Neben Familie und Beruf hat sich Tanja Urban (39) eine heile Parallelwelt geschaffen, in der ungetrübte Heiterkeit und pure Harmonie herrschen. Bevölkert ist diese Welt von Teddybären aller Sorten und Größen. Seit 15 Jahren entwirft und schneidert die gelernte Bürokauffrau aus Heroldsbach die putzigen Tierchen.
In diesem Zeitraum hat sie rund 75 Bären in mühevoller Handarbeit hergestellt und bei verschiedenen Wettbewerben insgesamt 20 Preise für ihre Sammlerstücke eingeheimst. Für Friedwart, ihre neueste Kreation, hat sie jetzt beim 21. Puppen- und Bärenfestival "Meisterteddy 2012" in Neustadt bei Coburg den ersten Preis abgeräumt.
"Urform" nennt sich die Kategorie, in der die Bärenkünstlerin gesiegt hat, und darunter sind nostalgische Bären zu verstehen, die lange Arme und Beine, große Füße und eine lange, spitze Schnauze haben.
Dem "klassisch-antiken Stil", so erzählt Tanja Urban, helfe sie mit kleinen Tricks nach, die sie in jahrelangem Ausprobieren und Dazulernen erworben hat. So werde der aus Mohair hergestellte Bär mit Holzwolle ausgestopft, die am Rücken für Festigkeit sorge. Am Bauch werde allerdings etwas loser gestopft, sodass man die Holzwolle beim Anfassen knistern hören und durch spezielle Vernähungen künstliche Falten anbringen könne, die mit Pastellkreide geschwärzt, den Eindruck erwecken, dass der Bär schon viele Jahre alt sei.
"Ich möchte mit meinen Bären Kindheitserinnerungen wecken", sagt die Bärenkünstlerin. Und wenn bei den verschiedenen Messen, an denen sie ihre Bären präsentiert, Menschen stehen bleiben und ihr sagen, dass dieser oder jener Bär genauso aussehe wie der Bär, den sie als Kind hatten. Das sei dann für sie das größte Kompliment.
Zu Beginn ihrer Bärenleidenschaft habe sie auch große Teddybären mit dickem Bauch und Knubbelnase gemacht. Doch dann habe sie festgestellt, dass bei der Stammkundschaft in ihrem Bärenladen, den sie vor zehn Jahren eingerichtet hat, der klassische Bär am besten ankomme.

Jedes Detail ist wichtig


Für ihre bärigen Ideen hat die 39-Jährige schon etliche Preise gewonnen. Auch auf internationaler Bären-Bühnen beispielsweise beim "Euroteddy"-Wettberwerb war sie schon mit ihren niedlichen Kreationen erfolgreich.
Neben den "normalen Teddybären", die bis zu 60 Zentimeter groß seien dürfen, , hat sie aber auch schon zahlreiche Miniaturteddys angefertigt. Diese Zwerg-Bären sind mittlerweile eine Spezialität von ihr geworden. Für die kleinen Bärchen strickt sie mit hauchdünnem Garn raffinierte Jäckchen, Röcke und Hosen und garniert sie mit netten Schleifchen und Mützchen.
Die Fußsohlen, die sind bei kleinen und großen Bären übrigens gleich, haben eine Leinen-Oberfläche, die mit Tee, Kaffee oder Gras farblich passend zum Fell des Bären eingefärbt werden. Für "Luxus-Bären" verwendet Urban dafür auch schon mal nobles Alcantara-Leder.
Die Länge und Regelmäßigkeit der winzigen Stiche, mit denen die Bären auf der Innenseite zusammen genäht sind, die farbliche Stimmigkeit und der fachgerechte Sitz der mundgeblasenen Augen sind nur einige Kriterien, die bei den verschiedenen Wettbewerben von den Preisrichtern bewertet werden.
Dabei kommt es auf jedes noch so kleine Detail an. Und für jeden Wettbewerb muss sich die Bärenkünstlerin einen neuen Schnitt ausdenken. Denn es darf weder ein fremder Schnitt kopiert, noch ein eigener zweimal verwendet werden. Sonst droht gleich die Disqualifikation. Doch Tanja Urban nimmt das sportlich, zumal sie der festen Überzeugung ist: "In der Kunst kann man nicht einfach stehen bleiben." So tüftelt sie unermüdlich an neuen Schnitten und Ideen. Auf Millimeterpapier zeichnet Tanja Urban den ersten Entwurf, den sie dann auf Pappe und anschließend auf den Stoff überträgt. Dann macht sie sich an die Näharbeit, die zwischen 18 und 80 Stunden pro Exemplar betragen kann. Die Miniaturbären versieht sie neuerdings mit roten Bäckchen. Damit sollen die kleinen Bärchen noch lebhafter aussehen. Vorsichtig bemalt sie dafür die Bäckchen mit Pastellkreide. Ihren eigenen Stil will sich die Bärenkünstlerin trotz aller neuer Ideen aber auf jeden Fall beibehalten. Ein Künstler müsse sich und seiner Linie eben treu bleiben, findet sie.
Schon in ihrer Schulzeit, so Tanja Urban, habe sie mit großer Vorliebe gebastelt. In der Volkshochschule habe sie dann gelernt, Puppen aus Porzellan zu modellieren. Schließlich wollte sie Teddybären selber basteln. Nur wie? Eine Teddy-Zeitschrift gab die ersten Tipps. Mit Plüsch und provisorischen Gelenken habe sie ihren ersten Bären damals hergestellt. Rückblickend lässt sie an ihrem "Erstlingswerk" aber kaum noch ein gutes Haar. Trotzdem bedauert sie es heute, dass sie "Bär Nummer 1" auf einem Trödelmarkt verhökerte.

Vom Entwurf bis zum Bären


Ihr gesamtes Material für die Bärenwerkstatt bewahrt Tanja Urban in einem kleinen uralten Köfferchen auf. Scheren und Zangen, sogenannte Positions augen, mit denen probiert werden kann, welche Augengröße für den jeweiligen Bären die beste ist, Augeneinziehgarn und Stopfhölzer, um die Füllung in den Bären zu bringen, gehören dazu. Am meisten hängt die Nostalgikerin an einem alten, abgebrochenen Essstäbchen, das sie zum Stopfholz umfunktioniert hat und das vom vielen Stopfen schon völlig glatt geschliffen ist.
Für die Gelenke an Armen, Beinen und Hals enthält der Koffer zahlreiche Splinte, Pappscheiben und Metallbeilegscheiben in verschiedenen Größen. Jeder einzelne Bär benötigt jeweils zehn davon. Zum Wenden der auf links genähten Stoffe nach außen bedient sich die Bärenkünstlerin einer chirurgischen Gefäßklemme.
Auch für ihre eigenen Kinder hat sie selbst Bären angefertigt. Für die Sammlerbären, die sie sonst herstellt, gilt allerdings: "Achtung, kein Kinderspielzeug!" Nicht nur für Sammlerstücke, sondern auch für Spielbären übernimmt die Künstlerin auch Reparaturaufträge. "Bei Kindern muss es immer sehr schnell gehen", sagt die "Bärenärztin" pflichtbewusst. Woher ihre Bärenleidenschaft kommt? "Anscheinend hat mir irgend etwas in meiner Kindheit gefehlt, denn ich hatte nur Puppen und keinen einzigen Bären." Jetzt hat sie genügend Gelegenheit nachzuholen, was sie damals so schmerzlich versäumt hat.