Das Jahr 2015 ist vorbei. Zeit für eine politische Bilanz der Stadt Herzogenaurach und einen Ausblick. Bürgermeister German Hacker (SPD) spricht im Interview über Kommunalpolitik, über die Stadt und über sich.

Was hat Sie im abgelaufenen Jahr 2015 am meisten bewegt?
German Hacker: Sicher die menschenverachtenden Anschläge in Paris. Aber auch die immer erschreckender werdenden messbaren Auswirkungen des Klimawandels, die leider angesichts der Nachrichtenlage oft untergehen.

Haben Sie die gesteckten Ziele für Herzogenaurach erreicht?
Ja, zu 95 Prozent. Die restlichen fünf Prozent sind Dinge, die sich zeitlich verzögern, aber sicher erreicht werden.

Was hat Sie 2015 besonders geärgert?
Dass Gegner der Stadt-Umland-Bahn beim Bürgerentscheid im Landkreis Argumente angeführt haben, bei denen sie als Politiker genau wussten, dass diese nicht zutreffen, wie z. B. zur Fortsetzung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG). Hier sind für mein Verständnis von Redlichkeit Grenzen überschritten worden, die man nicht überschreiten darf.

Wo "knirschte" es in den vergangenen zwölf Monaten in der Stadt?
Wir hatten eine Reihe von unvermeidbaren Straßen-Baustellen, die den Verkehr belastet haben. Hierfür kann ich nur um Verständnis bitten.

Was waren die Tops und Flops in Herzogenaurach im Jahr 2015? Was lief gut, wo war noch Luft nach oben?
Top waren das Tempo und die Qualität, mit dem wir als Verwaltung mit dem Stadtrat Themen vorbereitet, diskutiert und richtige Entscheidungen getroffen haben. Ich gehe sogar so weit, die gesamte Entwicklung der Stadt in jeder Hinsicht als "top" zu bezeichnen. Ein Flop war leider die Sanierung des kleinen Spitals, die selbst innerhalb von fünf Jahren bis Ende 2015 nicht geklappt hat.

Was ist für Sie das wichtigste politische Projekt 2016 in Herzogenaurach?
Die weitere Wohnungsbauentwicklung in jeder Hinsicht: Fortsetzung von Bauleitplanungen, von Erschließungen und die tatsächliche Flächenvermarktung mit anschließender Bautätigkeit.

Wo sehen Sie für 2016 weitere Schwerpunkte in der Stadtpolitik?
Wenn man einmal alle Projekte der "großen Punkte" wie Stadt- und Verkehrsentwicklung, Kinder-Ganztagsbetreuung oder eine solide Finanzierung des städtischen Haushalts als "gesetzt" betrachtet, sehe ich zuerst den Ausbau der Unterstützung jeglichen ehrenamtlichen Engagements unserer Bürgerinnen und Bürger. Wir konnten dazu ja zum 1. Dezember 2015 die neu geschaffene Stelle für Sport- und Ehrenamtskoordination erstmals besetzen. Ich freue mich auf die ersten Ansätze, z. B. für eine Ehrenamtsbörse.
Weiterhin ist die organisatorische Zusammenführung des Jugendhauses Rabatz, des Freizeitheims und des Seniorenbeirats unter das symbolische Dach "Generationen-Zentrum" ein wichtiger Schritt. Abseits des Autoverkehrs werden wir die zukünftige Stärkung des ÖPNV bei Regionalbuslinien und beim HerzoBus-System planen sowie Vieles für Radfahrer und Fußgänger tun, für letztere v. a. im Hinblick auf Barrierefreiheit.

