Robert Seuberth hat die Leichen eingefroren. Er brauchte sie als Beweis. Sein Verdacht: Gift. Sein Verlust: 50.000 Euro. Seuberth züchtet Heuschrecken. 250.000 seiner Insekten lagen im Frühjahr 2010 tot in ihren Behältern, nachdem der Züchter sie mit frischem Gras gefüttert hatte. Wie sich herausstellte, war das Gras mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Diflubenzuron kontaminiert. Das Biozid wurde in den vergangenen Jahren großflächig an allen fränkischen Autobahnen versprüht, um die Ausbreitung des Eichenprozessionsspinners zu verhindern. Wegen dieser Gifteinsätze hat jetzt der Bund Naturschutz (BN) die Autobahndirektion Nordbayern beim Gewerbeaufsichtsamt Nürnberg angezeigt.

Die Umweltschützer kämpfen schon lange gegen das "Diflubenzuron 80 Prozent", Wirkstoff des Pflanzenschutzmittels Dimilin. "Wir wussten, dass die Chemikalie problematisch ist", sagt Tom Konopka, Regionalreferent des Bund Naturschutz für Ober- und Mittelfranken. "Bisher hatten wir aber keinen Beleg für die Schädlichkeit." Erst der Fall von Robert Seuberth aus Buch bei Weisendorf (Landkreis Erlangen-Höchstadt) spielte dem BN direkt in die Hände.


"Mensch und Natur gefährdet"



Durch die toten Heuschrecken wurde nachgewiesen, dass das Biozid erhebliche Schäden an der Insektenwelt verursacht, obwohl es nur gegen den Eichenprozessionsspinner eingesetzt wird. "Der Stoff ist giftiger als gedacht", sagt Konopka. Diflubenzuron besteht aus fluorierten und chlorierten Benzolringen. Er zerfällt zwar nach einigen Tagen, seine Abbauprodukte sind aber nicht leicht biologisch abbaubar und vermutlich krebserregend. Deshalb schätzt das Umweltbundesamt Diflubenzuron auch für Menschen als schädlich ein. Es sei sehr giftig für Wasserorganismen und gefährde das Trinkwasser. Darüber hinaus führt es zu einer enormen Dezimierung der Biodiversität von Schmetterlingen und Insekten. "Mit der Spritzerei werden praktisch alle Insekten entlang der Autobahn ausgelöscht", sagt Konopka. Als Biozid besitze Diflubenzuron keine eigene Zulassung nach heutigem Recht, sondern werde im Rahmen von Übergangsregelungen als Altwirkstoff eingesetzt.

In seiner Anzeige wirft der Bund Naturschutz der Autobahndirektion etliche Verstöße gegen das Chemikaliengesetz und gegen die Gefahrstoffverordnung vor. "Mit ihren Spritzaktionen gegen den Eichenprozessionsspinner hat die Autobahndirektion Mensch und Natur gefährdet und beeinträchtigt", sagt Konopka. Am heftigsten kritisiert der BN den "erheblichen Umfang" der Diflubenzuroneinsätze. Die Chemikalie wurde zwischen 2006 und 2010 entlang aller Autobahnen in Ober-, Unter- und Mittelfranken eingesetzt: an der A3, A6, A7, A45, A70, A73 und A81.


Auch Parkplätze und Toiletten begiftet



Auch einige Anschlussstellen, Parkplätze und WC-Anlagen wurden "begiftet". Das geht aus einer Liste hervor, die das bayerische Innenministerium als Antwort auf eine Landtagsanfrage von Bündnis 90/Die Grünen zusammengestellt hat. Dieses Schreiben liegt dem BN vor, er führt es als Begründung in seiner Anzeige auf.

Was die Umweltschützer der Autobahndirektion weiter vorwerfen: Dass in großen Mengen Gift mit einem nicht zugelassenen Sprühgerät ausgebracht und dabei weit in der Gegend verteilt wurde. "Da ist ein Riesennebel zu sehen, wenn das Diflubenzuron verspritzt wird", sagt Konopka. "Nach solchen Sprühaktionen sitzen die Leute auf dem Rastplatz und essen ihr Butterbrot. Das ist für eine staatliche Behörde wie die Autobahndirektion ein Unding."


Etliche Verstöße



Weiteres Unding aus Sicht des BN: Dass das Gift auch an Gewässern gespritzt wurde, obwohl es dort nicht zugelassen ist. Dass Gehölze ohne Eichen bespritzt wurden. Dass keine artenschutzrechtlichen Prüfungen stattfanden. Dass die Autobahnen trotz klarer Vorgaben nicht für 48 Stunden zum Schutz der Autofahrer gesperrt wurden. "Und das alles, ohne dass vorher in einem nachprüfbaren Verfahren festgestellt wurde, ob und wo die Eichenprozessionsspinner in einer problematischen Dichte vorkommen", kritisiert der BN-Landesbeauftragte Richard Mergner.

