Also ehrlich gesagt gibt mir das gerade ein bisschen ein mulmiges Gefühl. Ich meine ein Viertel, Himmel, wer hätte gedacht, dass die Zeit so schnell verfliegt? Obwohl das ja ein gutes Zeichen ist, denn die Zeit vergeht schneller, wenn man Spaß hat. Nun, was habe ich diesen Monat alles erlebt? Ich habe mich zweimal mehr oder weniger zu Tode gelangweilt, habe eine winzige Panikattacke bekommen, bin way too much gelaufen und habe ein Kartoffelfest ohne Kartoffeln gefeiert. Und jetzt die Details haha.

Meeting mit Rotary

Wir haben ja mindestens einmal im Monat ein Meeting mit dem Rotary-Club, bei dem wir ne kleine Rede halten müssen und mit Japanisch ohne Übersetzung zugetextet werden. Diesmal hatte ich mich darauf vorbereitet, eine kleine Rede auf Japanisch auswendig gelernt. Alle waren ziemlich beeindruckt davon, weil mein Japanisch ja immer noch nicht das Beste ist. Aber meine Aussprache ist wohl ziemlich gut, warum auch immer. Das Meeting war übrigens die erste Gelegenheit, die mich beinahe zum Einschlafen brachte.

Die Liebe der Japaner zu Halloween

In der darauf folgenden Woche war dann Halloween und das war ein ziemlich genialer Tag. Es hat in der Schule damit angefangen, dass alle Süßigkeiten getauscht haben. Mir haben sie auch welche geschenkt, obwohl ich ja gar keine zum Tauschen hatte, weil ich logischerweise nicht davon wusste. Und Kevin (Englischlehrer) ist den ganzen Tag als Zombie verkleidet rumgelaufen und hat Süßes an alle verteilt, die "Trick or Treat" zu ihm gesagt haben. Abends bin ich dann mit Freunden nach Shibuya gefahren um Halloween zu feiern und es war der Hammer. Japaner gehen einfach voll ab bei so was. Es war wie Karneval mehr oder weniger.

Überall verkleidete Leute und so viele, teilweise konnte man nicht mal laufen, weil die Massen einfach zu gigantisch waren und die Kostüme waren auch echt super, nicht so standardmäßig Hexe und Vampir sondern richtig kreativ. Halloween war dann auch das erste Mal, dass wir das "in-den-Zug-quetschen"-Phänomen für das Japan so berühmt ist, erlebt haben. Was meine Panikattacke auslöste, weil es einfach verdammt gruselig war. Ich meine, ich bin nicht gerade groß und dann war ich da eingequetscht zwischen all den Menschen und du denkst dir einfach nur "Was, wenn ich hier nie wieder rauskomme?" und in dem Moment war das einfach alles zu viel und es war einfach nur furchtbar, weil du kannst ja nicht einfach ein paar Schritte zur Seite machen und dann bist du raus aus der Menschenmasse, nein, du bist zehn Minuten gefangen in dieser Konservenbüchse mit viel zu vielen Leuten und denkst dir nur "Bitte, bitte lass es aufhören" und das tut es dann auch, irgendwann.

Wandern und ein BBQ

An dem gleichen Wochenende hatten wir dann auch einen Ausflug mit Rotary in einen anderen Teil der Präfektur, weswegen ich verdammt früh aufstehen musste. Uns wurde gesagt wir würden ein "bisschen" Wandern und dann gäbe es ein BBQ. Am Ende stellte sich das "bisschen" Wandern als 10 Kilometer hin und 5 Kilometer zurück heraus, aber da wir in der Austauschschülergruppe unterwegs waren, hat es eigentlich ziemlich viel Spaß gemacht und wir haben uns die Zeit mit dämlichen Spielen und furchtbar schräg gesungenen Liedern vertrieben. Alles in allem sind die Tage, die wir mit Rotary und als große Gruppe lärmender Ausländer verbringen, die besten auch wenn sie manchmal langweilig werden können, wenn sie nur aus Meetings bestehen. In der Woche nach dem BBQ war ich dann auf zwei Festivals, einmal mit Rotaryclub bei dem ich eigentlich nur beim Packen der Bentoboxen geholfen habe, was relativ langweilig war, aber immer noch besser als Schule nicht wahr? Und am Wochenende dann auf dem Festival einer Universität, auf das ich mit Rotariern gegangen bin. Und es hat auch ziemlich viel Spaß gemacht, obwohl es eine Militäruniversität war und ich Militär jetzt nicht unbedingt so gut finde, dass ich mir eine nur darauf spezialisierte Uni anschauen würde. Aber man hat eigentlich nur durch die Uniformen und Panzer gemerkt, dass es keine normale Uni war.