Was wollen Sie zusammen mit dem Stadtrat in diesem Jahr angehen?
Wir sind schon mit weiteren Schritten bereits begonnener Projekte beschäftigt: Rathausneubau/Hubmannareal, Bauleitplanungen wie "Reihenzach" (u. a. Gebiet für neue Stadthalle), Puma-Erweiterung und Wohngebiet Niederndorf-Süd. Planung und Bau einer weiteren Kita auf der Herzo Base und eines Ersatzneubaus des Pavillons an der Carl-Platz-Schule.
Weitere Planungen zur Südumfahrung Niederndorf, Grundsatzentscheidung über die Generalsanierung bzw. den Neubau der Sporthalle am Gymnasium, evtl. in Verbindung mit dem Neubau einer weiteren Sporthalle. Die Erarbeitung eines neuen Konzepts für die Kulturtage. Die Übernahme des Jugendhauses Rabatz in städtische Trägerschaft. Dann natürlich hoffentlich den Start des Zweckverbands Stadt-Umland-Bahn. Und vieles mehr. Es wird uns nicht langweilig werden.

Viel diskutiert wird derzeit über Flüchtlinge, vor allem über die Art der Unterbringung. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Die Unterbringungen in Herzogenaurach halte ich für "den Umständen entsprechend" gut. Kleinere Probleme wurden erkannt und bereits weitgehend gelöst. Es ist hinreichend bekannt, dass wir - nicht nur für anerkannte Asylbewerber - in der ganzen Region mehr bezahlbaren Wohnraum brauchen. Hier wird es nur mittelfristig zu wirklichen Entlastungen kommen können. Die Entscheidungen dafür sind aber bereits gefällt.

Was fasziniert Sie an Herzogenaurach?
Vieles. Bei unserem Markenkern haben wir es auf den Ein-Wort-Wert "bewegend" eingedampft. Dazu gehört zum einen der "Geist", der hier herrscht, sowohl in den Unternehmen als auch - was man kaum trennen kann, denn schließlich sind ja fast alle Familien direkt oder indirekt damit verbunden - bei den Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters. Engagement und das Streben nach der jeweils besten Lösung findet man überall. Stillstand ist uns völlig fremd. Zum anderen ist Herzogenaurach ein ganz besonderer Ort, weil man durch die noch überschaubare Größe von "nur" 24 000 Einwohnern, die aus über 100 Nationen stammen und friedlich zusammenleben, die Vorteile der kurzen und direkten (Kommunikations-)Wege hat und alles Alltagsnotwendige am Ort findet bzw. spätestens durch die perfekte Lage in der Metropolregion in den direkt angrenzenden Großstädten.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Lage in Herzogenaurach? In den letzten Jahren hat sich ja sehr viel getan.
Hervorragend! Die Tendenz ist zudem klar positiv angesichts wichtiger Weichenstellungen unserer Unternehmen. Es freut mich, dass wir stadtplanerisch und von Seiten der Infrastruktur dies alles begleiten konnten und weiter unterstützend begleiten werden. Natürlich können bei jeder langfristig positiven Entwicklung auch einmal kurzfristige Schwankungen auftreten, aber damit haben wir als Stadt gelernt umzugehen.

Wie gehen Sie mit Provokationen um?
Provokationen gibt es eigentlich kaum. Im Fall der Fälle kommt es darauf an, worum es sich handelt. Bei einem "Strohfeuer" ist es vielleicht gar nicht wert, darauf zu reagieren. Das Internet ist voll mit ärgerlichen Aussagen, an die sich am nächsten Tag schon keiner mehr erinnert. Bei schwerwiegenderen Dingen habe ich sehr gute Erfahrungen damit, offen, ruhig und sachlich dagegen zu argumentieren.

Wie unabhängig können Sie gegenüber Ihrer Partei, der SPD, agieren?
Als Bürgermeister arbeite ich sehr neutral und kann das auch jederzeit tun.

Was ist das Anstrengendste am Leben des Bürgermeisters?
Der hohe zeitliche Aufwand für alles rund um das Amt, der kaum mehr Raum für Dinge bietet, um den Kopf frei zu bekommen. Daran muss man sich immer wieder erinnern und sich dann auch mal selbst, trotz aller positiver Energie, wenn man etwas bewegen kann, zum "Runterkommen" zwingen.

