Es ist längst gängige Praxis: Nach Feierabend auf das Smartphone schauen, dabei Dienst-E-Mails beantworten oder auch mal im Urlaub angerufen werden.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) möchte den Arbeitsstress in der Freizeit nun möglichst unterbinden und lässt derzeit eine mögliche Anti-Stress-Verordnung gegen psychische Überlastung von Arbeitnehmern erarbeiten. Die ortsansässigen Firmen sind in Sachen Stress vermeiden schon gut unterwegs. Puma hat für den Umgang mit Smartphones klare Richtlinien, wie Pressesprecher Johannes Hackstette sagt: "Puma legt großen Wert auf einen geregelten und sinnvollen Umgang mit Smartphones, der im Einklang mit einem ausgewogenen Verhältnis von Arbeit und Freizeit steht.
Die Erreichbarkeit und Bearbeitung von E-Mails am Wochenende oder nach der Arbeitszeit wird grundsätzlich nicht erwartet."

Flexibles Arbeiten

Außerdem bietet Puma ein flexibles Arbeitszeitmodell und ein breites Sportangebot für die Mitarbeiter an, damit der Arbeitsstress möglichst gering ausfällt. Zu einer möglichen Anti-Stress-Verordnung möchte Puma kein Statement abgeben, solange noch nicht bekannt ist, wie diese konkret aussehen soll.

Die Frage nach der Sinnigkeit eines solchen Gesetzes vermag auch der Betriebsratsvorsitzende von Schaeffler, Thomas Mölkner, nicht zu beantworten. "Es ist eine schwierige Frage. Ich denke, dass es für Schaeffler nicht unbedingt ein Gesetz bedarf, bei anderen Firmen kann das durchaus nötig sein."

Der Betriebsrat von Schaeffler führt gerade eine Umfrage bei den Angestellten durch, um zu sehen, wie die Mitarbeiter die Situation der Arbeitsbelastung einschätzen. "Wenn wir anhand der Ergebnisse Handlungsbedarf feststellen, werden wir versuchen, eine innerbetriebliche Lösung zu finden", sagt Mölkner. Die große Frage sei für ihn aber, ob die Erreichbarkeit nach Dienstschluss gefordert oder freiwillig ist.

"Wenn unsere Mitarbeiter aus der Produktion oder unsere Angestellten nach Hause gehen, ist für sie der Arbeitstag normalerweise beendet", sagt Christine Tietz, Pressesprecherin bei Schaeffler. "In der Führungsebene löst sich diese Grenze etwas auf, auch bedingt durch Dienstreisen, globale Projekte und Zeitverschiebungen. Daher teilen Führungskräfte ihre Arbeitszeit in der Regel selbst ein."

Die Nutzung des Diensthandys oder Smartphones ist bei Schaeffler funktions- und positionsbezogen. "Bei Führungskräften wird erwartet, dass sie im Notfall auch mal in der Freizeit erreichbar sind oder ganz dringende Anrufe tätigen müssen. Klar kann das Diensthandy auch mal ausgeschaltet werden", sagt Tietz. "Die meisten Führungskräfte haben aber lieber das sichere Gefühl, gut informiert zu sein. Dazu gehört oft auch ein kurzer Blick auf das Smartphone. Nicht immer wird dann auch eine Aktion oder Entscheidung erwartet." Zeitliche Regelungen für die Nutzung mobiler Endgeräte gibt es für die Führungsebene bei Schaeffler nicht.
Nach dem ersten Bericht über die geplante Anti-Stress-Verordnung auf unserem Online-Portalreagierten die Nutzer in großen Teilen mit Unverständis.

Ständige Erreichbarkeit

Besonders der User bloKla argumentierte gegen ein Gesetz - aus eigener Erfahrung: "Ich war und bin auch heute Tag und Nacht erreichbar und hatte in den 90ern einen "Burnout". Der lag aber weniger in meiner Erreichbarkeit mit möglichen Aufgabenstellungen, sondern in dem mir eigenen Perfektionismus begründet. Ich war täglich durchschnittlich 19 bis 20 Stunden auf den Beinen. [...] Eine verringerte Kontaktaufnahme durch den Arbeitgeber hätte dies bestimmt auch nicht verändert, dann hätte ich eben die bestehende Aufgabe 20- statt fünfmal durchgerechnet und auf Plausibilität geprüft... Unter- und Überbelastung hängt von den Betroffenen ab, nicht vom System. Hier setzt die Verantwortung von Arbeitgebern, Betriebsärzten etc. an. Gesetzlich bringen sie zum Beispiel meine Veranlagung nicht in den Griff."

Die psychologische Psychotherapeutin Kristina Holler aus Aurachtal hat häufig Patienten mit Depressionen und Burnout. Pauschal könne man natürlich nicht sagen, ob es am Stress oder der persönlichen Veranlagung läge. "Grundsätzlich spielt immer alles zusammen. Das hat dann natürlich was mit dem Menschen, aber auch mit dem Umfeld und dessen Erwartungen zu tun", sagt die Psychologin. "Ich bin mir sehr unsicher, ob eine Verordnung die Probleme lösen kann. Es ist eher ein gesamtgesellschaftliches Problem. Es gibt schließlich auch jetzt schon Verordnungen bezüglich Pausen, aber auch diese werden aufgrund des gesellschaftlichen Leistungsdrucks nicht immer eingehalten. Trotzdem finde ich gut, dass das Thema durch diese Diskussion es in die Medien geschafft hat und viele Leute anfangen, darüber nachzudenken."

Passend zum Ende der Urlaubszeit hat auch die Kaufmännische Krankenkasse eine Umfrage zum Thema Stress durchgeführt. "Während einer Urlaubsreise können sich besonders Gutverdiener nicht vom Berufsalltag erholen. Für 15 Prozent wirken sich jobbedingte Anrufe oder E-Mails negativ auf ihre Urlaubsstimmung aus. Häufig betroffen von Urlaubsunterbrechungen dieser Art ist scheinbar vor allem die jüngere Generation. 21 Prozent der 18- bis 29-Jährigen fühlt sich von jobbedingten Anliegen im Urlaub gestört."