Leichtes Schneetreiben, knapp über Null Grad. Zwischen mir und der Freiheit nur noch die Haustür. Endlich wieder auf die Laufstrecke. Hinter mir schallt es aus der Ferne: "Du willst wohl wieder krank werden!" Die Läuferfrau ist eben besorgt um mich. Seit drei Wochen pflegt sie mich: Holunderblütentee, Schwitzkuren, Fußbäder mit Salz, Ätherische Öle, Zwiebelsirup, Brustwickel, Halswickel. Aber auch Fencheltee mit Honig, gegen die Ohrenschmerzen eine Kartoffelauflage oder gehackte Zwiebeln. Dazu für geschätzte 100 Euro ein Sortiment an rezeptfreien Erkältungsmitteln, Vitamin C mit Zink und die praktische Drei-Liter-Flasche Nasenspray.

Eine Marathonvorbereitung auf einen Frühjahrsmarathon ist immer mit Gefahren behaftet. Gerade zur Erkältungszeit - dann sind alle krank. Diese Phase beginnt mit dem Ende der Sommerferien. Jeder Zweite kommt mit einem exotischen Fernreise-Schnupfen aus dem Urlaub. Hochansteckend.
Dann kommt überraschend der Herbst.
Der modebewusste Deutsche ist zu cool für Schal und warme Strümpfe. Im Advent wird es nicht besser. Der ganze Stress. So geht es dann weiter bis Ostern. Ein verschleppter grippaler Infekt, eingefangen an Silvester, aufgefrischt im Karneval. In dieser Zeit bekommt man von der Umwelt mehr mit, als man jemals wollte: Viren, Bakterien und eine nervenzerrende Husten-Röchel-Rotz-Kakophonie.

Meine Beine sind noch etwas schwer, aber ansonsten fühlt sich die frische Luft gut an. Die Nase ist frei, im Hals kratzt es schon seit ein paar Tagen nicht mehr.
Eigentlich wollte ich schon seit drei Wochen in der Marathonvorbereitung sein. Dann legte mich ein Virus flach. Stattdessen hieß es drei Wochen Laufverbot. Zu dieser Jahreszeit war es schon immer schwer, sein Training durchzuziehen. Erkrankte Büronachbarn legen halbe Betriebe lahm, weil deren Bazillen die Einladung zur epidemischen Ausbreitung über Klinken, Aufzugknöpfe, Tastaturen und Telefonhörer dankend annehmen. Immer mehr Kollegen starren mit trübem Blick viel zu lang auf dieselbe Stelle des Bildschirms, in der einen Hand die Maus, in der anderen das Taschentuch, vor dem Kopf kein dünnes Brett, sondern massive Planken.
Hochspritzen statt krankschreiben lautet wohl das Motto.
Nach kurzer Zeit läuft alles wieder von selbst. Zum Einstieg nehme ich die Standard-Dechsi-Runde. Ein ums andere Mal kommen mir dick eingepackte Frühmorgen-Jogger entgegen. Husten-, Schnief- und Schnäuzgeräusche überlagern das Vogelgezwitscher. Die Standardgeräuschkulisse allerorten. Früher war doch alles ganz anders. Da krochen doch nur diejenigen krank ins Büro, die sich für unverzichtbar hielten. Schon ein paar Tage Abwesenheit hätten offenbart, dass sie das nicht sind. Alle anderen ließen sich erst wieder blicken, wenn das Fieber tatsächlich abgeklungen war. Den Satz: "Keine Sorge, ich bin nicht mehr ansteckend", höre ich am Tag mindestens zwei Mal.

Locker und leicht springe ich über einen querliegenden Baum, den der letzte Sturm dahingerafft hat. Vor zwei Wochen wäre das nicht möglich gewesen. Da lag ich im Bett. Keuchend schleppte sich der schwerkranke Querläufer zur Toilette, um dort eine halbe Stunde lang die heiße Stirn an die kühle Fliesenwand zu lehnen. Die Läuferfrau nutzte die Gelegenheit. Die Fenster weit auf und flaschenweise Desinfektionsspray - in der trügerischen Hoffnung, sich dieses Mal nicht anzustecken. Der Kranke bekam davon nichts mit. Er wird erst wieder in einer Woche durch die Nase atmen und in zwei Wochen etwas riechen können.

Es war schlimm. Mit weichen Knien wankte er zurück. Im Halbkreis standen Tinkturen, Tabletten und Taschentücher bereit. Krächzend antwortete er auf die Frage der Läuferfrau, wie es ihm ginge: "Geht schon." Jetzt trabt der Querläufer locker und leicht durch den Röttenbacher Wald. Sein Husten rasselt nicht mehr. Die Augen sind abgeschwollen, so blickt der Genesende nach dem Heimkommen vorwurfsvoll auf seine Familie, die schniefend und keuchend durch die Wohnung kriecht.

Hoffentlich behalten die ihre Bakterien für sich! Schließlich war ich gerade erst krank.

Run happy and smile!
Euer Querläufer