Marathontag an der Schule

Die Woche darauf war dann der Marathontag an meiner Schule. Die Jungs mussten 15 Kilometer und die Mädchen 10 Kilometer rennen. Ich glücklicherweise, dank Austauschschülerbonus, nur 5 Kilometer. Und ok, vielleicht auch deswegen, weil ich gerade mal einen Monat darauf trainieren konnte, während die anderen dafür das ganze Jahr über trainieren und manche schon seit zwei Jahren. Die sind hier alle verrückt. Das Beste ist, dass viele hier auch Rennen hassen, aber sie sind trotzdem gut darin. Ich glaub, ich gehe auf eine Schule bestehend aus Supersportlern. Glücklicherweise haben wir das Rennen für den Winter jetzt erstmal durch Tennis ersetzt, was sehr, sehr, sehr viel mehr Spaß macht. (Falls ihr es nicht gemerkt habt, die 15 Kilometer und dann noch mal die 5 Kilometer, waren das viele Gelaufe diesen Monat)

Letztes Wochenende war dann die Districtconference (zweites Mal zu Tode gelangweilt). Wir mussten eine Menge langweiliger Reden auf Japanisch und diesmal sogar Koreanisch ertragen. Wurden auf die Bühne gestellt, um uns vorzustellen und dann irgendwie doch nicht. Und vor allem mussten wir ne Menge für nichts und wieder nichts warten, aber wenigstens haben wir Essen bekommen haha, ihr wisst nicht wie wichtig kostenloses, gutes Essen für einen chronisch-bankrotten Austauschschüler ist. Dafür nehmen wir sogar Warten in Kauf. Wir waren also auf der Konferenz und mussten nach den Reden auch noch eine Show von einem Transvestiten, der furchtbar gesungen und über Make-up geredet hat, aber offensichtlich in Japan ziemlich berühmt ist, über uns ergehen lassen. Um ehrlich zu sein, die meiste Zeit haben wir geschlafen. Als der "offizielle" Teil dann vorbei war, haben sie uns gesagt, dass wir, wenn wir wollen noch zwei Stunden warten können, weil es dann eine "Party" gibt. Nach einigem Hin und Her haben wir dann beschlossen, für eine Stunde zum Karaoke zu gehen. Das war richtig genial, kein Wunder, dass Japaner das alle so lieben. Die letzte Stunde haben wir dann einfach in der Lobby rumgesessen und Black Jack gespielt. Und dann war die "Party", die eigentlich ganz gut war, weil es dadurch, dass es eine Rotaryparty war, ziemlich gutes Essen gab und die Rotarier uns geradezu damit vollgestopft haben.

Gestern war dann das Kartoffelfest. Wir sind mit dem Bus zu einer Art Farm gefahren und eigentlich dachten wir, wir würden irgendwie nach Süßkartoffeln buddeln, die dann grillen und essen, zumindest wurde uns das so gesagt. Es hat sich dann aber alles ein bisschen anders rausgestellt. Nachdem wieder einmal unzählige Reden auf Japanisch gehalten wurden, haben sie uns auf die Felder gescheucht und ich glaube keiner von uns hatte wirklich Kartoffeln in der Hand, aber was soll's. Jedenfalls durfte meine Gruppe mehr oder weniger die Zwiebelfelder von Unkraut befreien, allerdings macht es mit Freunden zusammen deutlich mehr Spaß als erwartet. Danach gab es dann mal wieder ein BBQ. Das war ziemlich gut, obwohl es dort auch keine Kartoffeln gab. Also irgendwie trifft es die Bezeichnung Kartoffelfest nicht so ganz. Wir hatten jedenfalls ne Menge Spaß und ich bin dankbar für meine Freunde. Denn ganz ehrlich: ich hatte nicht erwartet, so gute Freunde in so kurzer Zeit zu finden. Ich bin jetzt drei Monate hier und wir sind wie eine Familie zusammen gewachsen. Wir haben unsere Insiderwitze, drücken unsere Liebe zueinander aus, indem wir uns beleidigen und haben die Zeit unseres Lebens zusammen und auch wenn das hier keiner von ihnen lesen wird. Ich liebe euch Leute, ich könnte nicht glücklicher sein in diesem Moment.

Und hiermit verabschiede ich mich auch wieder für diesen Monat.

Sayounara Bekki