Wer regelmäßig bei Laufveranstaltungen in der Region startet, der begegnet interessanten Menschen. Der Querläufer Jochen Brosig trifft sich mit einigen dieser ganz unterschiedlichen Laufsportler auf deren Lieblingslaufrunde. Heute steht er mit Edgar Mücke in Eisenach am Start. Der Hubschrauber kreist über dem Marktplatz. Über die Lautsprecher wird das Rennsteiglied gespielt. Über 1700 Läufer warten auf den Startschuss zum Supermarathon.

Querläufer: Edgar, über 50 Ultraläufe hast Du absolviert. Hier am Rennsteig bist Du zum zehnten Mal am Start. Wie war Dein Einstieg in die Laufszene?
Edgar Mücke: Ursprünglich hatte ich vor mit 50 einen Marathon zu laufen. Danach nichts mehr.
Mein erster Laufwettbewerb überhaupt, endete dann fast mit einer Schnapszahl 3:33:37!!!

Die Marathonstrecke reizte ihn schon bald nicht mehr. Edgar Mücke geht es nicht um Zeiten, sondern um das Lauferlebnis. Er liebt es, an seine körperlichen Grenzen zu gehen: "Ich brauche den Sport als Ausgleich zur Arbeit", erklärt der Suchttherapeut. Darum läuft er nach Feierabend, so weit ihn die Füße tragen. Manchmal zwanzig, zu weilen dreißig und auch schon mal vierzig oder fünfzig Kilometer; meistens durch den Wald, denn der 60-Jährige genießt die Natur. So wie hier am Rennsteig. Nach einem Kilometer verlassen wir Eisenach und asphaltierte Straßen. Von da an führt die Strecke auf Waldwegen 12 Kilometer bergauf. Am Verpflegungspunkt Ruhlaer Häuschen greifen wir zu Tee, Haferschleim und etwas Salz. Frühzeitiges Essen und Trinken ohne Hunger- und Durstgefühl ist bei einem Ultra extrem wichtig.

Wie ging es dann weiter?
Auf meinen Trainingsrunden rund um Ermreuth traf ich immer wieder Achim Heukemes, der damals noch in Gräfenberg wohnte. Bis dahin dachte ich, der Marathon ist die längste Strecke, die es gibt. Durch Achim angestachelt suchte ich eine neue Herausforderung, die zu bewältigen war. Ich hatte keinerlei Vorstellung, wie man einen Ultralauf durchstehen kann. Doch meine Neugierde war einfach riesig groß.
Wind und leichter Nieselregen ist nicht gerade das Lieblingswetter unter Läufern. Doch bei Sonnenschein kann jeder joggen. Wir laufen hoch zum großen Inselsberg. Ein Drittel des Weges haben wir gemeistert. Laufen erfordert Disziplin und Durchhaltevermögen. Beste Voraussetzungen für den Ausgleich zu Edgars Arbeitsalltag. In der Natur kann der Ermreuther am besten abschalten. Gelaufen wird bei jedem Wetter. Egal ob bei strömenden Regen, bei Minustemperaturen oder bei Hitze - trainiert wird immer. Entscheidend ist dabei die Erkenntnis, dass der eigene Wille ausschlaggebend ist. Ausreden zählen nicht.....Genauso ist es in der Suchttherapie: Der Wille zählt!

Wie lautet Dein Motto?
Bewege Dich! Nur wenn Du Dich auf den Weg machst, kannst Du Dein Ziel erreichen!

Vor uns liegt wieder so ein fieser Anstieg. 125 Höhenmeter auf einem Kilometer. Das ist sehr steil. Die meisten gehen. Auch wir verfallen in einen schnellen Schritt. Trotzdem überholen wir noch viele Läufer. Bei einer solchen Belastung ist es wichtig Kräfte zu sparen. Gleich wird es wieder flacher. Wir gehen noch. Edgars fragender Blick zeigt mir an, dass wir wieder in einen langsamen Laufschritt übergehen. Mehr als die Hälfte ist geschafft. 45 Kilometer, trotzdem wollen wir nicht wichtige Körner verschießen. Es geht weiter, immer weiter. Bergauf, bergab, über Kies- und Wurzelwege - die Konzentration muss hoch bleiben. Auch im Kopf ist ein Ultra anstrengend, weil nach 5 Stunden auch der Geist müde wird. So laufen wir weiter bis zum Verpflegungspunkt Grenzadler bei Kilometer 54.

Wie oft trainierst Du?
Zurzeit vier bis sechs Mal in der Woche.

Wie gestaltest Du Dein Training?
Möglichst abwechslungsreich. Trainingsläufe mit unterschiedlichen Längen und unterschiedlichem Lauftempo. Ab und zu einmal ein schnellerer Lauf, aber immer bergauf und bergab in meiner Lieblingsgegend, die mein Zuhause geworden ist.

Wir passieren Plänckners Aussicht (973 Hm). Das ist der höchste Punkt beim Rennsteiglauf. Edgar erzählt mir von seinen Glücksgefühlen bei seinem ersten Finish am Rennsteig. "Das erste Mal" ist natürlich immer besonders emotional. Logisch, dass es besonders in Erinnerung bleibt. Der erste Marathon, der erste Ultra. Für Edgar war es 2004 der 6-Stundenlauf in Nürnberg. Seitdem hat er bei über 50 Ultra-Läufen und etliche Mehrtagesläufen gefinisht. Für alle Läufer, die sich zum ersten Mal an eine längere Strecke als 42,2 km wagen, hat er drei Tipps parat:
1. Höre niemals auf die "Lauf-Ratgeber"!
2. Traue keinem Lauftipp, den Du nicht selbst ausprobiert hast!
3. Höre einfach nur auf deine innere Stimme!

Hast Du einen Lieblingslauf?
Das ist ganz eindeutig das Nemea-Olympia Race in Griechenland, wo ich 2010 am Start war.

Edgar Mücke berichtet auch von seinen Lauferlebnissen. Auf der Internetseite www.laufspass.com findet man mehrere Fotoberichte von Edgar. Schmiedefeld hören wir schon von weitem. Hunderte Zuschauer säumen den Zielkanal. Gänsehaut-Feeling in Thüringen. Das Publikum tobt, schreit, kreischt, trötet, rasselt und trommelt. Eine Stimmung wie bei einem Stadtmarathon. Wir sind am Ziel.

Nach dem Lauf ist vor dem Lauf. Was ist Dein nächstes Ziel?
Der Spartathlon 2014. Ich bin bisher zweimal gescheitert, wegen der Umstände. Smog, Industrieorte mit üblen Gerüchen etc. Aber der Lauf ist einfach ein Mythos. Schon als Kind liebte ich die griechische Mythologie. Jeder, der in Sparta die Finisher sieht, ist einfach begeistert und möchte dort beim Ankommen die Atmosphäre spüren. Es ist einfach unbeschreiblich.
"Die Welt ist Eins"

Run happy and smile!
Euer Querläufer