Edmund Schmitt war der letzte Kassier und Schriftführer. Einen Vorsitzenden gab es schon nicht mehr, als die 154-jährige Geschichte des Maurer- und Steinhauervereins im vergangenen Jahr zu Ende ging. "Zum Schluss wollte keiner mehr den Vorstand machen", erzählt der 83-jährige Schmitt aus Kirchehrenbach. Auch habe man "keine Leut mehr gehabt", um bei den Prozessionen die Heiligenfigur zu tragen.

Der ursprüngliche Vereinszweck, bedürftige Mitglieder zu unterstützen, hatte schon lange keine Rolle mehr gespielt, sagt Edmund Schmitt. Zum einen gab es keine bedürftigen Maurer im Verein; und selbst wenn, mit welchem Geld hätte man sie unterstützen sollen, bei 22 Mitgliedern und elf Euro Jahresbeitrag?

Bereits im 17. Jahrhundert hatten sich die Forchheimer Maurer und Steinhauer in Zünften organisiert, ab Mitte des 19. Jahrhunderts dann in einem Verein. Am heutigen Donnerstag wird Edmund Schmitt diesem Verein einen letzten Dienst erweisen und wichtige Erinnerungsstücke an das Forchheimer Stadtarchiv übergeben.
Darunter auch das "Zunftprotokollbuch" aus dem Jahr 1681, eine Bildertafel der Mitglieder aus den Jahren 1857 bis 2011 und die Protokollbücher der Jahre 1884 bis 1910.

Rainer Kestler freut sich auf die Übergabe. Der Forchheimer Stadtarchivar ist immer auf der Suche nach Material, das über das Forchheimer Handwerk vergangener Epochen Auskunft gibt. "Es ist unser Bestreben, das nichts verloren geht", sagt Kestler. Es sei "vorbildlich", dass Edmund Schmitt die verbliebenen Dokumente des Vereins nicht irgendwo rumliegen lasse. Sicher gebe es noch viel vergleichbares Material sagt Kestler: "Die Leute sollten sich daran erinnern, dass es ein Stadtarchiv gibt. So erfahren wir einiges über die finanziellen und sozialen Probleme vergangener Zeiten."

Rainer Kestler hat vorab einen Blick in die alten Bücher geworfen, die ihm Edmund Schmitt heute offiziell überreichen wird. Etwa in die Satzung des Jahres 1857, als die "hohe königliche Regierung" die Gründung des Vereins genehmigte. Als Zweck werden da die "Hebung und Förderung des Handwerks" sowie die "freiwillige Unterstützung in Unglücksfällen" angegeben.

Kestler begeistert sich an den vielen Details, die sich aus der Satzung herauslesen lassen: "Gelernter Mauerer aus Forchheim" musste sein, wer dem Verein beitreten wollte. Bauschreiber konnten als Ehrenmitglieder aufgenommen werden. Paragraf 6 regelte den monatlichen Beitrag von 30 Pfennig, der am letzten Sonntag im Monat von einem "Vereinsdiener" eingetrieben wurde. Die Aufnahmegebühr in den Verein betrug 50 Pfennige. An Michaeli wurde Jahrestag gefeiert, da waren "60 Pfennige zu entrichten".

Paragraf 8 regelte das Kerngeschäft des Vereins, die Unterstützung bedürftiger Mitglieder. Wer in ärztlicher Behandlung war, durfte "bei Krankheit oder Unglücksfall Anspruch auf Unterstützung" erheben. Geschlossen solidarisch zeigten sich die Maurer und Steinhauer auch, wenn einer für immer aus ihren Reihen schied: "Bei Leichenbegräbnissen", so heißt es in Paragraf 11 "haben sämtliche Mitglieder zu erscheinen" und eine "betreffende Anzahl" hatte die Pflicht, "den Sarg zu beleuchten".

Grenzen der Solidarität


Die Solidarität hatte aber fest definierte Grenzen. So heißt es in der Satzung von 1857 zum Beispiel auch: "Wer nach einer "Schlägerei oder durch schlechtes ausschweifendes Leben" eine Verwundung davon trage oder krank werde, der habe "keinen Anspruch auf Unterstützung". Und: "Wer Exzesse und Streitigkeiten hervorruft" und drei Monate seinen Beitrag nicht zahle oder "Aufforderung des Vorstandes nicht Folge leistet" - der müsse den Verein verlassen.

Im Laufe von über 150 Jahren verloren nicht nur Paragrafen ihren Sinn, selbst der Vereinsname schien sich zu überleben. Edmund Schmitt war zuletzt der einzige Steinhauer. "Alle anderen waren Mauer", sagt Schmitt. Steinhauer sind Handwerker, die Sandsteine bearbeiten. Schmitt hatte dieses Handwerk noch beim Bau der Kirche in Schlaifhausen ausgeübt.

In den letzten 15 Jahren, erinnert sich der Kirchehrenbacher, habe es "nur noch eine einzige Neuaufnahme gegeben, der Verein hat sich einfach nicht mehr gelohnt". Mit der Auflösung endete bei den Schmitts auch ein Stück Familientradition. Schon Edmund Schmitts Großvater war im Verein gewesen, dann sein Vater - schließlich er selbst. 83 Jahre ist Edmund Schmitt heute alt, davon war er 63 Jahre im Steinhauerverein aktiv.