In einer großen Zigarrenschachtel hat Franz Roth (65) seine Schätze sorgsam verpackt und manche davon zum Schutz in edles Seidenpapier gewickelt. Vergilbte Fotos, Zeitungsartikel, ein Jubiläums-Medaillon mit der Aufschrift "800 Jahre Marienweiher" aus dem Jahr 1987 und eine filigran mit Laubsäge in Aluminium gearbeitete Mutter Gottes gehören zu den kostbaren Andenken und Vergangenheitszeugnissen, die der langjährige Wallfahrer für die Nachwelt aufbewahrt.

Das bestgehütete Stück darin ist ein unscheinbarer Holzsplitter von kaum 20 Zentimeter Länge und einem halben Zentimeter Breite. Roth kann den Erinnerungsschatz mit einem nahezu unerschöpflichen Erzählwissen zum Leben erwecken. Seine Schilderungen handeln von der seit 150 Jahren belegten Wallfahrtsgeschichte zwischen Leutenbach und Marienweiher, die auch eine Glaubensgeschichte ist.

Gerade noch, so Roth, habe ein Wallfahrer einen despektierlichen Witz über einen Ehemann erzählt, der erfreut zur Kenntnis nimmt, wie seine Frau vom Blitz getroffen wird. Im nächsten Moment beginnt es, zu donnern, Regen prasselt. Nach einer kurzen Busfahrt von Bayreuth nach Wirsberg, die den 50 Kilometer langen Tagesmarsch wohltuend unterbricht, sind die Wallfahrer gerade am Waldrand angekommen. Da tut es hinter Franz Roth einen heftigen Schlag, und die Szenerie wird in grelles Licht getaucht. Der Blitz hat in eine nur anderthalb Meter entfernte Fichte eingeschlagen. Die Haare des Wallfahrers, der zunächst glaubt, ein anderer Wallfahrer habe ihm einen Klaps auf den Rücken versetzt, stehen zu Berge. "Der Blitz hat sich gedreht, schoss über die Straße und war dann weg", hat er das 20 Jahre zurück liegende Erlebnis noch genau vor Augen.


Holzspan schlägt im Rücken ein



Die Fichte mit einem Durchmesser von 50 Zentimetern habe es auseinander gerissen, doch keinem der Wallfahrer sei etwas geschehen. Die Naturgewalt hatte lediglich ein Stück Holz gegen Roths Rücken geschleudert; einen Span davon hat Roth mit nach Hause genommen und hält ihn in Ehren.

Außerdem hängt in der Gnadenkapelle von Marienweiher seitdem eine Votivtafel, die festhält, was sich damals ereignet hat. Als Dank dafür, unversehrt aus der gefährlichen Situation entronnen zu sein, haben es die Leutenbacher dort verewigt.

Jedes Jahr am Freitag vor Pfingsten brechen rund 60 Leutenbacher um vier Uhr morgens nach einem Gebet in der heimischen Jakobuskirche auf, um den Marsch nach Marienweiher auf sich zu nehmen. Auf die häufig gestellte Frage, wie denn der Weg gewesen sei, hat Roth eine maßgeschneiderte Antwort in gutem Fränkisch: "Braat war er net, aber lang." Denn die Strapazen wie die Blasen an den Füßen, Kniebeschwerden, Rückenschmerzen und bei hochsommerlicher Hitze quälender Durst sind aus Sicht des passionierten Wallfahrers eigentlich nicht der Rede wert. Wenn man nämlich das Ziel Marienweiher erreicht habe, an den Stufen stehe, die zur Basilika heraufführen, und den Blick hinauf wende, verblasse alle Mühsal des Tages.

"Beim Hineinlaufen in die Kirche sträuben sich einem dann fast die Haare, man kann dieses Gefühl nicht beschreiben", meint Roth, der diesmal nicht mitpilgerte, aber am Samstag im ersten der zwei Busse mit insgesamt 90 Personen aus Leutenbach nachreiste, um als Kommandant der Königlich Bayerischen Landwehr Leutenbach das Wallfahrtsamt am Samstagabend mitzufeiern und mit der Landwehr den Festzug anschließend aus der Kirche zu geleiten.

Auch der Männerchor des Liederkranzes Leutenbach und Leutenbacher Frauen in fränkischer Festtagstracht waren hergefahren und gestalteten den Gottesdienst mit, der von Pfarrer Alfred Beißer und dem Vorsitzenden des Fördervereins "Freunde der Wallfahrtsbasilika Marienweiher", Prof. Rüdiger Feulner zelebriert wurde.
Auch Manfred Geck (45), Wallfahrtsführer seit zehn Jahren, erlebt es ähnlich: "Wenn man unterwegs und am Wallfahrtsort miteinander singt und betet, werden Energien freigesetzt, die man nicht in Worte fassen kann."


