"Ich wünsche mir dass unsere Frauen heuer mal nicht mit Hurra in die neue Saison stürmen, um dann nach einiger Zeit wieder unsanft zu landen", hatte Christine Odemer, Handball-Abteilungsleiterin der Turnerschaft Herzogenaurach, vor der gerade beendeten Bayernliga-Spielzeit erklärt. Genauso war es nämlich in den drei vorangegangenen Jahren gelaufen: Erst sorgte das Team von Trainer Udo Hermannstädter für Furore, wurde dann aber auf ein "Normalmaß" zurück gestutzt.
Der Wunsch von Odemer wurde erhört - heuer verlief das Auf und Ab weit weniger schwindelerregend. Im Gegenteil, mit dem kleinen Kader - nur elf Feldspielerinnen - erreichte die TSH mit Platz 4 das bisher beste Ergebnis in der Bayernliga überhaupt. Dies kann gar nicht genug gewürdigt werden, denn es lief nicht immer rund für Andrea Berner, Christina Wölfel und Co.
Da war zuerst die Ungewissheit im Torwartbereich, denn es war nicht davon auszugehen, dass Martina Ebersberger nach gerade erst überwundenen Kreuzbandriss gleich wieder ein überragender Abwehrgigant werden würde.
Ein Ritt auf der Rasierklinge, wenn man bedenkt, wie sehr Erfolg und Misserfolg gerade im Handball von den Torleuten abhängt. Ebersberger ist eine der besten Torhüterinnen der Liga und mit enormem Ehrgeiz ausgestattet, aber gegen den streikenden Körper - im Januar wurde ein weiterer Eingriff im Knie fällig - fand auch sie kein Mittel.
Dass die Mannschaft dennoch über ihren realen Möglichkeiten blieb, lag zum einen an den Akteuren, die fast ausnahmslos ihre Leistungen zu steigern wussten - dem intensiven Training von Hermannstädter sei Dank. Und dann war ja noch Stand-By-Torfrau Ellen Mauritz (44), die mit ihrer gewaltigen Erfahrung aus Bundesliga und internationalen Begegnungen die Verschleißerscheinungen ihres Körpers kompensieren konnte.

Trainingszeit ist knapp bemessen

Neben der Tatsache, dass die Abwehr heuer deutlich kompakter stand, ist das gute Abschneiden auch daran festzumachen, dass einfache technische Fehler im Angriff auf eine Normalmaß reduziert wurden. Natürlich gab es einige unangenehme Ausreißer, die darauf zurückzuführen sind, dass die Trainingszeit oft zu knapp bemessen ist. Zwar stehen der Mannschaft zweimal 90 Minuten in der Halle zur Verfügung, doch abzüglich Auf- und Abbau hat der Trainer für Bayernliga-Verhältnisse eigentlich zu wenig Zeit, um gleichzeitig taktische Maßnahmen vorzunehmen, die Physis zu erhalten und individuelle Verbesserungen von Einzelnen umzusetzen.
Heuer aber hat sich die TSH mit diesem "Flickwerk" besser arrangieren können, was auch dadurch belegt wird, dass das übliche Absacken in der Rückrunde deutlich weniger heftig ausfiel als in früheren Jahren. Im Gespräch ließen Trainer Hermannstädter, Abteilungsleiterin Odemer und Mannschaftsführerin Lena Mergner die vierte Bayernligasaison der Herzogenauracher Frauen Revue passieren.

Fitness und Einstellung passen

Während der Coach die stabilere Leistung seiner Mannschaft primär darauf zurück führte, dass die Trainingsbeteiligung und Intensität größer war als zuvor, meinte Mergner, dass man bei zwei komprimierten Trainingseinheiten effektiver habe arbeiten können. Zudem "stehen die Mädels fast alle im Studium, wo sie über den Handball hinaus auch anderweitig sportlich belastet werden und daher generell recht fit sind", erklärte die Kreisläuferin und erfolgreichste Torschützin der TSH. Odemer zeigte sich erfreut darüber, dass die Einstellung durchweg passte und sich das Team auch in der Rückrunde nicht hängen ließ. Ein wesentlicher Grund für die beständigere Form und somit die prima Endplatzierung seien Luisa Frank fast durchgängig sowie "Chrissi" Wölfel in der Rückrunde gewesen, die nicht nur der Abwehr viel Stabilität verliehen, sondern auch einen positiven Einfluss auf das Mannschaftsgefüge ausübten.
Dass es doch den einen oder anderen Ausrutscher gab, erklärt der Trainer damit, dass in der Bayernliga immer körperbetonter gespielt werde und es deshalb immer schwieriger sei, die eigenen Spielanlagen durchzubringen. "Außerdem gibt es Mannschaften, die uns einfach nicht liegen", gab Mergner offen zu. Andererseits habe laut Hermannstädter die Entwicklung der technisch besonders gut ausgebildeten Einzelspielerin Viktoria Egle hin zu einem Teamplayer dem gesamten Angriffsspiel erheblich geholfen.

Spielerinnen sind begehrt

Andererseits mussten sich Trainer und Mannschaftsführerin eingestehen, dass das Team auch heuer ohne echten Leader auskommen musste, der in besonderen Drucksituationen zum Beispiel als verlängerter Arm des Trainers die richtigen Impulse setzt. "Wir haben eine extrem flache Mannschaftshirarchie", brachte es Mergner auf den Punkt.
Dafür freut sie sich zusammen mit Hermannstädter und Odemer über die unveränderte Zahl von treuen Stammzuschauern - die allerdings ruhig etwas öfter aus sich herausgehen dürfen: "Die Fans könnten oft helfen, meine Stimme etwas zu schonen, indem sie den Part des Anfeuerns mit mir teilen würden, das war früher ganz anders in Herzogenaurach", sagte Hermannstädter. Einig ist sich das Trio darüber, dass die Kameradschaft im Team ein wichtiges Element im Bestreben um den Klassenerhalt gewesen ist, doch in welcher Formation man in der nächsten Saison antritt, entscheidet sich erst im Verlauf der nächsten zwei bis drei Wochen.
"Das Spielerkarussell dreht sich im 30-Kilometer-Radius um Nürnberg herum gewaltig: Winkelhaid, Zirndorf, der 1. FC Nürnberg und wir in der Bayernliga, dazu Cadolzburg und der HC Erlangen eine Etage tiefer bemühen sich massiv um eine gute Ausgangslage. Da bin ich froh, dass unsere Abteilungsleiterin zusammen mit Manager Friedrich Wolramm immer wieder um bestmögliche Rahmenbedingungen bestrebt ist", betonte Hermannstädter. Dem schloss sich Lena Mergner mit dem Zusatz an, dass sie sehr gerne in Herzogenaurach spiele. Christine Odemer erwiderte, dass ihr die Arbeit leicht falle und erklärte dass "dies auch ein Verdienst der Mannschaft sei, die sich ebenso wie ihr Trainer stets hilfsbereit in das Abteilungsleben einbringt".