Es gibt Leute, die Ihnen mangelnde Kritikfähigkeit vorwerfen. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?
In politischen Ämtern ist man gezwungen, sich aus einem Sammelsurium an verschiedenen Meinungen und dem eigenen Wissen eine eigene Meinung zu bilden und auf deren Basis dann Entscheidungen zu treffen. Natürlich wird man dann auch einmal kritisiert, das ist völlig normal. Man muss sich diese Kritik anhören und sie bewerten. Insofern ist Kritikfähigkeit, dazu zählt übrigens ebenso die Fähigkeit zur Selbstkritik, eine sehr wichtige Eigenschaft, die ich für mich sehr wohl in Anspruch nehme. Sollte Kritik berechtigt sein, korrigiere ich gegebenenfalls gerne auch meine Meinung. Ich nehme mir anderenfalls aber auch die Freiheit, dass, wenn ich begründet zu dem Schluss komme, dass Kritik unzutreffend ist, ich das - in aller Freundlichkeit - meinem Gegenüber offen sage.

Wie begeistert man junge Leute für die Politik?
Mit ehrlichen Lösungen für die Probleme unserer Zeit und Glaubhaftigkeit der eigenen Person.

Mit welchen drei Wörtern würden Sie Herzogenaurach beschreiben?
Bewegend, engagiert, erstklassig

Wo sehen sie sich in fünf bis zehn Jahren?
Als Bürgermeister von Herzogenaurach mit einem nach wie vor klaren Blick auf die kurz-, mittel- und langfristigen Entwicklungen. Die Zukunft endet nicht, es geht immer weiter.

Gibt es besondere Ziele, die Sie in Ihrem Leben erreichen möchten?
Jein. Ich sehe eigentlich die Gesamtheit einer Vielzahl an eigenen Lebensumständen, die letztendlich zur eigenen Zufriedenheit führen, als das große Ziel an. Ich selbst bin zufrieden und arbeite beruflich daran, dass sich die Lebensumstände der Bürgerinnen und Bürger einer Stadt stetig verbessern. Wenn es mir allerdings noch irgendwann gelingt, Zeit zu finden, um Klavierspielen zu lernen, wäre das schon auch richtig gut.

Wo liegen Ihre Stärken?
Ich glaube, dass ich sehr schnell erkennen bzw. herausarbeiten kann, wo der Kern einer Sache liegt" bzw. worauf es bei der Lösung eines Problems tatsächlich ankommt. Weiterhin sicherlich im schnellen, konsequenten und verlässlichen Handeln.

Und Ihre Schwächen?
In manchen Situationen würde ich mir selbst noch ein bisschen mehr Geduld wünschen. Und bei italienischem Essen sollte ich mich ab und an mehr am Riemen reißen.

Wer sind Ihre politischen Vorbilder?
Als echtes Vorbild würde ich Helmut Schmidt nennen. Entscheidungen von Willy Brandt und Gerhard Schröder haben mich aber zweifellos ebenfalls geprägt.

Mit welcher Person würden Sie sich gerne mal unterhalten?
Bis vor wenigen Wochen hätte ich Helmut Schmidt genannt, das geht nun leider nicht mehr. Spontan fällt mir eigentlich niemand ein.

Was ist Ihre Lebensphilosophie?
Nimm dir ruhig mehr vor, als man im ersten Augenblick glaubt zu schaffen, und erledige die Dinge möglichst immer gleich. Handle gegenüber anderen so, wie du dir es auch von ihnen dir gegenüber wünschen würdest.

Auf was freut sich der Herzogenauracher Bürgermeister German Hacker 2016?
Auf den Gewinn der Fußball-Europameisterschaft durch Deutschland.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für 2016?
Gesund und in Bewegung bleiben zu können und ein bisschen mehr Frieden auf der Welt.

Was sind die drei Dinge, die mit auf die Insel müssen?
Mein Smartphone, ein schnelles Schiff und genügend Sprit, um schnell wieder von dort weg zu kommen.

Vervollständigen Sie bitte diesen Satz: Ich kann nicht ohne ... leben?
... Austausch mit anderen Menschen ...

Was ist Ihre größte Versuchung?
Mediterranes, italienisches Essen.

Das Gespräch führte
Richard Sänger.