Gesang aktiviert Kraft



Für ihn werde dies intensiv beim Abendgruß am Samstag spürbar, wenn die Wallfahrer aus Leutenbach traditionelle, zum Teil kaum noch bekannte Marienlieder singen und dazu rund 500 Pilger aus 14 fränkischen Wallfahrtsgruppen nach Marienweiher kommen, ihnen zuhören. Dabei gehe es nicht um professionelle Chormusik in einwandfreier Klangqualität, sondern einfach um gemeinsamen andachtsvollen Gesang, und dabei würden jedesmal erstaunliche Kräfte aktiviert. "Die Kirche ist voll, alle sind auf einem Nenner, es ist eine Begeisterung da und Liebe zu spüren", versucht Geck das Phänomen zu erklären. "Mancher fühlt sich dabei garantiert wie im Himmel", so der Leutenbacher. Bestärkung im Glauben und eine große Zufriedenheit resultierten daraus.

Durch die Wallfahrt werde man einmal aus dem stressigen Alltag herausgeholt, was schon damit beginne, dass man sich den Freitag frei nehmen müsse, begründet Michaela Alt (29), warum sie sich immer wieder gerne der Wallfahrt anschließt. Es sei eine besondere Erfahrung, "aufzuwachen, wenn der Tag aufwacht" und in den immer heller werdenden Tag hinein zu wandern. Dabei sei man der Natur ausgesetzt, ob im Regen oder bei großer Hitze. Bei Gebet und Besinnung finde man Zeit, sich über den eigenen Glauben Gedanken zu machen und stelle fest, dass sich die eigenen Probleme zunehmend relativierten. Junge und Alte seien bei der Wallfahrt zu einer großen Familie vereint.

"Die Festplatte putzen" nennt Otto Kraus (51) das, was passiert, wenn beim unermüdlichen Beten, Singen und Wandern allmählich "der Kopf frei wird". Allerdings kommt er schon länger nicht mehr in diesen Genuss, denn seit Jahren befördert er kostenlos das Gepäck der Wallfahrer nach Marienweiher. Nicht allein daran ist festzustellen, dass sich über anderthalb Jahrhunderte Wallfahren die Rituale geändert haben, denn laut Roth wäre es früher undenkbar gewesen, ohne Rucksack aufzubrechen.


Knierutschen ist außer Mode



Beispielsweise würde niemand mehr auf Knien um den Altar rutschen, um seinen Gebetsanliegen Nachdruck zu verleihen. Doch früher, so merkt Franz Roth an, habe sich dafür niemand geschämt, denn jeder habe um die drängenden Probleme des anderen gewusst. Auch gibt es heute mehr Pausen zwischen den Gebeten, statt zehn Gesetze Rosenkranz werden nur noch fünf gebetet und auch die Heiligenlitanei wurde ‚abgespeckt‘. Gerade um der jungen Wallfahrer willen, die sich in erstaunlich großer Zahl beteiligten, so betont Geck, sei dies wichtig. Eine zeitgemäße Gestaltung unter Einbeziehung aktueller Themen in die Gebete (Arbeitslosigkeit, Umweltschutz, etc.) sei für die junge Generation von Belang. Für die Jugendlichen, die viel Zeit zu Hause am PC verbrächten, sei das Gemeinschaftserlebnis etwas völlig neues. "Darüber sprechen würden sie allerdings nie, das wäre ja uncool", meint Geck augenzwinkernd.

Mit einem Dankgottesdienst am kommenden Samstag um 18.30 Uhr in der Leutenbacher Kirche St. Moritz wird noch einmal abschließend auf die Wallfahrt Bezug genommen und auch der verstorbenen Wallfahrer gedacht. Kaum sei die Wallfahrt vorüber, so Roth, fange schon wieder das Kribbeln der Vorfreude auf das nächste Jahr an. Doch hätten Manfred Geck und Thomas Polster (51) die Wallfahrtsführung nicht übernommen, gäbe es sie bereits nicht mehr und das 150. Jubiläum hätte nicht gefeiert werden können. Doch Geck, der passionierte Wallfahrer beruhigt: "Solange die Wallfahrt in meiner Hand ist, wird das nicht kaputt gehen."