Lautes Trommeln war bislang nie das Ding der Bayernliga-Handballfrauen der Turnerschaft Herzogenaurach und ihres Trainers Udo Hermannstädter. Personelle Veränderungen wurden eher unaufgeregt abgewickelt, wobei es sich bei den Abgängen überwiegend um Akteure handelte, die ihre Laufbahn beendeten.
Heuer aber ist alles anders: Nachdem sich mit Andrea Berner und Christina Wölfel zwei Urgesteine vom Leistungshandball zurückgezogen hatten, folgten Torfrau Martina Ebersberger, Rechtsaußen Tanja Küffner und zuletzt auch noch Kreisläuferin Lena Mergner dem Werben des Regionalliga-Aufsteigers HaSpo Bayreuth. Dermaßen dezimiert, war für Hermannstädter und Abteilungsleiterin Christine Odemer lange Zeit nicht abzusehen, ob sie überhaupt ein konkurrenzfähiges Team für die neue Saison melden können.
Zumal der Coach, der in den letzten Jahren immer wieder erfolgreich Lücken hatte schließen können, eine neue Erfahrung machen musste: "Manchmal hatte ich Glück, doch meist stand ich vor verschlossenen Türen." Ob da externe Kräfte mitwirkten, wie vereinzelt zu hören war, wollte Hermannstädter nicht kommentieren.

Internationale Luft schnuppern

Umgekehrt setzte diese heikle Situation neue Motivation frei: "Nach dieser Saison - meiner letzten - will ich ein gutes Umfeld hinterlassen und auch bei der Suche nach einem Nachfolger helfen. Mit einem Rückzug der Mannschaft wollte ich jetzt aber auf keinen Fall die tolle Zeit mit der TSH beenden." Also ging Hermannstädter neue Wege und nahm über einen Freund in Rumänien Kontakt zur langjährigen Spitzenspielerin Alexandra Dodan auf, die zum Ende ihrer Handballlaufbahn noch mal internationale Luft schnuppern möchte.
Zuvor spielte die 32-Jährige in der ersten rumänischen Liga (Cluj und Galati) sowie beim Zweitligisten Pitesti und agierte dort jeweils als Linkshänderin im rechten Rückraum. Schon früh war sie es gewohnt, auf und neben dem Spielfeld Verantwortung zu tragen und wurde stets zum Bindeglied zwischen Trainer und Team. Entsprechend sachlich und vertrauenserweckend ist auch ihr Auftreten. Zwar muss die studierte Psychologin die deutsche Sprache erst erlernen, doch die Verständigung mit den neuen Mitspielerinnen klappt nach ihrem Bekunden schon recht gut. "Wir haben wirklich gute Akteure, da ist viel zu bewegen", sagt Dodan, die ihre Erfahrung und ihre bemerkenswerte Handball-Ausbildung im Sinne der Mannschaft abrufen will. Das Spielgeschehen ist aber nicht an ihr allein festzumachen: "Man kann lauter Nationalspielerinnen haben, wenn diese aber nicht als Team funktionieren, ist man nur die Hälfte wert."

Es fließt kein Geld vom Verein

Das hört Hermannstädter gern: Seit dem Abgang von Tina Müller 2011 fehlt der TS-Mannschaft nach eigenem Bekunden ein Leader, jemand, der in entscheidenden Situationen das Heft in die Hand nimmt. Dazu scheint Dodan geradezu prädestiniert, wobei sie mehrfach erklärte, die Mitspielerinnen darin zu stärken, selbst Verantwortung zu übernehmen. Dass sie inzwischen bei Georg Hutter, engagiert in Herzogenauracher Chören wie auch der Siebenbürger Volkstanzgruppe, eine Bleibe gefunden hat, macht ihr das Einleben deutlich leichter. Beruflich konnte ihr eine Mitspielerin etwas weiterhelfen, da auch sie keinerlei finanzielle Zuwendungen vom Verein erhält. Daher erhofft sich Alexandra Dodan mittelfristig eine beruflich umfassendere Lösung.
Eine, die von der Rumänin in jeder Hinsicht profitieren dürfte, ist die blutjunge Saskia Probst, Jahrgang 1998 und Mitglied des DHB-Nachwuchskaders. Die Rechtsaußen begann schon mit drei Jahren ihren Sport und fand in ihrem Stammverein TSV Cadolzburg ebenso viel Unterstützung wie bei etlichen Auswahltrainern im Bezirk, auf Landes- und nun Bundesebene. Obwohl zierlich von Gestalt, verfügt die unbekümmerte 16-jährige Linkshänderin über typische Voraussetzungen einer Flügelangreiferin. Sie ist in der Abwehr enorm giftig, läuft hervorragende Gegenstöße und hat sich schon ein erstaunlich großes Wurfrepertoire von Rechtsaußen angeeignet.

Den nächsten Schritt machen

Bei der Länderpokalendrunde im April dieses Jahres wurde sie als beste Rechtsaußen aller vertretenen Bundesländer in das Allstar-Team berufen. Gleichwohl wird Hermannstädter seinen Jungspunt nicht verheizen, denn Probst ist auch Mitglied der B-Jugend des ESV Regensburg (Bayernliga). Nachdem sie aber im DHB gelistet ist, bekam sie ein Doppelspielrecht. Auch ihre schulischen Aufgaben - in zwei Jahren möchte sie das Abi tur machen - will sie natürlich nicht vernachlässigen. Dass sie an der Seite von Dodan enorm dazulernen kann, ist einer der Gründe, zur TSH zu wechseln. Und natürlich auch, sich in der Bayernliga zu bewähren. "Meine Entscheidung ist keine gegen meinen bisherigen Verein, dem ich viel zu verdanken habe", sagt die sympathische Saskia Probst, die einfach nur den nächsten Schritt machen möchte.
Schon diese zwei Zugänge lassen die Mitspielerinnen, den Trainer und Odemer tief durchatmen, die Suche nach einer Torfrau geht weiter, könnte nun aber etwas leichter werden - Sogwirkung nennt man das wohl. Und gegen weitere Interessenten hat die TSH nichts einzuwenden - wenn sie denn zur Mannschaft passen. Das Teamgefühl soll nämlich wieder eine übergeordnete Bedeutung bekommen. Zehn Feldspielerinnen sind jedoch für rund 30 Pflichtspiele ein enormes Risiko, daher schaut der Coach auch weiterhin nach einer offenen Tür - jetzt aber etwas entspannter.