Vor Gericht gibt es immer unterschiedliche Ansichten. Kein einfacher Job für den Richter, der zum Schluss ein faires Urteil fällen soll. Das zeigte sich bei einer Verhandlung am Erlanger Amtsgericht unter dem Vorsitz von Richter Wolfgang Pelzl.

Die Sachlage: Im November starb ein 90-jähriger Mann in der Möhrendorfer Straße in Al terlangen. Er wurde von einem Lastwagen überrollt und so schwer verletzt, dass der Mann noch an der Unfallstelle starb. Der 45-jährige Fahrer wollte sein Gespann von Erlangen nach Effeltrich bringen. Geladen hatte er einen Bagger auf dem Anhänger. Das über 18 Meter lange Gefährt sicher durch die Stadt zu manövrieren, ist angesichts des Verkehrs und der engen Straßen nicht einfach. Erst recht nicht aus der Führerkanzel heraus. "Ich bin an diesem Tag an die rote Ampel auf Höhe der Apotheke gekommen und musste anhalten", erzählt er. Auf die Fußgängerampel sei er konzentriert gewesen.

Es ist eine eher ungewöhnliche Anlage, da die eigentliche Fußgängerfurt etwa zehn Meter entfernt von der Haltelinie für die Fahrzeuge steht. Grund ist die einbiegende Spur, um Busse bevorzugt auf die Hauptstraße zu bringen. "Es liefen ein paar Menschen über die Straße - an der Fußgängerfurt, einen alten Mann habe ich nicht gesehen." Beim Umspringen auf Grün löste der Fahrer die Druckluftbremse und fuhr mit Automatik an. "Irgendetwas sah ich aus den Augenwinkeln, was mich sofort bremsen ließ, erzählt er. Er sei ein Stück zurückgestoßen, um dann nach dem Aussteigen zu entdecken, dass ein Mann vor seinem linken Vorderreifen lag - er hatte ihn überrollt.


Der alte Mann fiel auf



Der erste Zeuge sagt: "Ich habe direkt hinter dem Laster gestanden", erzählt der 30-jährige Mann vor Gericht. Die linke Seite habe er ganz gut gesehen, auch die Bewegungen auf dem Bordstein. Und vor allem der alte Mann sei ihm aufgefallen. Der habe die Straße recht dicht vor dem Laster überquert, sei von links gekommen und wollte auf die Straßenseite wechseln, wo die Apotheke ist. "Der ist sehr langsam gelaufen", gibt der Mann an. Daher habe er sich auch sofort gedacht, da sei etwas schiefgelaufen, als der Laster angefahren ist. "Das hat für den Mann zum Queren nicht reichen können." Ein Passant habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er zurückstoßen solle, damit der Laster rückwärts fahren kann.

Der zweite Zeuge: Der 50-jährige Angestellte hatte den alten Mann bereits in der Apotheke bemerkt. "Der ist vor mir raus gegangen und ich war direkt hinter ihm." Beide seien auf die vielbefahrene Straße zugesteuert - beide aber nicht in Richtung Fußgängerampel. Der Zeuge selber wollte direkt queren, etwa 20 Meter von der Ampel entfernt. Der Laster habe aber den Übergang verhindert, so dass der Zeuge das weitere Geschehen beobachten konnte. Der 90-Jährige sei diagonal über die Busspur zur Front des Lasters gelaufen und dann sehr dicht am Laster weitergegangen. "Die Ampel war für Fußgänger schon Rot", meint er sich zu erinnern. Das nächste, was er hörte, seien Schreie von der gegenüberliegenden Seite gewesen.


Den Toten unter dem Laster erkannt



Der bereits anfahrende Laster sei abrupt stehen geblieben und habe dann einen guten Meter zurückgesetzt. Als er selber vor den Laster getreten sei, habe er den Mann aus der Apotheke wieder erkannt, tot unter dem Laster.
Die dritte Zeugin: Die 27 Jahre alte Studentin kam kurz vor dem Unfall auf der Gegenspur zum Stehen. Sie musste ebenfalls an der roten Ampel stehenbleiben. Die junge Frau schilderte vor Gericht unter Tränen das furchtbare Geschehen. "Ich sah diesen alten Mann direkt vor dem Laster."

Er sei sehr langsam gelaufen, habe sich sogar an der Front immer wieder abgestützt. Die Ampel wurde Grün - "Ich höre noch so ein Pfeifen beim Laster" - vermutlich das Lösen der Druckluftbremse. Dann fuhr der Laster los. Der Mann sei gefallen und der Oberkörper habe sich nochmals regelrecht aufgebäumt. "Nein, einen anderen alten Mann, der vom Supermarkt herkam, habe ich nicht gesehen", beantwortete sie die Frage des Richters.
Die richterliche Wahrheit: Wolfgang Pelzl zog zur Wahrheitsfindung noch einen Gutachter hinzu. Der erläuterte, was man aus der Fahrerkabine sehen könne. Welche Spiegel welche Bereiche abdecken, wie die Zeugenaussagen technisch zu sehen seien.


Spiegel zeigten das Opfer



Wichtig zur Wahrheitsfindung und letztlich für die Beantwortung der Schuldfrage, war ein Hinweis des Sachverständigen. Der Fahrer habe den Mann zwar von seinem Sitz aus nicht sehen können, weil der 1,66 Meter große Mann unterhalb der Windschutzscheibe (in zwei Metern Höhe) lief. Dennoch hätten die Spiegel einen Hinweis auf den Mann hätten geben können: "Er war immer zu sehen."

Somit stand für Pelzl die Wahrheit fest. Doch das ist vor Gericht nur eine Seite der Medaille. Denn die Strafe ist eben auch festzusetzen. Pelzl setzte eine Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 45 Euro fest. "Den 90-Jährigen trifft eine gewaltige Mitschuld - das steht für mich auch außer Frage", erklärte das der Richter. Der Senior hätte eben die Ampel, die zehn Meter entfernt ist, nutzen müssen. Dennoch gelte eine besondere Pflicht für einen Lasterfahrer, der solch ein metallenes Ungetüm fährt. "Sie müssen alles abklären, es hätte auch ein Kind sein können." Und da wäre die Frage der Mitschuld anders zu bewerten gewesen.

Fazit: Die Wahrheit ist vermutlich gefunden. Was den alten Mann bewegt hat, diesen gefährlichen Weg einzuschlagen, bleibt offen. Auch die Frage, warum der Fahrer trotz Spiegel, trotz unübersichtlicher Verkehrslage den Mann übersehen hat, wurde nicht beantwortet. Die einzige echte Wahrheit, die bleibt: Ein Mann ist bei einem tragischen Verkehrsunfall gestorben.