Ein Brauch ist in Gefahr. Zur Sommerkirchweih im Juli wird, ausgerechnet 25 Jahre nach Wiederbeleben der Tradition, möglicherweise kein Kirchweihbaum aufgestellt. Denn "die Stadt Herzogenaurach in Person des Ersten Bürgermeisters kann die Verantwortung für das Aufstellen eines Kirchweihbaumes nicht mehr übernehmen".

So heißt es in einem Schreiben aus dem Rathaus an die Herzogenauracher Kirchweihburschen. Schon im vergangenen Jahr habe man darüber geredet, steht da weiter geschrieben, und jetzt ist es amtlich. Wenn sich keine andere Lösung ergibt, dürfte dieser Brauch also bald der Vergangenheit angehören.


Moosbach und die Folgen

Seit dem tödlichen Unfall beim Baumaufstellen in Moosbach bei Feucht im Nürnberger Land im vergangenen Jahr schrillen in den Rathäusern offenbar die Alarmglocken. Auch in Herzogenaurach.
"Das strafrechtliche Risiko ist zu groß", bringt es Gerd Lorenz vom Ordnungsamt auf den Punkt. In Absprache mit Verwaltungsleiter und Jurist Gerhard Höfler habe man dem Rathauschef, also dem Bürgermeister, empfohlen, die Verantwortung fortan nicht mehr zu tragen, sagte Lorenz im FT-Gespräch.

Stadtoberhaupt German Hacker (SPD) sieht das genauso. "Ich bin am Schluss strafrechtlich belangbar", fürchtet er. Wenn Personen zu Schaden kämen, dann wäre das nämlich nicht versicherbar. Oder deutlicher: Wenn der Staatsanwalt ermittelt, müsse der Bürgermeister den Kopf hinhalten, sagt Hacker. Und: "Ich stehe am Schluss der Verantwortungskette".


Eigener Verein?

Ordnungsamtschef Lorenz hatte auf Nachfrage bei der Versicherungskammer eine entsprechende Auskunft erhalten. "Für strafrechtliche Folgen gibt's keine Versicherung", sagt er. Deshalb solle der Bürgermeister diese Verantwortung abtreten. Er könne quasi als Außenstehender ja letztlich keine Garantie übernehmen, dass nichts passiert.

Damit die Tradition aufrecht erhalten werden kann, schlägt die Stadt den Kirchweihburschen die Gründung eines eigenen Vereins vor. Damit würde dann der Vorsitzende die Verantwortung tragen, heißt es in dem Schreiben, das der FT-Redaktion vorliegt.

Damit wiederum können sich aber die Kirchweihburschen nicht anfreunden. "Wir sind ein Stammtisch", sagt Guido Peetz. Man müsse doch nicht wegen dem Baumaufstellen jetzt einen richtigen Verein anmelden, mit Bürokratie und Satzung und Beiträgen und all dem. Man wolle einmal im Jahr einen Baum aufstellen, und fertig.
Den Bürgermeister indes kann Peetz verstehen. Aber es müsse doch versicherungsrechtlich irgendwie geregelt werden können, wenn was passiert. Auf den Vorschlag der Stadt hin sind die Kirchweihburschen auch schon aktiv geworden. Beispielsweise wurde der Heimatverein gefragt, ob man denn nicht dort Mitglied werden könne. Dessen Vorsitzender Klaus-Peter Gäbelein konnte dem Ersuchen aus dem Stegreif nicht nachgeben. Man werde das prüfen müssen, sagte er auf Anfrage des FT.


Recherchen

Prüfen will auch Siegfried Reinhardt, Versicherungsvertreter bei der Allianz. Brauereibesitzer Hans Heller, seit Wiederbeginn der Tradition Sponsor der Kirchweihburschen, habe ihn deshalb schon um Rat gefragt. Die Haftpflicht für Sachschäden sei kein Problem, sagte Reinhardt. So eine Gruppenversicherung könne man für rund 200 Euro jährlich bekommen. Dafür müsse noch nicht einmal ein Verein gegründet werden.

Und was mögliche strafrechtliche Folgen angeht, will er noch recherchieren. So ein Unfall werde doch niemals vorsätzlich herbeigeführt, sagte er. Da müsse es doch Lösungen geben. "Das interessiert mich auch persönlich", sagt Reinhardt.


Frist bis Mitte März

Bis zum 15. März fordert die Stadtverwaltung nun eine Entscheidung der Ortsburschen. Wenn man keine Rückmeldung erhalte, gehe man davon aus, "dass zukünftig zur Sommerkirchweih kein Kirchweihbaum mehr aufgestellt wird", heißt es in dem von Bürgermeister Hacker unterzeichneten Schreiben.

Darin werden auch alternative Lösungsmöglichkeiten angegeben. Man könnte den Baum beispielsweise mithilfe eines Krans errichten. Oder man wähle einfach einen viel kleineren Baum und stelle ihn vor der Bühne auf.
Das alles scheint für einen echten Ortsburschen aber eher weniger attraktiv. "Wir haben ein 2,80 Meter tiefes Loch", sagt Peetz. Das sei so tief ausgehoben worden, wie der Minibagger reinkommt. Da könnte der Baum nur auf eine Seite, also nach vorne, in Richtung Aufsteller umfallen. Aber nicht ins Publikum.

Allein, dieser Beteuerung mögen weder Bürgermeister Hacker noch sein Mitarbeiter Lorenz so richtig Glauben schenken. Beim Aufstellen im letzten Sommer habe es nämlich dennoch Probleme gegeben. Hacker drückt das noch vorsichtig aus: "Das war ein großer schwerer Baum. Das war spannend. Wir hatten Glück". Der Bürgermeister hatte da selbst "die Hand an der Stange", also beim Baumaufstellen geholfen. Lorenz wird etwas deutlicher: "Es war schon immer eine heikle Geschichte. Immer mit Bauchgrimmen." Gerade weil der Platz auf der Wiese halt auch sehr eng sei. Die Schausteller müssten extra ihre Wohnwagen verlassen.


Weiterhin Unterstützung

Grundsätzlich, so schreibt Hacker, unterstütze die Stadt "auch weiterhin mit allen Dienststellen das Vorhaben des Baumaufstellens zur Sommerkirchweih." Die Sicherheitsbestimmungen seien ohnehin einzuhalten, "denn sonst sind wir auch mit dran", ergänzte Lorenz. Die Verantwortung aber wolle man aus haftungsrechtlichen Gründen nicht mehr übernehmen. Gibt es einen Weg, die den Bürgermeister aus der Haftung nimmt, vor allem strafrechtlich, könne man durchaus weiter reden, meinte Hacker. "Wenn eine Versicherung das realistisch ausschließt, bin ich dabei."