Fast stündlich erreichen uns neue Nachrichten über Flüchtlinge in der Bundesrepublik und speziell im Freistaat Bayern und im Landkreis Erlangen-Höchstadt. In der Landeshauptstadt sind die Aufnahmelager hoffnungslos überfüllt, im Landkreis werden die Lager in Hemhofen und Herzogenaurach erweitert. Und es ist kein Ende des Flüchtlingsstroms in Sicht. Sieben Jahrzehnte ist es her, dass unser Land vor einem ähnlichen Problem stand, allerdings mit dem großen Unterschied, dass damals zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der größten Völkerwanderung der Neuzeit hauptsächlich deutsche Staatsbürger eine neue Heimat suchten und fanden.

Auch im heutigen Landkreis gab es zum Kriegsende Notaufnahmelager, wie beispielsweise in Heßdorf oder Adelsdorf.
Und selbst in den kleinsten Gemeinden des Landkreises erinnert man sich noch immer an Flüchtlinge und Heimatvertriebene, die mit dem Wenigen, das sie damals mitnehmen durften, hier untergekommen sind.
Von den 12,45 Millionen Menschen, die zwischen 1945 und 1950 ihre alte Heimat verlassen mussten, kamen 1,9 Millionen Menschen in Bayern unter. Gemessen an der Gesamtbevölkerungszahl Bayerns, betrug der Anteil der Neubürger etwa 21 Prozent.

Zwar hatten die Neuankömmlinge in der Regel alle Deutsch als Muttersprache, doch problematisch war es mit den zahlreichen unterschiedlichen Dialekten. Kein Schlesier verstand den Franken, wenn dieser von seiner "Woär" (seinem Besitz) sprach, und umgekehrt wusste kein Franke, was es mit dem schlesischen Nationalgericht, dem "Himmelreich", auf sich hatte.

Auch waren da noch konfessionelle Unterschiede, die bisweilen fast unüberbrückbare Gegensätze heraufbeschworen. Es gab tatsächlich in Bayern 1945 noch rein katholische und rein evangelische Gemeinden, in die jetzt "Andersgläubige" kamen. Solche Diasporasituationen wurden in der Regel überwunden und es entstanden neue Kirchengemeinden für die zahlenmäßig schwächeren Konfessionen und somit ergaben sich neue und verbesserte Umgangsformen der Konfessionen miteinander.

"Enger zusammenrücken und sich verstehen". So lautete der Aufruf von Landrat Valentin Fröhlich im Amtsblatt des Landkreises Höchstadt vom 5. November 1945. Der ehemalige Herzogenauracher Bürgermeister erläuterte zunächst die Vorgehensweise bei der Verteilung der Flüchtlinge. Demnach sollten die in der Bezirkshauptstadt Höchstadt ankommenden Flüchtlinge vom Flüchtlingskommissar Max Brehm in Empfang genommen, dann per Lkw auf festgelegte Säle und Baracken und von dort aus wiederum auf Privatquartiere verteilt werden. "Ich möchte nicht hören, dass Bürgermeister mir melden, sie können die ihnen zugeteilten Flüchtlinge nicht in Privatquartieren unterbringen, weil sich die Besitzer der Häuser weigern, diese Leute aufzunehmen ...", so der Landrat.

Weiter drohte Fröhlich, dass er Häuser beschlagnahmen lassen werde, wenn sich Hausbesitzer weigern würden, Flüchtlinge aufzunehmen. Und auch die Flüchtlinge ermahnte der Landrat, nicht die Hände in den Schoß zu legen, sondern bei ihren "Gastgebern"mit anzupacken und sich nützlich zu machen.


Zuzugsperre gefordert

Herzogenaurach sah sich durch den Zuzug von Flüchtlingen, Heimatvertriebenen, ausgewiesenen "Reichsdeutschen" aus Österreich sowie von Evakuierten aus Nürnberg vor enorme Probleme gestellt. Und die Situation spitzte sich bis 1954 drastisch zu. Zählte man 1948 noch 1945 Flüchtlinge, so wuchs deren Zahl bis 1954 auf 2377.

In einer Sitzung des Stadtrats vom 30. September 1948 wurden Zahlen genannt: Demnach stieg die Einwohnerzahl von 4067 Einwohner im Jahr 1933 auf zunächst 4914 (1939) und dann auf 6479 Personen (Oktober 1946). 6969 Einwohner zählte man im Jahr der Währungsreform 1948.

Nach Auskunft der Behörde fehlten im September 1948 797 Wohnungen. Die Situation in de Aurachstadt hatte sich zusätzlich zugespitzt, da die Amerikaner 99 Wohnungen im Bereich Hans-Sachs-Straße und Flughafenstraße für sich beanspruchten. Die Ausgewiesenen wurden größtenteils in Baracken und Schulsälen auf engstem Raum untergebracht.

Bürgermeister Hans Maier hatte dem Landratsamt schon 1946 die Situation wie folgt geschildert:"... Die hier bestehende außergewöhnliche Wohnraumnot verlangt rasche Hilfe, die sich der Stadtrat durch Erklärung des Stadtgebiets Herzogenaurach zum Brennpunkt des Wohnungsbedarfs erbittet und vor allem darin bestehen soll, dass eine allgemeine Zuzugssperre verfügt und der Wohnungsbau eine besonders bevorzugte Förderung erfährt.

Auf Initiative der Baugenossenschaft "Eintracht" wurden ab 1948 Mehrfamilienhäuser in der Kellergasse, in der Veit-Stoß-Straße, der Edergasse, der Peter-Vischer-Straße und der Adam-Krafft-Straße gebaut. In der Pirckheimerstraße entstand ein Gebäude für sechs Schwerkriegsbeschädigte mit ihren Familien.


Viele neue Häuser enstanden

In diese Zeit fällt auch die Gründung einer zweiten Wohnbaugesellschaft, der "Eigenheim", die durch Vermittlung der Stadt Baugelände in der Sandstraße, in der Adalbert-Stifter-Straße und der Damaschkestraße erhalten hatte. Schließlich entstand ab 1950 die "Weihersbach-Siedlung" mit zirka 100 Kleinwohnungen, und 1953 begann die Firma Schaeffler Wohnblocks und Reihenhäuser zu errichten. Am Buck, also in Nachbarschaft zum Schaeffler-Werk, nordöstlich des Wiwa-Weihers am Ina-Ring, sowie östlich des Welkenbacher Kirchwegs im Bereich Wieland-, Kant- und Fichtestraße entstanden bis 1963 rund 700 Wohnungen.