Samstag gegen 21.30 Uhr schleichen drei dunkel gekleidete Frauen in den Hinterhof eines Nürnberger Supermarktes. Dort stehen die Objekte ihrer Begierde: Die Mülltonnen, in denen bei sommerlichen Temperaturen weggeworfenes Essen vor sich hin gärt. Mit ihren grünen Handschuhen wühlt Katrin Berlinger in einer Tonne herum. Kurz darauf taucht die 20-jährige Studentin mit den langen schwarzen Haaren und dem Lippen-Piercing wieder auf und reicht ihre Fundstücke weiter. Bianca Bottke packt sie in einen Rucksack. Vier Minuten später sind die Frauen schon wieder weg. Ein Rucksack und eine Tüte sind prall gefüllt mit Asia-Gewürzen und Nudeln. "Jackpot", sagt Bettina Degen - Nudeln finden sie selten.

Bianca, von Beruf Modeschneiderin, trägt unter ihrer Jeans-Jacke ein Schlabber-T-Shirt - schließlich könnten ihre Klamotten heute dreckig werden. Denn an diesem Sommerabend geht die 24-Jährige zum ersten Mal "Containern". Ihre beiden Mitbewohnerinnen Katrin und Bettina machen das bereits seit einem Jahr. Was bei einigen Menschen Brechreiz auslöst, ist für die beiden zur Gewissensfrage geworden. Wie viele andere Aktivisten essen Katrin und Bettina bewusst die Lebensmittel, die in den Mülltonnen der Discounter landen. Nicht etwa, weil sie arm wären: "Wir machen das aus Überzeugung, weil es nicht geht, dass wir so viel wegschmeißen", betont Katrin mit durchdringendem Blick. Eklig fand sie das nie: "Man darf gar nicht davon ausgehen, dass es Müll ist. Es ist beispielsweise nur ein Apfel, der in einem anderen Gefäß lag." Alles reine Kopfsache.

Immer am Wochenende ziehen sie los. "Samstags finden wir oft Sachen, die noch drei bis vier Tage haltbar sind", erzählt Katrin. Die Erklärung liege auf der Hand: Obst und Gemüse hält sich nicht übers Wochenende - also wird es weggeschmissen. Ähnlich sei es bei den Milchprodukten, behauptet die 24 Jahre alte Bettina: "Vor vier Jahren habe ich selbst bei einem Discounter gejobbt. Es gab die Anweisung, Milchprodukte eine Woche vor Ablauf des Verfallsdatums wegzuwerfen, weil die Kunden die nicht mehr kaufen."

"Kunden erwarten Auswahl"


"Das kann ich nicht nachvollziehen", widerspricht Stefan Hertel, Sprecher des Handelsverbandes Deutschland, "schließlich hat der Händler die Waren ja auch mal bezahlen müssen." Obgleich die Lebensmittel nicht massenhaft im Müll landen würden, räumt er ein, dass Abfälle vor allem bei "Brotwaren oder Obst und Gemüse" anfallen. "Es ist schließlich so, dass die Kunden auch um sieben Uhr abends eine gewisse Auswahl erwarten und das auch dürfen."

Die Folgen dieser stets vorhandenen Auswahl finden Bianca, Katrin und Bettina in den Mülltonnen der Läden. Gegen 22 Uhr haben die drei aber Pech. An der spärlich beleuchteten Rückseite eines Supermarkts am Rathenauplatz stehen sie vor verschlossenen Toren. Also auf zum nächsten Laden, wo es Container-Novizin Bianca ein wenig mulmig wird. Sie müssen über eine Kette steigen. "Wir müssen ganz ruhig sein, es ist nun mal verboten", warnt Katrin.

Das bestätigt Antje Gabriels-Gorsolke, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth. Die rechtliche Einschätzung sei jedoch schwierig: "Grundsätzlich kann das durchaus ein Diebstahl sein, aber das ist immer abhängig vom Einzelfall." Es sei auch die Frage, "ob wir so was verfolgen würden", sagt Gabriels-Gorsolke. "Wir haben ja die Möglichkeit, wegen geringer Schuld von der Strafverfolgung abzusehen." Das komme aber auf die Vorgeschichte des Täters und die sonstigen Umstände an. Wird beispielsweise eine Tür aufgebrochen, handele es sich um einen Einbruchdiebstahl, erklärt die Oberstaatsanwältin. "Außerdem kann ein Hausfriedensbruch in Betracht kommen, wenn der Container auf einem eingezäunten oder sonst abgegrenzten Gelände steht."

Bevor jemand vor Gericht landet, weil er Essen aus Supermarkt-Mülltonnen gestohlen hat, müsse derjenige erst einmal von einem Vertreter des Marktes angezeigt werden, sagt Robert Sandmann, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken. Das geschehe aber selten: "Wenn jemand zwei Salatköpfe und fünf Paprika stiehlt, dann sind das Dinge mit geringfügigem Wert."

Essen im Wert von 50 Euro


Eine Tür würden Bettina, Katrin und Bianca ihrem eigenen Bekunden nach nie aufbrechen; das Risiko des Hausfriedensbruchs nehmen sie allerdings in Kauf. So auch beim letzten Supermarkt in der Nähe des Nürnberger Stadtparks. Im Schutz der Dunkelheit müht sich Katrin als einzige über den hüfthohen Zaun, der den Hinterhof des Supermarktes von der Straße trennt. Selbst geübte Nasen dürften hier nicht mehr erkennen, ob die aufgeplatzten Joghurtbecher oder die Armada aus Fisalis-Becherchen in den Mülltonnen Ursache des süßlichen Geruchs sind. Tapfer durchwühlt Katrin die Tonne und wird fündig: Neben Hefeteig und einigen Gläsern Pizza-Sauce findet sie auch Spargel.
Nach vier Supermärkten ist ihr Beutezug gegen 22.30 Uhr beendet. Zwei Rucksäcke und drei Tüten sind voller Essen - mehr könnten die drei auch nicht schleppen.

Zuhause wäscht Katrin alles in der Küche. Neben der Spüle türmen sich unter anderem Nudeln, Schokolade, Feldsalat und Radieschen - 50 Euro dürften die Sachen Wert sein, schätzt sie. Bianca ist begeistert - vor allem die Radieschen haben es ihr angetan: "Die sehen noch ganz frisch aus." Grund genug für die 24-Jährige, Bettina und Kathrin wieder bei ihren Streifzügen zu den Nürnberger Supermarkt-Mülltonnen zu begleiten.