Leicht verlegen rückt er seine dick umrandete, schwarze Brille zurecht. Bemüht lässig, aber doch sichtlich verunsichert klammert er sich an einen Handball. Eine Pressekonferenz im Erlanger NH-Hotel steht für Nicolai Theilinger auf dem Programm. An der technischen Universität Nürnberg wird er sein BWL-Studium fortführen und bei seiner Tante in Nürnberg im Gästezimmer wohnen. "Ich war noch nie von Zuhause weg", sagt der 23-Jährige. Ab sofort soll der ehemalige Junioren-Nationalspieler den HC vor dem direkten Wiederabstieg in die 2. Liga bewahren.
"Die Verpflichtung von Nicolai war ein langwieriger Prozess", erklärt HC-Geschäftsführer Stefan Adam. Ein Vertrag ab Sommer sei wegen einer Ausstiegsklausel des 1,93 Meter großen Linkshänders so gut wie in trockenen Tüchern gewesen, doch am Ende der Transferperiode am Sonntagabend habe es doch noch vorzeitig geklappt. "Kurz vor 24 Uhr kam die Freigabe aus Neuhausen", sagt Adam und nennt Theilinger den vielleicht besten Spieler des Zweitligisten. Noch vor wenigen Tagen hatte der Bundesligist Transfers in diesem Winter als unwahrscheinlich bezeichnet. "An der Sprache wird es am Anfang vielleicht noch etwas hapern", meint Theilinger schmunzelnd, der sich mit "aus dem Schwabenländle" vorstellt.

Dass in seiner neuen Heimat fränkisch und nicht bayrisch gesprochen wird, weiß der ehemalige Junioren-Nationalspieler aber längst. Bereits am Montagabend stieg er ins Mannschaftstraining ein und nimmt wohl schon am Samstag beim VfL Gummersbach die bisher einzige beim Aufsteiger nicht doppelt besetzte Position im rechten Rückraum ein.


"Wir setzen auf entwicklungsfähige Leute"

Frank Bergemann habe seit Langem ein Auge auf den 23-Jährigen geworfen. "Er kann auf der Halbposition auch decken, geht dahin, wo es wehtut", sagt sein neuer Trainer über ihn. Da der TV Neuhausen, an den Theilinger noch bis 2016 gebunden war, ein ähnliches System spiele wie seine Mannschaft, werde er dem HC sofort helfen können. Langfristig soll Theilinger aber das "Gerippe" erweitern, wie Carsten Bissel betont. "Wir hätten wie Bietigheim auch internationale Top-Spieler verpflichten können, die ihren Zenit überschritten haben, aber wir setzen auf entwicklungsfähige Leute", so der Aufsichtsratsvorsitzende.

Da der Verein keine Schulden machen könne (Bissel: "Wir haben ja keine Sicherheiten") sei er der Metropol Medical Clinic, die die Spielerpartnerschaft übernehme, besonders dankbar. Welche Summe an den aktuellen Tabellen-11. der 2. Liga geflossen ist, halten die beiden Parteien geheim. Zwischenzeitlich hatte Adam die Sache schon abgehakt: "Neuhausens Funktionäre sagten fünf Mal Nein." Doch am Samstag habe ihm der TV-Geschäftsführer Entgegenkommen signalisiert: "Ich glaube, wir machen es." Beim HCE bekommt Theilinger seine gewohnte Rückennummer. "Ich bin glücklich darüber, weil ich schon immer die Nummer 3 trage", sagt der bis 2017 gebundene Profi bescheiden. Das Spiel seiner neuen Teamkollegen gegen Balingen hat er am vorvergangenen Wochenende in Nürnberg verfolgt. "Ich war sehr angetan vom Tempo und froh, dass sie noch gewonnen haben", erzählt der Linkshänder, der für die Fotografen die Schirmmütze von seinen roten Haaren nimmt.
An das Rampenlicht in der wohl stärksten Handball-Liga der Welt wird sich der 23-Jährige wohl schnell gewöhnen können - es ist ihm ja nicht völlig unbekannt. Denn in der Saison 2012/2013 durfte er mit dem TV Neuhausen schon die Luft im Bundesliga-Oberhaus schnuppern.