Das Antragsformular zur Errichtung eines Islam-Zentrums liegt erst wenige Tage auf dem Schreibtisch von Professor Mathias Rohe. Der Rechts- und Islamwissenschaftler ist damit beauftragt, vom Bund zur Verfügung gestellte Mittel, die in einer zweiten Entscheidungsrunde im Frühjahr vergeben werden, für ein solches Zentrum nach Erlangen zu holen.
In einer ersten Runde hatte sich Bundesbildungsministerin Schavan im Oktober für eine Mittelvergabe zur Ausbildung islamischer Religionslehrer zugunsten der Universität in Tübingen sowie für einen Kooperationsstandort der Universitäten Münster und Osnabrück entschieden. In der Errichtung solcher Islamzentren sieht die Bundesregierung eine gute Möglichkeit zur Integration von über vier Millionen Muslimen im Land.
"Erlangen ist als Standort für ein solches Zentrum geradezu prädestiniert," erklärt Mathias Rohe im Gespräch mit unserer Zeitung. "Die Universität Erlangen war im Jahr 2003 die erste deutsche Uni überhaupt, die islamische Religionslehrer ausgebildet hat," führt er zur Begründung an. Auch die ersten Schulversuche hätten in einer Schule im Erlanger Süden stattgefunden.
Inzwischen habe das "Erlanger Modell" bayernweit an rund 250 Schulen Verbreitung gefunden. Waren die ersten Seminare, die islamische Religionslehre im Nebenfach anboten, von knapp einem Dutzend Studenten besucht, hätten sich im letzten Semester rund 60 Studenten für einen Kurs angemeldet. "Wir brauchen ein Islam-Zentrum," so Rohe.
Mit dessen Hilfe können gleichsam zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Man kommt so einerseits dem staatlichen Interesse eines Islambekenntnisses im Rahmen des Grundgesetzes entgegen, und man fördert andererseits den Wunsch von Muslimen zur Weitergabe des Glaubens in einer europäischen Verhältnissen angepassten Art und Weise.

Auch Ausbildung von Imamen


Bei der Ausbildung von Religionslehrern soll es jedoch nicht bleiben. Die seit langem stagnierende islamische Theologie erfinde sich derzeit neu im Dialog mit dem Westen, erklärt Rohe. Ein solcher Islam müsse sich aus muslimischer Perspektive auf wissenschaftlichem Niveau und im Dialog mit anderen Wissenschaften entwickeln. Dann könne es auch eine Ausbildung von Imamen geben. Die Uni Erlanger biete hier bereits ein sehr breites Orientspektrum und neben den klassischen Islamwissenschaften eine gute Vernetzung mit den Bereichen Geographie, Recht, Politik und Wirtschaft.

Muslimischer Beirat


Ohne einen Beirat, in dem islamische Verbände und unabhängige Muslime über Lehrinhalte und Personal mitbestimmen können, sind solche Zentren islamisch-theologischer Forschung nicht möglich. Ein ganz sensibler Bereich, wie Mathias Rohe aus eigener Anschauung weiß. Der heute 51-Jährige hat bereits als junger Mann die meisten Länder des Orients bereist , ein Jahr als Koch in Saudi-Arabien gearbeitet und in Damaskus Islamwissenschaften studiert. Er kennt die Mentalität dieser Gesellschaft, die sich nicht gerne bevormunden lassen möchte. Weshalb das künftige Islam-Zentrum auch nicht unter das Dach der evangelischen Theologie in der Erlanger Kochstraße wandern, sondern einen auch räumlich eigenständigen Bereich bilden soll.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat sich unterdessen in einem Schreiben an Bundesbildungsministerin Schavan ebenfalls für Erlangen als eines von bundesweit drei bis vier Islamzentren stark gemacht. Weil der fränkische Hochschulstandort bereits heute bundesweit einen Spitzenplatz für islamische Studien einnehme.

Warum Islamzentren?


Kulturpolitischer Aspekt Religiöse Bildung ist eine kulturpolitische Aufgabe. Die religiöse Rückbindung des Einzelnen an die in der Religion begründeten sittlichen Normen bildet einen wichtigen Teil des sozialen Kapitals eines Staates.

Wissenschaftlicher Aspekt Die genannten Aufgaben erfordern eine wissenschaftliche begründete Leitung der Prozesse. Die Grundlagenforschung, der Praxisfeldbezug, die Lehre und die berufsfeldbezogene Ausbildung bilden die Kompetenzbereiche der Universität mit Wirkung in die Breite der Gesellschaft.