Moment, sage ich zu mir selbst, das muss doch..., das muss doch die Weggabelung sein, die zur Senke führt. Der Querläufer hat sich verlaufen. Im Wald. Und das bei meinem ersten Orientierungslauf. Dabei wollte ich als Straßenläufer hier einmal die Szene aufmischen.

Ich habe Guidos Worte noch im Ohr: "Die klassischen Läufer haben oft Probleme. Sie sind einfach zu schnell und übersehen dadurch Pfade und verirren sich dann." Das ist doch lachhaft. Ich doch nicht. Das kann mir nicht passieren - dachte ich. Doch jetzt stehe ich verloren im Wald. Orientierungslos.

Schon von klein auf hatte ich einen guten Orientierungssinn. Bei uns in der Familie steht eigentlich die Läuferfrau auf Kriegsfuß mit Landkarten. Die vielen bunten Linien sorgen bei ihr nur für Verwirrung. Ein labyrinthartiges Wirrwarr, das für sie keine Rückschlüsse auf die aktuelle Position zulässt. Hält sie eine Landkarte in der Hand, fragt sie sofort nach dem doppelten Stoffbruch. Die Läuferfrau denkt an einen Schnittmusterbogen. Darum ist sie heute auch gar nicht dabei. Jedenfalls verläuft sie sich immer und überall. Und jetzt ich. Das darf nicht sein. Sonst kann ich mir das noch in 30 Jahren anhören.

Das Laub raschelt unter meinen Füßen, als ich weiter laufe. Ich muss einen markanten Punkt finden, von dem es weiter geht. Legendär, als die Läuferfrau mit unserem Sohn zur Mutter-Kind-Kur nach Aschau gefahren ist. Der Querläufer war auf Geschäftsreise in Thüringen. Abends um neun Uhr klingelt das Telefon. Eine hilflose Läu ferfrau hatte sich völlig verfranst. Der Querläufer mimt mit ADAC-Atlas in der Hand das Navigationsgerät und lotst seine Gattin ans Ziel.

Oder wie sie als Kind von ihrer Tante zum Supermarkt geschickt wurde. Eigentlich nur zwei Querstraßen weiter. Der Hinweg war für sie keine Hürde. Problematisch jedoch: Der Eingang des Supermarkts lag an einer Ecke.
Als sie auf dem Rückweg irgendwann hoch schaute, erblickte sie fremde Häuser, fremde Geschäfte, fremde Menschen. Zwei hilfsbereite Rentnerinnen waren damals die Rettung. Meine Rettung heißt Guido, der vorbei kommt und mich einnordet. Der Querläufer kennt sich wieder aus.

Am besten kann sich die Läuferfrau in einer belebten Stadt orientieren. Denn dort kann sie typisch weibliche Orientierungsmuster anwenden. Während sich der Querläufer im Allgemeinen nach den Himmelsrichtungen orientiert, richtet sich die Läuferfrau nach Ortsmarken. Etwa: Dort, wo die schönen roten Schuhe im Schaufenster stehen, links abbiegen. Den Laden mit den Designerkleidern rechts liegen lassen. Weiter geradeaus bis zum Kaufhof, an der Schmuckabteilung vorbei. Dann hinter dem Bäcker rechts.
Der Querläufer kann sich naturgemäß heute auf solche Hilfen auch nicht stützen. Im Wald gibt es weder Schmuckabteilung noch Bäcker. Posten 6 zu finden, war richtig haarig. Zwischen Bäumen verloren, ein toller Titel für die nächste Kolumne, denke ich mir. Oder: "Ein Männlein steht im Walde". Links, rechts und geradeaus nur Bäume.

Bei Posten 7 treffe ich Gerd. Wir schauen beide etwas ratlos auf unsere Karten. "Vielleicht sollten wir mal hier rechts abbiegen", sage ich zu Gerd. Er stimmt mir zu. Also weiter. Aus einem Seitenweg kommt eine Spaziergängerin. Eine Dame, in Begleitung eines Terrier, tritt unverhofft auf uns zu. "Da", sagt sie und zeigt auf den Weg, auf den wir gerade abbiegen wollten, "da wollen Sie nicht hin. Da kommen Sie her." Rat- und fassungslos schauen wir uns an. Gerd und ich schütteln den Kopf.

Kurz darauf befinden wir uns auf dem Heimweg. Anhand von Ortsmarken (Waldende, Hauptstraße, Parkplatzschild) kommen wir gemeinsam ins Ziel. Luftlinie fünf Kilometer Strecke. Mein GPS-Gerät zeigt acht Kilometer an. Gerds neun. Die Profis unter den Orientierungsläufern haben uns abgehängt. Zu Hause angekommen fragt die Läuferfrau: "Na, wie war's?" Der Querläufer antwortet wie aus der Pistole geschossen: "Schmutzig, aber super. Den Orientierungsläufern haben wir es einmal richtig gezeigt."

Run happy and smile!
Euer Querläufer