Wer vor 200 Jahren in Franken krank wurde - au weia. Ärzte gab es kaum, und wenn, dann nur für den Adel und wohlhabende Bürger. Weil der Medicus natürlich Geld sehen wollte. Und das, obwohl die Möglichkeiten der damaligen Medizin im Vergleich zu heute noch stark eingeschränkt waren. Aber immerhin: Helfen konnte man auch damals schon.


Handwerkschirurgen

Der Erlanger Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven verweist allerdings darauf, dass der Stellenwert der Medizin an den Universitäten zu jener Zeit nicht mit heutigen Verhältnissen verglichen werden konnte.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe es sowohl den akademischen Arzt als auch den Handwerkschirurgen gegeben. Ersterer beherrschte die lateinische Sprache, therapierte noch auf der Basis einer sachgerechten Anwendung von Heilpflanzen und Mineralien, eine Medizin auf der Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse begann sich dagegen erst ganz allmählich zu entwickeln. "Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat es eine Chirurgie wie im heutigen Sinn noch nicht gegeben", so Leven. Von einer Bliddarmoperation hätte man damals nur träumen können. Der sogenannte Handwerkschirurg , ein reiner Lehrberuf wie im Handwerk eben üblich, sprach wie das Volk, kümmerte sich um Brüche und Amputationen, konnte auch schon mal eine Blasenoperation durchführen.

Grundsätzlich kam der Arzt zu jener Zeit ins Haus der Patienten, eine eigene Praxis gab's damals noch nicht. Was auch dazu führte, dass der Medizinstudent jener Zeit den Herrn Professor zum Patienten begleitete, wenn er erste praktische Erfahrungen sammeln wollte. In Erlangen war das bis 1815 gängige Praxis. Den langjährigen Bemühungen des Uniprofessors Bernard Schreger war es zu danken, dass sich das ab 1815 änderte. In der Wasserturmstraße wurde das "Clinicum Chirurgicum" eröffnet. Es verfügte über drei Krankenzimmer mit acht Betten. Daneben standen noch Räume für Untersuchung, Behandlung und Verköstigung der Kranken zur Verfügung. Das reichte zunächst völlig aus. Im Jahr 1820 gab es in Erlangen gerade mal 21 Medizinstudenten.

Zum Vergleich: In der Theologie waren gleichzeitig 151, in der juristischen Fakultät 89 Studenten immatrikuliert.
Das Neue: In dem Clinicum wurde jeder versorgt, der sich mit seinem Leiden an die zuständigen Ärzte wandte. Ein Ergebnis der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, das bei den Regierenden für die Erkenntnis sorgte, dass die Gesunderhaltung breiter Volksschichten von allgemeinem Interesse war. Dass man sich auch in dem kleinen protestantischen Erlangen mit nur wenigen tausend Einwohnern zur Einrichtung eines solchen Clinicums entschloss, mag auch daran gelegen haben, dass andere fränkische Universitäten, so in den katholischen Hochstiften Würzburg und Bamberg, schlicht schneller waren. Dort gab es Klinikneubauten bereits in den Jahren 1789 (Bamberg) und 1793 (Würzburg).

So viel zu den Anfängen. Und heute? 200 Jahren nach Gründung des Erlanger Uniklinikums. Heute haben wir es nach dem jüngsten Ranking des Nachrichtenmagazins Focus mit einem Uniklinikum zu tun, das bundesweit zu den zehn Besten gehört. Über 60.000 Patienten aus der Region werden hier jährlich stationär versorgt. Hochleistungsmedizin für jedermann, unabhängig davon ob Privat- oder Kassenpatient. Und das obwohl die klinische Versorgung der Menschen in der Region immer stärker ökonomisiert wird, der Patient zum Kunden mutiert.


Medizin /Ökonomie

Für den Medizinhistoriker Leven eine Entwicklung, an der man nicht mehr vorbeikommt. Weil Medizin und Ökonomie nur im Miteinander funktionieren könnten. Weil nur so allen Patienten die gleiche medizinische Leistung zugestanden werden könne. Wobei natürlich auch Leven zugesteht, dass medizinischer Fortschritt zunehmend in Grenzbereiche vordringt und zum Beispiel angesichts hoher Kosten Fragen nach der Sinnhaftigkeit mancher therapeutischer Maßnahmen geradezu provoziert. Der Medizinhistoriker gibt sich gleichwohl mit Blick auf die medizinische Entwicklung der letzten 200 Jahre optimistisch für die Zukunft. Die Diagnostik werde sich weiter verbessern.

Und: Dank der Erkenntnisse der Molekularmedizin wird's für jeden Patienten immer bessere individuelle Therapiemöglichkeiten geben.


Uniklinik in Zahlen

Kliniken Das Uniklinikum Erlangen besteht heute aus insgesamt 24 Kliniken, 18 selbstständigen Abteilungen und sieben Instituten.

Mitarbeiter Über 7400 Mitarbeiter sind am Uniklinikum beschäftigt. Davon etwa 2200 als Krankenpfleger und rund 2300 im medizinisch technischen Dienst. Dazu kommen noch 1150 Ärzte. 3700 Studenten absolvieren hier ihre Praktika.

Patienten Im Jahr 2014 wurden 60.000 stationäre Behandlungen von Patienten registriert. Hinzu kamen über 470 000 ambulant behandelte Fälle.

Bilanzsumme 2014 erreichte das Klinikum eine Bilanzsumme von 740 Millionen Euro. Die Einnahmen bestanden im wesentlichen ais Krankenkassenleistungen (430 Millionen Euro), sonstigen betrieblichen Erträgen (99 Millionen) und dem Landeszuschuss (82 Millionen)

Drittmittel Hier handelt es sich um Mittel, die von der Uni besonders zu Forschungszwecken beim Bund, der EU oder der Wirtschaft und Industrie eingeworben werden. Im Jahr 2014 waren das 39 Millionen Euro.

Chronik Anlässlich des 200-jährigen Bestehens der Uniklinik erschien die 600 Seiten starke Chronik "200 Jahre Universitätsklinikum Erlangen", ISBN 978-3-412-22543-8



Info: Von der ersten Äthernarkose bis zum Retortenbaby

Ranking Im deutschlandweiten Ranking 2016 des Nachrichtenmagazins Focus zählt das Erlanger Uniklinikum unter 1173 Krankenhäusern zu den zehn besten Kliniken.

1847 Johann Ferdinand Heyfelder führt in Erlangen die erste Äthernarkose in Deutschland durch.

1982 Das deutschlandweit erste Baby aus einer in vitro-Fertilisation kommt zur Welt.

1986 Das erste "Tiefkühlbaby" aus einem tiefgefrorenenen Embryo wird geboren.

1994 Bayernweit erstmals wird in Erlangen einem Kind eine Leber transplantiert.

Erlanger Professorenstreit Streit zwischen Gerd Hegemann und Karl-Heinz (Julius) Hacketal wegen angeblicher Kunstfehler. Der Disput brachte das Klinikum immer wieder in die Schlagzeilen.