Zwischen 2006 und 2010 wurden über 490 Kilometer Autobahnränder Nordbayerns jährlich auf beiden Seiten mit 469,9 Kilogramm Diflubenzuron besprüht. Die Menge für das Jahr 2011 liegt dem Bund Naturschutz noch nicht vor. Im vergangenen April hatte er ein Moratorium für den Einsatz des Biozids gefordert. Die Staatsregierung sollte die Autobahndirektionen anweisen, die Giftanwendung zu beenden. Trotzdem hat sie erneut gespritzt. "Nach unserer Kenntnis wurde Diflubenzuron letztes Jahr auf jeden Fall in Unterfranken eingesetzt", sagt BN-Regionalreferent Konopka.


Wieder Einsatz in Unterfranken



Das bestätigt Marion Kneißl, Sprecherin der Autobahndirektion Nordbayern in Nürnberg. Auch heuer sei Unterfranken Ende April wieder das Ziel der Spritzaktionen, während in Ober- und Mittelfranken keine Gifteinsätze geplant seien. Warum ausgerechnet Unterfranken? "Es könnte am Klima liegen", vermutet Kneißl. "Die Eichenprozessionsspinner vermehren sich dort verstärkt."

Auf die Anzeige des Bund Naturschutz reagiert die Autobahndirektion gelassen. "Wir sind uns keiner Schuld bewusst", sagt Kneißl. "Wir haben uns korrekt verhalten." Die Dienststellen stünden in Verbindung mit dem Gewerbeaufsichtsamt und handelten nach den Vorschriften. Bis zum 2. April muss sich die Autobahndirektion gegenüber dem Gewerbeaufsichtsamt rechtfertigen. Kneißl rechnet schon jetzt mit einem Antrag auf Fristverlängerung. "Es ist ja sehr umfangreich, was uns der Bund Naturschutz vorwirft. Das müssen jetzt die Fachbehörden in unserem Haus prüfen."


Wirtschaftlich ruiniert



Vom Prüfen, von Gutachten, vom Abwarten hat Robert Seuberth längst die Nase voll. Er war wirtschaftlich ruiniert, nachdem nur zehn Prozent seiner Heuschrecken überlebt haben. Mehrere Gutachten weisen nach, dass seine Viertelmillion Heuschrecken nach dem Verfüttern des vergifteten Grases zugrunde gegangen ist. Seuberth hat die Firma angezeigt, die das Diflubenzuron im Auftrag der Gemeinde Weisendorf versprüht hat.

Bis vor zwei Jahren konnte er von seiner Zucht leben. Abnehmer für seine Heuschrecken sind Zoohandlungen, die die Insekten als Lebendfutter für Reptilien verkaufen. Nachdem er fast keine Heuschrecken mehr hatte, konnte Seuberth seine Kunden nicht mehr bedienen. Aufgeben konnte er seine Zucht aber auch nicht. "Sonst wird der Schaden nur bis zu dem Zeitpunkt berechnet, bis ich den Betrieb zugemacht habe. Ich möchte aber den kompletten Schaden ersetzt haben." Also macht Seuberth weiter und versucht, seine Zucht wieder aufzubauen.
Das ist schwierig. Obwohl er mit seinen Heuschrecken in der 20. Generation "nach dem Vorfall" ist, gibt es immer noch Reproduktionsschäden. "Da kann man sich vorstellen, welche Auswirkungen das Diflubenzuron auf die Umwelt und die Natur hat", sagt Seuberth. Er muss jetzt die doppelte Menge an Elterntieren in seine Zuchtbehälter geben, um annähernd so viele Heuschrecken wie früher zu bekommen.

Das kostet. "Letztes Jahr ging es finanziell nicht mehr." Jetzt hat Seuberth neben der Zucht noch einen anderen Vollzeitjob. Von 4.30 bis spätabends, oft bis Mitternacht ist er auf den Beinen. Auch am Wochenende. "Meine Familie und meine Gesundheit leiden darunter. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte." Er weiß aber, dass er durchhalten muss. Der Prozess dauert an, das Gericht hat weitere Gutachten in Auftrag gegeben.


Diflubenzuron führt zu Artensterben



Auch der Bund Naturschutz wird durchhalten. Er hofft, dass das Gewerbeaufsichtsamt "mit der gebotenen Härte gegen die Rechtsbrüche der Autobahndirektion vorgeht." Dann hätten die Umweltschützer mit ihrer Anzeige ihr Ziel erreicht: Dass 2012 kein Gift mehr an den Autobahnen versprüht wird. Außer an den Autobahnen wurde das Diflubenzuron laut BN auch in mindestens 26 fränkischen Gemeinden gespritzt.

Regionalreferent Konopka nennt Schwabach als Beispiel. Dort sei eine wissenschaftliche Studie durchgeführt worden, deren Ergebnisse den Nutzen der chemischen Bekämpfungsmaßnahmen in Frage stellen. Der Einsatz im Schwabacher Stadtpark mit Diflubenzuron und Bazillus thuringiensis hätte zu einem Verlust von Dreiviertel der in solchen Eichenhainen üblichen Schmetterlingsarten geführt. Der Eichenprozessionsspinner profitierte aber, weil auch Brutvögel betroffen waren, die die Raupen fressen.