Eine alte Sage berichtet davon, dass im Wiesenttal einst grimmige Riesen ihr Unwesen trieben. Erst als die Menschen die guten Geister um Hilfe anriefen, konnten sie von deren Schreckensherrschaft befreit werden. Doch auch als es schon lange keine Riesen mehr gab, wollte sich kein dauerhafter Frieden einstellen. Wie erbittert man um die Vorherrschaft rang, erzählt die Sage von der Fehde zwischen den Burgherren von Streitburg und Neideck.

Auf beiden Burgen lag man nicht nur in Sichtweite zu-, sondern auch im permanenten Streit miteinander. Nicht zuletzt war dies der strategischen Bedeutung beider Burgen geschuldet, lagen sie doch direkt an der gut genutzten Geleitstraße, die von Erlangen kommend nach Bayreuth und Kulmbach führte. Ob dieses Umstandes kam der Herr von Neideck auf die Idee, einen Wegzoll von den Händlern zu verlangen - ohne natürlich seinen Nachbarn daran zu beteiligen.

Zwischen den Herren der Burg Neideck und der Burg Streitburg entbrannte ein Streit

Das brachte das Fass beim Streitburger Herrn zum Überlaufen. Er beschloss, sich den unliebsamen Nachbarn vom Hals zu schaffen. Dazu wollte er eine bauliche Neuerung für sich nutzen: Als Ministeriale im Dienst des Bamberger Bischofs hatten sich die Streitburger die Burg komfortabel ausgebaut. Im Wohnturm der adeligen Quereinsteiger konnte man sich nicht nur am flackernden Kamin aufwärmen, sondern sein tägliches Geschäft diskret in der separaten Toilette erledigen. Auch bei den Rittern "vom alten Schlag" auf der Burg Neideck hatte man diese komfortable Einrichtung installiert - hier ragte der Abort als kleiner Erker aus der Wehrmauer über den Burgfelsen hinaus.

Nun wurde einer der Neidecker Knechte beschwatzt. Sobald sein Herr das stille Örtchen aufgesucht hatte, sollte er ein Signal mit einer Fahne geben. Mit einem Schuss aus der Armbrust wollte dann der Streitberger den Kontrahenten ins Jenseits befördern. Nun wurde zwar am Neidecker Mauerring eifrig das Fähnchen geschwenkt, das Vorhaben aber misslang - ob es nun an der Distanz oder der Treffsicherheit des Streitburgers lag, ist ungewiss. Obendrein erdreistete sich der Neidecker, nach jedem missglückten Schuss fröhlich aus dem kleinen Fensterchen des Aborterkers herüberzuwinken.

Da geriet der Streitburger in einen solchen Zorn, dass er eine der größten und modernsten Kriegswaffen heimlich und in die Einzelteile zerlegt auf die Burg bringen ließ: Eine Wurfmaschine, mit der sich gewaltige Steine über ungeheure Strecken hinweg auf den Gegner schleudern ließen.

Streitburger Burgherr in Zorn: Mit einer Wurfmaschine sollte Neideck getroffen werden

Als das Geschütz aufgebaut, ausgerichtet und bis zum Anschlag geladen war, ließ es sich der Streitburger nicht nehmen und feuerte, als am nächsten Tag drüben wieder das Fähnchen erschien, das Katapult höchstpersönlich ab. Hätte er doch den in solchem Kriegsgerät erfahreneren Geschützmeister seines Amtes walten lassen: Die Ladung sauste über den Wiesentgrund hinweg und schlug krachend, aber etliche Ellen vom Erker entfernt in die Wehrmauer der Neideck ein.

Auf der Streitburg hingegen hatte der Schuss einen solchen Rückschlag bei der Wurfmaschine ausgelöst, dass sie gegen den Bergfried stieß und ihn zum Einsturz brachte. Da konnte der Neidecker wiederum in bester Laune aus seinem Fensterchen winken und herzlich dazu lachen.

Es gibt noch eine weitere Variante der Sage

In einer anderen Variante dieser Sage hatte der Streitburger Burgherr besser gezielt und war seinen verhassten Nachbarn losgeworden. Orientiert man sich an der Geschichte, könnte dieser Variante der Vorzug gegeben werden. Konrad II. von Schlüsselberg, Neidecker Burgherr und letzter Vertreter des hochadeligen fränkischen Adelsgeschlechtes, hatte tatsächlich eine Mautstelle errichtet und damit unter anderem den Unmut des Burggrafen von Nürnberg auf sich gezogen.

Als dieser die Neideck im Jahre 1347 belagerte, wurde Konrad II. vom Geschoss einer Blide tödlich getroffen. Dieses Katapult zählte zu den ab dem 14. Jahrhundert (wieder-)eingesetzten Geschützen, die ihren Teil zum Niedergang des Rittertums beitrugen. Die Burganlagen wurden zerstört, von ihren Bewohnern verlassen, verfielen oder dienten späteren Generationen oftmals auch als günstiger Steinbruch - wie auch die Streitburg und die Neideck.

Quelle und Lesetipp

Veit Bronnenmeyer: "Streitburg und Neideck", in: Kurt Neubauer (Hrsg.): "Das Wütige Heer am Walberla", W. Tümmels Verlag, Nürnberg, 2009