Für ein Jahr die eigene Heimat zu verlassen und dabei sogar den Kontinent zu wechseln, das traut sich nicht jeder. Die beiden Senegalesinnen Reine Marie Diop und Angelique Ngoné Ndione hingegen schon. Seit September verbringen die beiden 25-Jährigen als Freiwillige ein Jahr im Jugendhaus Burg Feuerstein in Ebermannstadt und arbeiten dort im täglichen Betrieb mit. Der Jugendaustausch über die Ländergrenzen hinweg läuft auf eine Initiative des Feuersteins hin schon mehrere Jahre. Reine Marie und Angelique unterstützen dort das fest angestellte Team der Hauswirtschaft, arbeiten im pädagogischen Bereich bei den Kinder- und Jugendkursen mit und bringen sich in die Gottesdienste der Kirche ein.

Nicht nur an die Umgebung gilt es sich zu gewöhnen, auch die Sprache müssen sie vollständig neu lernen. Gemeinsam mit zwei weiteren Freiwilligen im sozialen Jahr (FSJ) leben sie während ihrer Zeit in Deutschland in einer Wohngemeinschaft direkt auf dem Feuerstein. Ihre Heimatstadt Thiès, eine Großstadt im zentralen Westen des Landes, ist ihnen in dieser Zeit hauptsächlich über die sozialen Medien nah. Gerade im Winter und in den dunklen Abendstunden kann es auf dem abgeschiedenen Berg schnell einmal einsam werden.

"Um Heimweh zu stemmen, muss man viel Beziehungsarbeit machen", weiß Gabi Kaulen inzwischen. Sie ist Projektreferentin für Internationale Arbeit im Jugendhaus und hat dadurch schon viele Freiwillige während ihres Aufenthalts im Jugendhaus begleitet. Deswegen bemühe sie sich, regelmäßig den Kontakt zu vertrauten Senegalesen herzustellen, die zurzeit ebenfalls in Deutschland sind. Es sei wichtig, sich den Kummer regelmäßig in der wohlbekannten Sprache, im Senegal sind das Französisch oder die Landessprache Wolof, von der Seele reden zu können. Das sei beispielsweise ein fester Bestandteil vor dem wöchentlichen Deutschunterricht geworden, so Kaulen.

Sie ist in dieser Zeit eine wichtige Vertrauensperson für die jungen Frauen und gleichzeitig Familienersatz. Jeden Sonntag laden sie und ihr Mann Hans-Peter, der Leiter des Jugendhauses, Reine Marie und Angelique deshalb zum gemeinsamen Abendessen ein. Oft redeten sie dann auch über die landestypischen Traditionen des Senegals oder singen gemeinsam.

Vorerfahrung ist da

In ihrer Heimatstadt haben die beiden jungen Frauen bereits eine dreijährige praktische Ausbildung an einer Wirtschaftsschule in Thiès absolviert. In der Feuerstein-Küche ist die Hauswirtschafterin Angelika Körber eine der ersten Ansprechpartnerinnen für die Senegalesinnen. Auch wenn vom Personal niemand Französisch spricht und die Freiwilligen bisher noch nicht allzu viel Deutsch, klappt die Verständigung auch nonverbal. Körber hat es sich zur Aufgabe gemacht, den beiden möglichst differenziert die fränkische Küche zu zeigen. Das beinhaltet unter anderem die verschiedenen Möglichkeiten, einen Teig herzustellen. "Ich möchte ihnen jeden Monat etwas zeigen, das für uns typisch ist", sagt Körber.

Gerade das Essen in Gemeinschaft hat im Senegal einen besonderen Stellenwert. Jeden Tag werde gemeinsam aus einer Schüssel gespeist, ob mit Freunden, Kollegen oder der Familie, sagt Reine Marie. Im Jugendhaus gibt es dafür jeden Morgen die Frühstückspause, zu der das Personal aus der Hauswirtschaft für eine halbe Stunde zusammenkommt - ein kleiner Ersatz fern der Heimat.

Familie werde im Senegal überdies anders definiert als in Deutschland, betonen die beiden. "Familie ist dort, wo du wohnst", sagt Reine Marie. Auch Freunde und Nachbarn zählten wie selbstverständlich zu diesem weiten Begriff. Überhaupt werde sich anders um die Familie gekümmert. Wo hier Altenheime die Pflegebedürftigen aufnehmen, gibt es ein solches System im Senegal nicht. Wer alt ist, wird zu Hause von den Angehörigen gepflegt.

Gegenseitige Hilfe

Überkommt Reine Marie und Angelique trotzdem das Heimweh, helfe es ihnen vor allem, sich gegenseitig Kindheitserinnerungen zu erzählen, sagt Angelique. Sie seien sich beide eine eigene Familie im fremden Land, gäben sich Ratschläge, wenn nötig, so die 25-Jährige.

Projektreferentin Gabi Kaulen ist zuversichtlich, dass sich die Senegalesinnen trotz der vielen neuen Eindrücke und der Ferne der Heimat in Ebermannstadt wohlfühlen. Beide seien bereit, sich mit Mut und Willen auf alles Neue einzulassen, sagt sie. Nicht zuletzt das Küchenteam helfe ihnen durch unkomplizierte Zusammenarbeit über die Sprachgrenzen hinweg. "Fränkisch funktioniert eben", so Kaulen.