Wohl kaum ein Konzert jüngerer Zeit hatte so viel gesellschaftliche Brisanz in sich wie das, welches kürzlich in der voll besetzten St. Georgs-Kirche zu erleben war. Der Bestsellerautor Pater Anselm Grün sprach zu den zwölf heroischen Märschen von Georg Philipp Telemann, die von den Bavarian-Brass-Musikern Benjamin Sebald (Trompete) und Walter Thurn (Orgel) vorgetragen wurden.
"Heldenmusik" nannte Telemann seine Vertonung der zwölf antiken Tugenden. Ist es nicht gerade das Fehlen von Tugenden, das in der heutigen Zeit angesichts von Finanzkapriolen und öffentlicher Vorteilsnahme ständig und allerseits beklagt wird?
Während sich der Konzertbesucher beim Hören der barocken Marschmusik beinahe aufgefordert fühlt, sich jubelnd in die zwölf heroischen Märsche mit einzureihen, um tugendhaft zu werden, ist Grüns Ansatz völlig frei von Befehlen oder gar Zwang. Die Ressourcen zu Tugenden wie Würde, Sanftmut, Tapferkeit, Liebe oder Hoffnung ruhen, wie Anselm Grün sagt, längst in jedem Menschen. Diese gelte es, in sich hineinhörend zu entdecken und zum Leben zu erwecken und letztlich als Geschenk Gottes zu deuten. In dieser spirituellen Lebenserfahrung, so der Benediktinermönch, öffne sich die Tür hin zu gelingendem Leben und zu Gott. Tugend erscheint für den Menschen somit nicht als fernes Ideal, sondern als ein Weg des Menschen zu sich selbst, in den Worten Anselm Grüns: zum Grund seiner Seele, in der er Gott finden könne.
Diese Tür droht die Telemannsche Heldenmusik mit "Pauken und Trompeten" beinahe wieder zuzuschlagen. Ganz dem barocken Weltbild verbunden, streng geordnet und ohne Leerstellen auskomponiert, lässt sie außer in Tempo und Dynamik wenig Interpretationsspielraum offen, stellt kaum die Fragen, die dem Menschen womöglich im Innersten umtreiben - Fragen, die der Benediktiner jedoch in einfachen Worten zu stellen weiß. Und deswegen zieht er von Anfang an das Publikum in seinen Bann.
Der rege Austausch der überaus zahlreichen Konzertbesucher am Ende trug womöglich dem Umstand Rechnung, dass man soeben zwei Wege zur tugendhaften Gesellschaft vor Augen geführt bekommen hatte, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Zum einen den Telemannschen Aufruf, hinauszugehen in die tugendlose Welt, um ein tugendhafter Held zu sein und zum anderen den, in sich selbst hineinzugehen, um das zu finden, was Tugend erst möglich macht. Welcher der beiden dem Zuhörer leichter erscheint, bleibt ihm selbst überlassen. Eines aber wurde allen zugleich deutlich klar: Man hatte soeben eines der bemerkenswertesten Konzerte der letzten Zeit in Höchstadt erlebt.