Es ist das Jahr, das als "das Krisenjahr" schlechthin in die Geschichtsbücher eingegangen ist. 1923 stiegen die Preise in Schwindel erregende Höhen. Da durfte auch die Stadt Herzogenaurach Notgeld drucken.
Die Teuerungswelle der Jetztzeit seit der Einführung des Euros ist nichts gegen die Preiserhöhungen von 1923, als vom Frühjahr bis zum Herbst die Preise ins Unendliche kletterten. Es war die Zeit, als man im Mai 1923 für eine Semmel von 30 Gramm in Herzogenaurach satte 90 Reichsmark auf den Ladentisch legen musste und als ein Pfund Schweinefleisch rund 10 000 Mark kostete, wenn man überhaupt Fleisch im Laden bekam.

Die Ursachen für die Inflation liegen im ersten Weltkrieg (1914 bis 1918). Die ungeheuren Ausgaben für die Kriegsführung hatten den Geldumlauf bei Kriegsende im November 1918 gegenüber 1914 verzehnfacht.

In Herzogenaurach war beispielsweise die Kohleversorgung seit 1920 immer schwieriger geworden. Die Kohlenhändler Galster und Fischer erhielten im genannten Jahr nur drei Güterwaggons mit Kohlen für die über 3000 Einwohner. Die Wollwarenfabrik "Wirth und Söhne", die noch während des Krieges vor allem Decken hergestellt hatte, musste den Stadtrat in einem Schreiben vom 22. März 1922 darauf aufmerksam machen, "....dass wir noch in dieser Woche unseren Betrieb wegen Kohlemangel schließen müssen."

Die Drohung der Firma, dass die Mitarbeiter der Tuchfabrik zur Arbeitslosenunterstützung angemeldet werden müssten, fruchtete. Denn die Stadtverwaltung bewirkte beim Bezirksamt in Höchstadt die Zuweisung von 100 Zentnern Kohle, die beim Eintreffen der nächsten Kohlelieferung für die Firma Wirth beschlagnahmt werden durften - allerdings zu Lasten der privaten Haushalte. Aber die Sicherung der Arbeitsplätze ging nun einmal vor.

Da von Juli 1922 bis Dezember die Ausgaben der Reichsregierung um das 23-fache gestiegen waren, während die Einnahmen nur um das Zehnfache zugenommen hatten, stiegen die Preise seit Jahresende 1922 ins Unermessliche. Hatte man für den Dollar bei Kriegsausbruch 1914 ganze 4,20 Reichsmark notiert, so waren es bei Kriegsende 1918 bereits 8,90 Mark. Und dann stieg der Dollarkurs auf 493,20 Mark im Juli 1922. Im Januar 1923 lag der Dollarkurs bei knapp 18 000 Mark und im Juli 1923 bei 353 412 Mark, bevor er die schwindelerregende Höhe von 4,6 Millionen Mark im August 1923 und sage und schreibe 4,2 Billionen Mark am 19. November 1923 erreichte.

Entsprechend kletterten auch die Preise in Herzogenaurach und Umgebung in Millionen- und Milliardenhöhe. Im Mai 1923 musste man auf dem Wochenmarkt in Erlangen 100 Mark für ein Pfund Zwiebeln berappen und in Herzogenaurach stieg der Butterpreis von April bis Mai 1923 von 3800 Mark auf das 7600 Reichsmark.

Im Frühjahr kostete ein Ei bereits 350 Mark und am 26. Mai verlangten die Bäcker für drei Pfund Weißbrot 2700 Reichsmark. Der Protokollführer der Herzogenauracher Bäckerinnung, Heinrich Bauer aus der Bahnhofstraße, kam mit dem Notieren der Brotpreiserhöhungen 1923 kaum mehr nach. Von 1,80 Mark im März 1920 kletterte der Preis für ein Pfund Brot auf 100 000 Mark am 1. September 1923, dann weiter auf 1,5 Millionen; und schließlich erreichte er die Rekordhöhe von 5,2 Milliarden Mitte September und seinen Höchststand im November 1923 mit 250 Milliarden Reichsmark.

Wie sollte und konnte man solche Summen bezahlen? Die Reichsbank war inzwischen dazu übergegangen, Geldscheine in ständig größerer Höhe zu drucken. Und als die Notenpressen heiß liefen und die Gelddruckereien nicht mehr nachkamen, erhielten sogar kleine Städte in Franken wie Rothenburg und auch Herzogenaurach das Recht, eigene Notgeldscheine zu drucken.

Das städtische Notgeld, einseitig bedruckt, mit der Abbildung des Fehnturms auf der linken Seite, wurde zunächst im August 1923 in Ein-Millionen-Mark-Scheinen herausgegeben. Es trug die Unterschrift von Bürgermeister Herold und Stadtkämmerer Schürr. Zum Glück gab es damals noch keine Fotokopierer, sonst wäre wohl der Geldumlauf noch wesentlich höher gewesen als er es ohnehin schon war, denn die Scheine waren alles andere als fälschungssicher. Im Laufe des Sommers 1923 wurden in der Stadt noch einmal Geldscheine in Höhe von 50 Milliarden Mark in Umlauf gebracht, datiert vom 2. November 1923. Kurze Zeit später wurden sie der Einfachheit halber mit roter Farbe überdruckt, und so wurde aus einem 50 Milliarden Schein ein solcher in Höhe von 500 Milliarden, eine einzige Null: welch kleiner Unterschied! Einer dieser Scheine befindet sich im Besitz des Heimatvereins und hängt zur Dokumentation und Besichtigung, aber leider nicht als legales Zahlungsmittel, säuberlich eingerahmt im 1. Stock des Hauses im Steinweg 5. Mit dem höchsten aller Herzogenauracher Notgeldscheine war gleichzeitig der Zenit der Inflation im November/Dezember 1923 erreicht. Bis zum 10. Dezember sank der Brotpreis schon wieder auf 170 Milliarden Mark, und nachdem die neue Währung, die "Rentenmark", landesweit eingeführt worden war, konnte man im Januar 1924 ein Pfund Brot für "lumpige" 15 Rentenmarkpfennige kaufen.

Ein abschließender Blick in die Rechnungsbücher der Herzogenauracher Waldkorporation für die erste Dezember woche des Jahres 1923 verzeichnet 29 164 000 000 000 (29 Billionen 164 Milliarden ) Mark allein an Versicherungszahlungen für 24 Waldarbeiter. Die Summe aller Einnahmen der Waldkorporation im Jahre 1923 soll unseren Lesern als Ratespiel dienen: Es waren nämlich genau 71 950 500 461 695 849 Mark.
Klaus-Peter Gäbelein