Auf dem kleinen runden Tisch in der Ecke im "Haus Heinrich" liegt ein Deckchen mit hübschem Muster. Zwei ältere Damen sitzen in ihren Rollstühlen und starren auf die gläserne Eingangstür. Sie scheinen nichts um sich herum wahrzunehmen. "Heute kommt der Aski wieder", sagt eine von ihnen und ihre Augen beginnen mit einem Mal zu leuchten.
Als ein kleiner, schwarz-weißer Pudel, gefolgt von einer älteren Dame, schwanzwedelnd durch die Tür trabt, lacht sie und klatscht in die Hände. "Hallo zusammen", ruft Helga Herrmann fröhlich. Die Stimme der Hundebesitzerin ist klar und voller Tatendrang. Mit einer herzlichen Umarmung begrüßt sie Annemarie Kling und Rosa Greif (Namen der Bewohner geändert), die jetzt in Plauderlaune sind und wie ein Wasserfall auf sie einreden.
Helga Herrmann drückt ihnen ein paar Leckerli in die Hand, die sofort an ihren vierbeinigen Begleiter verfüttert werden. "Du bist mein Freund, stimmt's?", flüstert Rosa Greif und krault den kleinen Pudel hinter den Ohren. Aski trägt ein rotes Geschirr mit der Aufschrift "Therapiehund im Einsatz", passend zu der knallroten Jacke seiner Besitzerin. Seit über zwei Jahren besuchen die beiden im Auftrag des Forchheimer Arbeiter-Samariter-Bundes das Seniorenheim.
Mit dem Aufzug geht es in den Gemeinschaftsraum im ersten Stock. Der beißende Geruch von Desinfektionsmittel hängt in der Luft. Aski weicht seinem Frauchen nicht von der Seite, folgt ihr wie ein Schatten. "Bist mein Braver", flüstert Helga und tätschelt ihm die Flanke. Der Raum mit den großen Fenstern wirkt hell und freundlich, im Hintergrund dudelt das Radio. An einem großen Holztisch sitzen vier Frauen und ein Mann, allesamt im fortgeschrittenen Alter.
"Komm Aski, wir sagen guten Morgen", trällert Helga Herrmann und macht mit ihrem Hund die Runde. Die Hemhofenerin begrüßt jeden einzeln und nimmt den sechsjährigen Pudel auf den Arm, damit die Senioren ihn streicheln können. "Sie waren so lange nicht mehr da", sagt eine Frau und drückt ihren zierlichen Körper fest an den von "ihrer Helga". Mit prüfendem Blick sucht die Hundebesitzerin den Boden nach fallen gelassenen Tabletten ab - eine gefährliche Versuchung für den stets hungrigen Aski. Helga Herrmann geht in den Nebenraum zu einer Dame, die teilnahmslos im Rollstuhl vor ihrer Schnabeltasse sitzt. "Hallo meine liebe Frau Wagner", flüstert sie. Behutsam setzt sie Aski auf die knochigen Beine der Frau. Sie beginnt zu lächeln und vergräbt ihre Finger im lockigen Fell des Hundes, der wie ein Stofftier ganz regungslos auf ihrem Schoß liegt. Anschließend breitet Helga Herrmann in einer ruhigen Ecke eine Fleece Decke aus. "Das ist Askis Rückzugsort. Hier findet er Ruhe, wenn es ihm zu viel wird", erklärt sie.
Es sei für sie immer wieder faszinierend, wie sensibel ihr Hund auf die Menschen und ihr Befinden reagiere. Manchmal besucht sie Senioren, die bettlägerig sind, in ihren Zimmern und lässt sie mit Aski kuscheln. Ein paar Mal hat sie schon erlebt, wie ihr Rüde plötzlich nicht weiter als bis zur Türschwelle ging. Kurz darauf ist der Bewohner des Zimmers verstorben. "Wenige Tage vor ihrem Tod sind die Menschen so friedlich. Wenn ich das sehe, habe ich keine Angst mehr vor dem Sterben", sagt Helga, die selbst schon 75 Jahre alt ist.
Nun packt sie bunte Luftballons aus und verteilt Fliegenklatschen an die Senioren. Gerade saßen sie noch mit hängenden Schultern wie gelähmt in ihren Stühlen, aber jetzt schlagen sie mit aller Kraft, die sie aufbringen können, auf die Ballons ein und feuern sie durchs Zimmer. Aski verfolgt das muntere Treiben aus sicherer Entfernung. "Seit einmal ein Ballon zerplatzt ist, steht er der Spielerei eher skeptisch gegenüber", sagt Helga, nimmt ihn auf den Arm und drückt ihn fest an sich.
Um 10.30 Uhr werden auch die letzten Langschläfer zum Essen an den Tisch gerollt. "Ich hatte auch noch kein Frühstück. Das weiß ich hundertprozentig", protestiert eine Seniorin mit graumeliertem Haar empört. Eigentlich hat sie es einfach nur vergessen. In einem unbeobachteten Augenblick zieht sie den Teller ihrer Tischnachbarin zu sich und verspeist genüsslich das Marmeladenbrötchen. Als ein Luftballon in ihre Richtung fliegt, macht sie eine abfällige Handbewegung. Sie wolle einfach nur in Ruhe frühstücken, sie habe lange gewartet.
"Von außen mag das, was ich mit den Senioren mache, albern aussehen", sagt Helga Herrmann. Man müsse jedoch den Zustand beachten, in dem sich die Bewohner befinden. "Je weiter die Demenz fortgeschritten ist, desto mehr ähneln sie kleinen Kindern." Man wisse nie, wie sie reagieren und müsse auf alles vorbereitet sein. Viele kennt sie noch von früher. "Es macht mich traurig zu sehen, wie sie immer mehr abbauen."
Während ihrer Zeit im "Haus Heinrich" hat sie schon viele kommen und gehen sehen. Manche versichern ihr, nur vorübergehend im Heim zu wohnen. "In vier Wochen gehe ich wieder nach Hause." Wenn sich Helga Herrmann dann aber die Zimmer ansieht, in denen Familienfotos die Wände schmücken, Kleidung ordentlich zusammengefaltet in die Schrankfächer gelegt wurden und der Fernseher in Position steht, wird ihr klar: Diese Menschen werden das Heim nie wieder verlassen. Doch egal, wie aufopferungsvoll sich das Pflegepersonal um die Bewohner kümmert oder wie gemütlich das Heim eingerichtet ist - der Glanz in ihren Augen verschwindet, immer mehr, bis nur noch eine traurige Leere zurückbleibt. Eine Frau streichelt Aski, der neben ihr auf dem Stuhl sitzt, liebevoll über den Rücken. "Der Hund ist einmalig, ganz gescheit", sagt sie. "Wir haben ja einen Dackel, der versteht auch alles." Helga drückt der Frau eine Bürste in die Hand. Vorsichtig streicht sie dem kleinen Pudel damit über den Rücken, ganz sanft, um ihm nicht wehzutun. "Ich habe Durst", nuschelt Frau Wagner und hält ihre Schnabeltasse hoch. "Ist die schon wieder leer?", fragt Helga und füllt die Tasse mit Mineralwasser auf.
Nachdem Aski x-mal durch einen Reifen gesprungen ist, packt Helga Herrmann ihre Sachen zusammen und verabschiedet sich von den Senioren. "Macht's gut! Bis nächste Woche", ruft sie und drückt jeden Bewohner zum Abschied. Als sie den Raum verlässt, ruft ihr Frau Kling hinterher: "Lassen sie uns nicht wieder so lange warten!"