Irgendwann spielte Zeit keine Rolle mehr. Tage vergingen, Wochen, Monate, dann Jahre. Das halbe Leben hatte Lara schon hier verbracht, in der Uniklinik Erlangen, angeschlossen an ein 120 Kilogramm schweres Kunstherz, so groß wie eine kleine Tiefkühltruhe. Und nichts tat sich, 877 Tage und Nächte. Noch nie hatte ein Kind in diesem Alter so lange mit einem Kunstherzen überlebt, wie die Uniklinik mitteilte. Es ist ein trauriger Weltrekord, den Lara aufgestellt hat - aber abgerundet mit einem Happy End.

Vor elf Tagen sollte sich nämlich alles ändern, da kam der erlösende Anruf: Ein Spenderherz für die Sechsjährige wurde gefunden. Das lange Warten, das ständige Hoffen - all das sollte ein Ende haben, und zwar ein gutes. "Für Lara zu kämpfen, war das Einzige, was wir machen konnten. Mit ihrem Lachen und ihrer Freude hat sie uns angetrieben, nicht aufzugeben", sagt Alexander Krapf, Laras Vater, mit ruhiger Stimme.
Die Chance auf ein neues Herz, auf ein zweites Leben bedeutet aber auch, dass es andernorts Menschen gibt, die gerade ihr Kind verloren haben: "Natürlich haben wir gewusst: Wenn ein Spender-Herz zur Verfügung steht, dann gibt es auch eine Familie, die gerade um ihr Kind trauert", sagt Alexander Krapf: "Unser Familienleben kann sich nur fortsetzen, weil woanders eine Tragödie geschehen ist. Wir haben geweint - vor Glück, Trauer und Zerrissenheit. Dieses Gefühl ist nicht zu beschreiben."

Minuten nach dem Anruf von Eurotransplant saß ein Ärzte-Team aus Erlangen im Flugzeug, eineinhalb Flugstunden entfernt befand sich das potenzielle Spender-Herz. Ein achtjähriges Kind wurde dort für hirntot erklärt, die Eltern gaben seine Organe frei - und ermöglichten Lara die Chance auf ein zweites Leben. Während Lara in Erlangen bereits in den OP geschoben wurde, entfernten die Ärzte das Spender-Herz, flogen zurück - und transplantierten es in Laras Brustkorb. "Maximal vier Stunden dürfen ohne Durchblutung des Herzens vergehen. Das haben wir geschafft", sagt Michael Weyand, Leiter der Herzchirurgischen Klinik.

Eine Entscheidung im Privaten

Gerade in Laras Alter seien Spender-Herzen selten, so erklärt sich auch die lange Wartezeit. "Unsere Dankbarkeit ist überwältigend", sagt Alexander Krapf. Er kennt die Eltern des anderen Kindes nicht, er wird sie wohl auch nie treffen. Anonymität ist wichtig, sie dient dem Selbstschutz - für beide Seiten.
Obwohl die Organ-Freigabe seiner Tochter das Leben rettete, obwohl es viel zu wenig Spender gibt, müsse sich die Frage nach einer Organspende ein jeder selbst beantworten. "Es ist eine brutal schwere Entscheidung. Ich kann auch verstehen, wenn sich jemand dagegen entscheidet", sagt Alexander Krapf.

OP gut überstanden

Über eine Woche ist die Operation nun her, die akute Frühphase nach der Operation habe Lara "erstaunlich gut überstanden", wie Weyand sagt. Kleinere Reifedefizite könne sie aufholen: "Lara kann heranwachsen wie jedes andere Kind, auch Sport machen. Das Herz wächst mit dem Körper, da gibt es keine Verzögerungen", sagt Weyand. Die gesamte Familie sehne sich nach Normalität, nach einem stinknormalen Alltag in den heimischen vier Wänden, in Haßfurt, dort, wo das Einfamilienhaus seit über zwei Jahren leersteht. Ein Zuhause, an das sich Lara gar nicht mehr erinnern kann. "Wir haben ihr Fotos gezeigt, damit die Eingewöhnung leichter fällt", erzählt der Vater.

Seit sich Lara im Februar 2010 wegen einer schweren Herzmuskel-Erkrankung einer Notoperation am Herzen hat unterziehen müssen, war nichts normal, weder für Alexander Krapf noch für Mutter Heike Günther. Von der kleinen Lara ganz zu schweigen. Keinen Tag ist Heike Günther von der Seite ihrer Tochter gewichen, hat mit ihr in der Klinik gelebt. Das gehört bald der Vergangenheit an. Nach einem Reha-Aufenthalt zieht die Familie wieder nach Haßfurt, zurück in das alte, in das normale Leben. So, wie es vor der schweren Erkrankung war. "Für Lara ist die Situation gar nicht mal so leicht, glaube ich. So komisch es sich anhört: Das Kunstherz war ihr Leben. Und die Klinik irgendwie auch", sagt Alexander Krapf. Hier hatte sie ihre Freunde, die Krankenschwestern, das gesamte Ärzte-Team - alle hätten sich rührend gekümmert, wie ihr Vater berichtet. Auf den Krankenhaus-Fluren hat Lara sogar das Fahrradfahren gelernt. Künftig werden es aber nicht die engen Gänge sein, sondern die Radwege in den Haßbergen. Es ist Laras Fahrt in ein neues Leben. An der frischen Luft. Ohne Kunstherz. Ohne die vielen Schläuche. Aber mit ihren Eltern.