Eine laut Trainer Hans-Jürgen Kästl eher ungeliebte Pflichtaufgabe haben die Bayernliga-Handballerinnen der TS Herzogenaurach seriös gelöst. In der zweiten Runde des Molten-Pokals gewannen sie bei der SG Regensburg (Landesliga Gruppe Süd) deutlich.


SG Regensburg - TS Herzogenaurach 15:34

Den zwei Tage vor dem Turnier zurückgezogenen Landesligisten TV Münchberg erwartet ein beachtliches Bußgeld. Im nicht ganz unumstrittenen Pokalwettbewerb des bayerischen Handball-Verbands kam es also nur zu einem Duell. Auch die TSH hätte mit Rücksicht auf die dünne Spielerdecke am Wochenende lieber durchgeschnauft, doch Coach und Team machten das Beste daraus und nutzten die Begegnung, um neue Akteure ans Team heranzuführen.

So begann im Tor die kurz vor Saisonstart vom Landesligisten Sulzbach verpflichtete Annika Bernhardt.
Die 19-Jährige deutete an, warum Kästl große Hoffnungen in sie setzt. Der Trainer hatte die ehemalige Jugend-Nationaltorhüterin 2013 von ihrem Stammverein Auerbach zum Jugend-Bundesligisten ESV Regensburg gelotst, wo sie mit Zweitspielrecht agierte.

Im Zuge ihrer Ausbildung zur Polizeibeamtin wollte sie eine Pause einlegen, doch Kästl machte ihr den Wechsel nach Herzogenaurach schmackhaft. "Ich habe mir überlegt dass ich wohl im nächsten Jahr wegen meiner Ausbildung nicht so viel Gelegenheit für meinen Sport finden werde, daher wollte ich es zumindest diese Saison im bayerischen Oberhaus versuchen", sagte die 1,73 Meter große Torfrau. Bernhardt kommt aus einer handballbegeisterten Familie, ihr Vater war ihr erster Trainer. Obwohl sie sich anfangs nur zwischen den Torpfosten, weil sich kein anderer zur Verfügung stellte, wurde sie bald von etlichen Vereinen umworben.


Glücksgriff für die TSH

Auch ihr jetziger Coach ist von ihrer mutigen und offensiven Spielweise angetan und hält sie in ihrem Jahrgang für die beste in Bayern - wenn sie wieder voll im Saft steht. Ein Glücksgriff also für die TSH, die nach dem verletzungsbedingten Karriere-Ende von Ex-Europapokal-Gewinnerin Ellen Mauritz, dem Zerwürfnis zwischen dem damaligen Trainer Udo Hermannstädter und Bianca Urban sowie dem monatelangen Ausfall von Martina Ebersberger erhebliche Probleme auf Position 1 hatte.

Ebersberger ist längst eine feste Größe beim Regionalligisten HaSpo Bayreuth, während die TSH auch dank der guten Leistungen von Michaela Müller ihr Saisonziel erreichte. In dieser Spielzeit sollte Herzogenaurach im Tor also aus dem Vollen schöpfen können, denn Müller, Bernhardt und der andere Neuzugang, Hermine Ohlmann, verfügen über Bayernliga-Format. Besonders wertvoll: Jede hat eine völlig andere Art, das Tor zu verteidigen. Auch die bislang verletzte Steffi Mittasch gab zu erkennen, dass sie einsatzbereit ist, sobald sie den Trainingsrückstand aufgeholt hat.

Längst bereit sind die beiden "Aushilfen" aus der zweiten Mannschaft, Lena Kräck und Eva Steinbeißer. Während die Dritte aus der Handballer-Familie Kräck im Pokalspiel auf dem linken Flügel prima Ansätze zeigte, verstand es Steinbeißer im Wechsel mit Janka Kräck ausgezeichnet, als Kreisläuferin Akzente zu setzen und die guten Zuspiele ihrer Kolleginnen zu nutzen. Bis zum 4:5 war Regensburg mit dem Heimvorteil noch ebenbürtig, dann zog der klassenhöhere Gast über 10:5 auf 18:10 davon.


Philosophie schnell verinnerlicht

Als nach der Pause Müller das Tor hütete, wurde deutlich, dass die TSH auf dieser Position am wenigsten Sorgen haben dürfte, obwohl Neuzugang Ohlmann verletzungsbedingt fehlte. Trainer und Team ging es in Regensburg primär darum, die Schnelligkeit ihrer Spielanlage zu steigern. "Wir wollten uns aber belohnen, wenn wir diese Reise antreten und auch den Klassenunterschied zu erkennen geben, auch wenn der Gegner ein beachtliches Engagement an den Tag legte und ordentlich zupackte", sagte Kästl.

Sein Team wolle zwar eine der Spielklasse angemessene Härte umsetzen, echte Fouls aber möglichst vermeiden. Diese veränderte Philosophie hat ausgerechnet Janka Kräck am schnellsten verinnerlicht, die in der Vergangenheit regelmäßig die meisten Pausen auf der Strafbank einlegen musste. "Es ist wirklich erfreulich, wie Janka nicht nur klaglos auf jeder von mir geforderten Position ihr Bestes gibt, sondern dort auch sofort sehr gut zurecht kommt", lobte Kästl, der seinen Schützling offensiv an den Kreis stellte und in der Abwehr mit der besonders anspruchsvollen Innendeckung der 6:0-Formation betraute. "Bei uns wird niemand den klaren Erfolg überbewerten, doch für uns war es in Sachen Zusammenfinden auf dem Spielfeld ein wertvoller Schritt nach vorne", erklärte Kästl.
TSH: Bernhardt, Müller - J. Kräck (2), L. Kräck (1), Stephan (4), Egle (4), Mittasch (4), Dodan (6/1), Steinbeißer (4), Probst (7/2), Lichtscheidel (2)