Vier Regenten bestimmten nach dem Krieg die Geschicke der Stadt. Der Sozialdemokrat Hans Maier machte 1948 den Auftakt. Ihm folgten die beiden "Schwarzen" Hans Ort und Hans Lang (1970 und 1990), bevor 2008 mit German Hacker wieder ein "Roter" gewählt wurde. Vier Stadtoberhäupter aus zwei Parteien fanden viele Befürworter ihrer Politik, aber auch viele Gegner.

Nur einer war allen Vieren treu ergeben, und zwar immer und ohne zu meckern. Jahrzehntelang tat er seinen Dienst, und er machte in den 60er Jahren auch den Umzug vom Alten Rathaus in den Betonanbau am Schloss mit. Und er war stets verschwiegen, ein Buch mit sieben Siegeln. Dabei wäre es so spannend, wenn er erzählen könnte.

Jetzt aber ist es vorbei mit diesem Stück Nostalgie. Der alte Schreibtisch im Bürgermeisterzimmer hat ausgedient. Ein junger, moderner Nachfolger hat das gute, noch aus altem Holz geschnitzte Stück abgelöst. Seine Arbeitsplatte ist aus Nussbaumholz, mit einer Lederauflage. Also nicht weniger edel, nur halt viel moderner und zweckmäßiger.

Der Eichentisch indes könnte ja durchaus im Museum weiter künden von vier Bürgermeistern, die das Wachstum und die Blütezeit der Stadt mit geprägt haben. Er hat schließlich alles hautnah miterlebt, ist ein Stück Zeitgeschichte geworden. Manch wichtige Unterschrift wurde auf seiner Platte auf die Urkunden gekritzelt. Manch entscheidendes Gespräch hat über ihn hinweg stattgefunden. Und er hat immer geschwiegen. Geduldig und loyal.


Keine Geheimnisse preisgegeben

Das weiß auch Heiner Kalten häuser, der 27 Jahre lang der Hausmeister im Rathaus gewesen war und für viele Herzogenauracher als ein Mann galt und gilt, der dort mit am besten Bescheid wusste. "Wenn der Tisch reden könnte", sagt er, "dann könnte er viel erzählen. Vor allen Dingen Lügen", fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Um sofort abzublocken. Er selbst werde keine Geheimnisse verraten. "Wir sind vereidigt worden. Unsere Schweigepflicht gilt heute noch."

Und was passiert nun mit dem ehemaligen Cheftisch? Im Museum jedenfalls darf er nicht weiter "leben". Da ist kein Platz. Und wollen tut ihn Archivarin Irene Lederer auch nicht. "Der Tisch hat keinen musealen Wert", sagt sie. Deshalb wurde das gute Stück wohl also erst mal eingemottet. "Es kommt in den Keller", sagte Bürgermeister German Hacker, als die Bauhofmitarbeiter das Möbel unlängst abmontierten. Kämmerer Manfred Hofmann, der für das Vermögen der Stadt zuständig ist, bestätigt das. Sein Auftrag sei es nun gewesen, den Tisch einzulagern, sagt er. Denn vielleicht wolle man ihn ja bei irgendwelchen Ausstellungen wieder hervorziehen.

Dass dies einen Sinn macht, daran aber zweifelt zumindest die Museumsleiterin. Finanziell betrachtet sei der Tisch "nicht unbedingt wertvoll", sagt Irene Lederer. Und für das Stadtmuseum sei er auch nicht geeignet. "Er würde nur Depotplatz wegnehmen und wäre ein Ballast", sagt sie. Zumal das Möbelstück aus massivem Holz auch stets kontrolliert werden müsste, ob nicht etwa der Wurm darin eingezogen ist.

Und wie alt mag der Eichentisch sein? Mindestens 73 Jahre, sagt Lederer. Denn es gebe ein Foto aus dem alten Rathaus, auf dem der Tisch zu sehen ist. Das war während der Umbauphase in den Jahren 1939 bis 1941. Also diente das Möbelstück auch bereits dem damaligen Bürgermeister Karl Körner und stammt wohl aus den 30-er Jahren, also aus dem NS-Regime. Dafür spricht auch, dass er typisch für diese Zeit gestaltet sei, wie die Historikerin feststellt. Etwas bombastisch eben, wie das damals so üblich war.


Endlich Beinfreiheit

Ganz anders gestaltet ist der Bürgermeistertisch der Neuzeit. Keine Schnörkel und weniger wuchtig, dafür zweckmäßig und sogar höhenverstellbar. Und vor allem lässt er genügend Beinfreiheit - für German Hacker mit seinen 1,95 Meter Körperlänge ein ganz wichtiges Kriterium.

Für den alten Holzschreibtisch war der Bürgermeister einfach zu groß und ein entspanntes Arbeit war ihm nicht mehr möglich. "Ständig war ich mit den Knien am Holz", sagte er. Und auch das Heraussägen der Schublade sei nicht wirklich erfolgreich gewesen. Hacker: "Das war wie in einer Holzkiste."

Der neue moderne Schreibtisch hat keine Schubladen oder Unterbauten und Hacker kann seine langen Beine unterbringen. Die Tischplatte aus Nussholz ruht auf der einen Seite auf einem Fuß und auf der anderen Seite auf einem Sideboard, erklärt Tanja Meyer, die in der Finanzverwaltung flugs zur "Tischbeauftragten" ernannt worden war. Und der Schreibtisch hat noch eine Besonderheit: eine elektrische Höhenverstellung. So könnte Hacker auch im Stehen arbeiten.