Da klappt den rund 80 Aufseßern, die zur Veranstaltung "Der FT bei uns" am Montagabend gekommen sind, die Kinnlade herunter: Als ihr Mann für die Hochkultur, Jan Burdinski, eine Kostprobe für den künstlerischen Höhepunkt der 900-Jahr-Feier im nächsten Jahr geben soll, stellen sie sich auf mittelalterliche Verse und versierte Schauspielkunst ein - und dann das! Eine Horde von quirligen Männern und Frauen in bunten Gewändern hüpft mit Clownskragen, Augenmasken und Marotten durch den Saal der Brauerei-Gaststätte "Rothenbach". Dazu spielt die Blaskapelle Hochstahl einen zünftigen Kerwamarsch. Rasch beginnen die Zuschauer zu lachen und im Takt zu klatschen - doch als das Spektakel nach ein paar Minuten vorbei ist, sind noch viele Fragezeichen in den Gesichter zu lesen: Was war das denn?

Jan Burdinski, der Initiator des Auftritts, genießt sichtlich die Reaktionen und schmunzelt vor sich hin.
"Was sind das für Gestalten?", fragt er in die Runde und liefert gleich selbst die Antwort: "Das sind eindeutig Narren." Und dann erklärt der renommierte Schauspieler und Regisseur dem FT-Moderator Josef Hofbauer ausführlich das Konzept hinter dem Theateraufführungen zum Jubiläumsjahr 2014.


Burdinskis Grundidee lautet: Es gibt nirgends mehr Narren als in Franken. Oder wie er es ausdrückt: "Hinter mindestens jedem zweiten Frankenkopf steckt ein Fregger. Und das ist der gewitzteste Mensch, den man sich nur vorstellen kann." Aber ihren Schalk würden die Franken nicht ständig offen nach außen tragen, deshalb habe er ihr Wesen hier mit Kostümen deutlich gemacht.

Stück für Stück

Und genau diese "Fregger" sollen im nächsten Jahr - dann ausgestattet mit weiteren Requisiten wie Fischköpfen oder Bierkrügen - die Hauptrolle bei den szenischen Darstellungen spielen. "Sie werden uns durch verschiedene Stationen in der Gemeinde führen. Und an jeder Station gibt es ein kleines Theaterstück zur Geschichte von Aufseß", erklärt Burdinski, der beim Theatersommer Fränkische Schweiz als Intendant fungiert und 2011 mit dem Frankenwürfel ausgezeichnet wurde.

Bei den Stücken wird es um ganz unterschiedliche Themen gehen - zum Beispiel um die "bösen Bamberger Buben", die früher häufiger Aufseß überfallen haben. Burdinski: "Einmal haben die Aufseßer sogar einen Zigeuner versteckt und beschützt vor dem Zugriff des Bamberger Fürstbischofs. Und dann gab es mal einen großen Krawall um ein paar Hühner." Burdinski verspricht, dass die Menschen viel über die Historie des Ortes lernen werden. Und dann sagt er lächelnd und doch ernsthaft: "Wir rechnen so mit 10 000 Zuschauern."

Muss es Frau Bäuerlein richten?

Professionelle Schauspieler braucht der 62-Jährige für sein Projekt offensichtlich nicht. Er vertraut auf die Spielfreude und den Witz seiner Mitbürger: "Wir hoffen, dass wir alle Aufseßer zu Spielern machen können, aber es wird ganz leicht fallen." Er müsse nur die Bürgermeistergattin von Haus zu Haus schicken, scherzt er. Schließlich deutet er auf alle Zuhörer im Saal: "Die Leute, die jetzt noch so unauffällig dasitzen - das sind alles Fregger! Die werden alle spielen!" Und jetzt fällt den Besuchern zum zweiten Mal die Kinnlade herunter.

Französin hat Geschichte erschlossen

Woher kommen eigentlich die vielen Geschichten aus der Aufseßer Vergangenheit. Die Antwort klingt seltsam: von einer Französin. Rund viereinhalb Jahre lang hat Florence de Peyronnet-Dryden das Familienarchiv der Aufseßer Adelsfamilie geordnet und digital aufbereitet. "Das waren 170 Meter Regel mit über 500 alten Urkunden aus Pergament und fast 10 000 Akten", berichtet die Archivarin mit französischen Wurzeln. Die älteste Urkunde stammt aus dem Jahr 1296. Im Sommer 2012 wurde sie offiziell fertig mit der Arbeit. Jetzt liegen die Dokumente als pdfs und auf Mikrofilm vor und können bei der Gemeinde eingesehen werden.

Das Familienarchiv erschließt nicht nur die Geschichte der Adeligen von Aufseß. Florence de Peyronnet-Dryden: "Es beinhaltet auch den zentralen Verwaltungsapparat über die kleinen Orte der Umgebung und liefert somit viele Informationen über die Dörfer und die Menschen." Von dieser Arbeit profitiert nun Theatermacher Jan Burdinski bei seinem Stück zum 900. Jubiläum - er bedient sich einfach bei den Geschichten aus dem Archiv. "Das ist so eine universelle Arbeit über Aufseß, dass man wahrscheinlich zehn Theaterstücke daraus machen könnte. Aber wir machen nur eins und das werden wir mehrmals spielen", verspricht Burdinski.

Unerlässlich für die Auswertung des Archivs ist die Fähigkeit, die alten Schriftzeichen lesen zu können. Deshalb hat Florence de Peyronnet-Dryden bereits einen VHS-Kurs zu diesem Thema angeboten, an dem 15 Personen teilgenommen haben. Einer davon war Dietmar Stadter, der an einer Aufstellung der alten Flur- und Hausnamen arbeitet: "Ohne den Kurs käme ich da nicht sehr weit."