Das Spenderherz kam per Hubschrauber mitten in der Nacht im Universitätsklinikum Erlangen an. In einer mehrstündigen Operation transplantierte Prof. Dr. Michael Weyand, Direktor der Herzchirurgischen Klinik, gemeinsam mit einem sechsköpfigen Team das neue Herz erfolgreich in den Brustkorb der 16-jährigen Andrada aus Regensburg. Heute steht fest: Die Schülerin überstand die schwere Operation Ende der vergangenen Woche ohne Komplikationen und hat damit jetzt die Chance auf ein neues Leben mit einem gesunden Herzen. Wie es in einer Pressemitteilung der Uni heißt, litt das Mädchen aufgrund einer angeborenen Herzmuskelerkrankung unter einer schweren Herzmuskelschwäche und lag seit Anfang Dezember 2020 in lebensbedrohlichem Zustand auf der Kinderkardiologischen Intensivstation des Uni-Klinikums Erlangen.

Ende März 2020 wurde die bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen gesunde Realschülerin mit einem Schlaganfall zunächst in die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Uni-Klinikums Regensburg eingewiesen. "Als sich herausstellte, dass der Schlaganfall durch eine massiv verminderte Herzfunktion ausgelöst worden war, ließen die Regensburger Kollegen sie in unsere Abteilung verlegen", berichtet Dr. Martin Schöber, Oberarzt der Kinderkardiologischen Abteilung des Uni-Klinikums Erlangen, der das Mädchen seither in der Herzinsuffizienzsprechstunde für Kinder und Jugendliche behandelt.

Schlechte Prognose

"Die bei Andrada diagnostizierte Non-Compaction-Kardiomyopathie ist eine seltene Form einer Herzmuskelerkrankung. Bei dieser kann sich das Herzmuskelgewebe nicht weiter zur endgültigen Herzgewebestruktur entwickeln, sondern verbleibt in seinem embryonalen Zustand. Die Folge ist eine zunehmende Herzschwäche. Die Prognose für Betroffene mit dieser vermutlich genetisch bedingten Erkrankung ist leider sehr schlecht." Trotz herzstärkender Medikamente und engmaschiger Betreuung verschlechterte sich das Befinden des Teenagers innerhalb weniger Monate rapide. Schöber: "Bereits im September 2020 war Andrada nicht mehr in der Lage, eine Treppe hinaufzusteigen. Im Oktober musste ich dann mit der Familie über die Notwendigkeit einer Herztransplantation sprechen."

Doch trotz der aussichtslosen Situation und der Bitte seiner Eltern lehnte das Mädchen die lebensrettende Transplantation zunächst ab. "Andrada wollte auf gar keinen Fall aus dem Tod eines anderen Menschen einen persönlichen Vorteil ziehen", erklärt Schöber den inneren Konflikt seiner jungen Patientin. Erst durch weitere Gespräche mit Weyand und Schöber sowie durch Andradas Kontakt mit einer früheren Transplantationspatientin des Uni-Klinikums Erlangen, den der Kinderkardiologe vermittelte, ließ sich die Jugendliche überzeugen.

Auf der Intensivstation

Keinen Augenblick zu früh: Mitte Dezember 2020 - nur vier Wochen nach ihrer Aufnahme auf die Eurotransplant-Warteliste - verschlechterte sich der Zustand der jungen Patientin massiv und sie musste auf die kinderkardiologische Intensivstation des Uni-Klinikums Erlangen verlegt werden, wo sie intravenös mit lebenserhaltenden Herzmedikamenten versorgt wurde. Ihre Listung wurde auf den Status "High Urgency", also lebensbedrohlich, hochgestuft.

"Andradas Werte zeigten die schlechteste Herzfunktion, die ich bisher in meiner medizinischen Laufbahn echokardiografisch gesehen hatte", erklärt Schöber, der das Kinderherz-Ultraschall-Labor des Uni-Klinikums Erlangen leitet.

Dass für das schwer kranke Mädchen bereits am 14. Januar ein geeignetes Spenderherz zur Verfügung stehen konnte, bezeichnete der Kinderkardiologe als großes Glück: "Gerade bei Kindern und Jugendlichen müssen die gespendeten Organe nicht nur die passenden Blutgruppenwerte aufweisen, sondern auch die richtige Größe haben, um in den noch nicht ausgewachsenen Brustkorb transplantiert werden zu können."

Klinikdirektor Michael Weyand hat seit Beginn seiner herzchirurgischen Laufbahn mehrere hundert Herzen transplantiert. Den mehrstündigen schweren Eingriff hat seine junge Patientin sehr gut überstanden: "Ich bin allen, die mir hier geholfen haben, so unendlich dankbar", sagt die 16-Jährige, die sich jetzt vor allem darauf freut, wieder zurück nach Hause zu dürfen und ihre beiden Geschwister wiederzusehen. Doch ein bisschen Geduld muss die Schülerin noch haben, bevor sie das Uni-Klinikum Erlangen verlassen kann.

"In den nächsten vier Wochen kontrollieren wir mit regelmäßigen Tests, ob Andradas Körper das fremde Organ nicht wieder abstößt und stellen die Patientin auf die dafür nötigen immunsuppressiven Medikamente ein. Diese muss sie ab jetzt für den Rest ihres Lebens regelmäßig einnehmen", erklärt Weyand, der auch Sprecher des interdisziplinären Transplantationszentrums des Uni-Klinikums Erlangen ist. "In den folgenden Monaten geht es dann vor allem darum, ihr geschwächtes Immunsystem vor gefährlichen Infektionen zu schützen." Auch mit dem Team der Erlanger Kinderkardiologie wird Andrada in den kommenden Jahren weiterhin in engem Kontakt bleiben, weiß Schöber: "Jede Herztransplantation erfordert eine engmaschige Nachsorge, um den Erfolg dauerhaft zu gewährleisten."

Andrada hat großes Glück: Weniger als 30 Spenderherzen können jährlich deutschlandweit bei Kindern und Jugendlichen transplantiert werden, weil es für sie noch weniger geeignete Spender gibt als für Erwachsene, heißt es in der Mitteilung der Uni. Mit dem am 11. Januar gestarteten digitalen Spendenlauf "Ich lauf um Dein Leben" zugunsten des Aktionsbündnisses Angeborene Herzfehler wollen die Deutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) Kinder und Jugendliche unterstützen, die dringend eine Herztransplantation brauchen. Präsident der interdisziplinären Tagung "Herzmedizin 2021", bei dem Ende Februar das erste Etappenziel des Spendenlaufs präsentiert wird, ist Prof. Dr. Robert Cesnjevar, der Leiter der Kinderherzchirurgischen Abteilung des Uni-Klinikums Erlangen.