden entwendet. Die Täter "durchzogen die Stadt mit Handwagen, die mit Beutegut angefüllt waren. Die Polizei sah diesem Tun tatenlos zu." In der Gerichtsakte sind unter den Buchstaben a bis h "folgende Exzesse" aufgelistet:

Unter anderem wurde das Kaufhaus Wertheim im wahrsten Sinn des Wortes zerschlagen; Stoffballen auf die Straße geschmissen und zerschlitzt. Die Wohnung der Wertheims im Gasthaus "zur Glocke" wurde verwüstet, die Eheleute Wertheim wurden verhaftet. Die Jüdinnen Zeidler und Lefevre, zwei alte Frauen wurden auf die Polizeiwache geschleppt. Die beiden Läden Gröschel wurden vernichtet, die Ehefrau von Gröschel brach zusammen, dem Arzt Dr. G. gelang es, die "Horde", die die Räume verwüsteten, vom Krankenzimmer abzuhalten und Frau Gröschel dann ins Krankenhaus zu bringen.

Der junge Bayreuther wurde aus dem Haus getrieben und von einem der Haupttäter (dem zum Zeitpunkt des Prozesses verstorbenen B.) misshandelt, im Anwesen Gottlieb Braun wurde das Schaufenster gerammt. Die Horde fuhr Steine mit einem Auto herbei, warf die Steine ins Haus und verletzte den Schwiegervater Brauns am Kopf. Der Familie Braun gelang die Flucht ins Hinterhaus, Braun wurde gepackt und misshandelt, an die SS übergeben, die ihn mit Hemd und Hausschuhen bekleidet, unter Fußtritten und Schlägen zur Polizeiwache führten. Auch die Familie Hutzler wurde, nachdem ihr Haus zerstört war, der Polizei vorgeführt. Die über 50-Jährige Frau musste ohne Schuhe laufen.

"Ebenso", vermerkt die Gerichtsakte unter Punkt h), "wurde in der Synagoge, in den Wohnungen Prager, Sämann, Abraham, Tiessler, Bauer, Braun-Paradeplatz und Frank gehaust". Es war in jener Nacht das immer selbe Vorgehen der Nazis: Zerschlagung, Misshandlung, Verhaftung. "Sogar der beinamputierte Kriegsinvalide Prager wurde gezwungen, auf die Wache zu gehen".

Die "Verhaftungswelle" dauerte bis in den frühen Morgen und wurde laut Gerichtsakte auch am Vormittag des 10. November fortgesetzt. Die rasende Menge ging mit Dolchen und Prügeln zu Werke. "In der Synagoge wurde nach der Verwüstung der Inneneinrichtung ein erfolglos gebliebener Brand angelegt."


5. Verteidigungsstrategie



"Durch diese Berufung auf einen Toten, der nicht mehr gegen ihn zeugen kann, hat sich M. aber im Sinne der Anklage selbst überführt", heißt es in der Gerichtsakte. Denn besagter Altparteigenosse "war einer der Hauptakteure dieser Nacht, der an allen Brennpunkten gesehen wurde, und, wenn M. ständig mit ihm zusammen war, hat auch er die Demonstration in ihren wesentlichen Zügen mitgemacht".

Der Prozess machte auch klar: Angeklagte, die aus dem selben Internierungslager kamen, hatten dort Absprachen getroffen und machten vor Gericht bis in den Wortlaut hinein dieselben Falschaussagen.

Zum Beispiel der 1893 geborene Bezirksschulrat B., der anfangs der SPD nahestand, aber 1931 in die NSDAP eingetreten war und seit 1934 im Rang eines Kreisamtsleiters stand. Er saß vom 20. Mai 1945 bis zum 6. August in Internierungshaft. Er habe, heißt es in den Gerichtsakten, "im Internierungslager mit Dr. I. gesprochen und so ist es nicht verwunderlich, dass sich sein Verteidigungsvorbringen weitgehend mit dem des Kreisleiters deckt".

Kreisleiter Carl I. hatte am Abend des 9. November in der Forchheimer Jahnturnhalle eine Gedenkrede gehalten. Anschließend war er "im Kreise höherer Partei und Reichsarbeiterdienstführer" im Hotel National anzutreffen. Es wurde heftig getrunken: Exportbier, Wein und Schnaps. Gegen Mitternacht, so sagte Carl I. dem Gericht, will er "einen Anruf von der Gauleitung aus Bayreuth erhalten haben, wonach die SA in dieser Nacht eine Vergeltungsaktion gegen die Juden durchführe". Carl I. sprach vor Gericht von einem "Sonderauftrag der SA", den diese "nach dem Führerprinzip" selbstständig ausgeführt habe. Er sei lediglich im Hotel National gewesen, um sich zu informieren; er sei dann aber, als ihm das alles "zu lange gedauert habe", in die Stadt aufgebrochen.

Er habe sich an den einzelnen Tatorten immer nur kurz umgesehen, für den Fall, dass ein Arzt gebraucht werde.
Diese "Verteidigungsvorbringung" wurde vom Gericht "völlig und eindeutig widerlegt". Am Ende des Prozesses hatte sich die Anklage weitestgehend bestätigt: Sämtliche Angeklagte hatten sich in irgendeiner Form an dem Geschehen des 9. November beteiligt. Dr I., M., D., H. und S. wurden als "Rädelsführer" eingestuft. Die anderen als "Gewalttäter" oder als "Mitläufer" oder mindestens als "interessierte Zuschauer." Das Gericht kommt zum Schluss, dass die "Aktion" dann von Forchheim "in die Dörfer Adelsdorf und Mühlhausen, wo sich Synagogen befanden, hinausgetragen" wurde, wo das Zerstörungswerk fortgesetzt wurde.


6. Rechtliche Würdigung



Die Verteidigung hatte sich darauf berufen, dass eine Reihe der Angeklagten nach Kriegsende bereits von Spruchkammern abgeurteilt worden waren und dass gemäß dem Rechtsgrundsatz Ne bis in idem (wörtlich: nicht zweimal für dieselbe Sache) niemand zweimal für die selbe Sache vor Gericht gestellt werden dürfe. Doch diese Argumentation sei verfehlt, argumentierte das Gericht in seiner rechtlichen Würdigung: "Das Gesetzt zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus ist und soll kein Strafgesetz sein, es ist vielmehr ein Gesetz neuen Typus, das eine Reinigung des Volkskörpers und des politischen Lebens von der Ideologie und den Einflüssen der nationalsozialistischen Machthaber und ihrer Gefolgschaft herbeiführen sollte."

Das Gericht verwies zudem auf die "sehr milden Sprüche" der Spruchkammerpraxis; auf die Frage eines Doppelverfahrens müsse daher gar nicht eingegangen werden. Klar stellte das Gericht heraus, dass sich die Täter nicht auf einen erhaltenen Befehl und nicht auf Verjährung berufen könnten. Selbst nach den Vorschriften des Reichsstrafgesetzbuches vom November 1938 sei eine Verjährung nicht zulässig, argumentierten die Bamberger Richter.


7. Verurteilungen



18 der 19 Angeklagten wurden schuldig gesprochen und verurteilt. Die höchste Strafe erhielt der Kreisleiter, der Arzt Carl I. Er wurde zu "vier Jahren Zuchthaus und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Dauer von drei Jahren verurteilt". Der Volksschulrektor C. musste ebenfalls zwei Jahre ins "Zuchthaus".

Die anderen erhielten eine Gefängnisstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Ganz frei gesprochen wurde lediglich der Angeklagte S.