Es war ein Paradies zum Schauen und zum Stöbern. Vor allem die Kinder machten große Augen beim Anblick der zahlreichen Flaschen und Gefäße mit den vielen Tinkturen und Pülverchen, die die Regale bis unter die Decke füllten. Beliebt waren die Salben, die der "Kilian" selber anrührte, und vor allem auch seine Kräutermischungen.

Gemeint ist Alfons Daßler, der Mann im weißen Kittel, der immer zu einem Späßchen aufgelegt war. Und so wurde die Kiliansdrogerie in der Hauptstraße zu einem beliebten Treffpunkt. Wer schaute nicht gern mal auf ein Schwätzchen vorbei oder lauschte, um den neusten Witz zu hören, denn der Kilian hatte immer welche auf Lager.

Und für die Kinder, die jetzt allesamt schon erwachsen sind und wahrscheinlich längst schon selbst Nachwuchs oder gar Enkel in dem Alter haben, gab's noch einen besonderen Grund, den Alfons zu besuchen. Aus der untersten Schublade seiner Verkaufstheke zog der Geschäftsmann dann seine Eisbonbons hervor, und die kleinen "Kunden" wussten alle ganz genau, wo er die beliebten Leckereien "versteckt" hatte.

Das war von 1962 bis in die Mitte der 90-er Jahre so, als die Herzogenauracher Innenstadt eine Drogerie hatte, lange Jahre bevor gegenüber dann ein großer Markt einzog. Als Alfons Daßler 1995 überraschend starb, war auch das Ende der Kiliansdrogerie besiegelt. Ein paar Monate noch hielt seine Witwe Juliane Daßler den Betrieb aufrecht, dann war vor 25 Jahren die letzte klassische Drogerie im Landkreis Geschichte.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Die Eröffnung der "Drogerie St. Kilian" am 1. Dezember 1962 stand unter einem guten Stern, berichtet Tochter Christina Daßler in einem Beitrag, den sie in dem Buch "Geschichte und Geschichten aus Herzogenaurach" von Fritz Spieß veröffentlichte. Der wirtschaftliche Aufschwung der 1960er Jahre und Daßlers großer Einsatz bescherten ihm von Anfang an eine positive Geschäftsentwicklung.

Der "Kilian" führte seinen Laden mit Leib und Seele. Eine 55-Stunden-Woche plus die vielen zusätzlichen Stunden für Buchführung, Lagerhaltung und vieles mehr waren selbstverständlich, schreibt die Tochter. Und: "Seine Krankheitstage sind an zwei Händen abzuzählen."

Christina erinnert sich heute noch gern an die Zeit, als sie selbst noch ein Kind war. Für sie und ihre Geschwister war die Drogerie ein Paradies. "Den Kaufladen, den sich andere Kinder an Weihnachten wünschen, hatten wir Kinder das ganze Jahr", stellt sie fest. Die Drogerie sei zum "Verkauferles-Spielen" ein idealer Platz gewesen.

Manchmal spricht sie mit ihrer Mutter über die alten Zeiten. Juliane Daßler war stets eine aktive Frau. Gemeinsam mit ihrem Mann Alfons zog sie fünf Kinder groß. Und vor sechs Jahren, bereits im betagten Alter, ließ sie ihr fast 400 Jahre alte, schmuckes Bürgerhaus in der Hauptstraße sanieren. Inzwischen ist Juliane Daßler 93 Jahre alt. Sie freut sich, dass das Haus, in dem sie heute noch wohnt, ein Daßler-Haus bleibt, auch wenn der Laden freilich längst vermietet ist. Aber die Nachfolge innerhalb der Familie ist gesichert.

"An den Abenden nach getaner Arbeit", so berichtet Tochter Christina über ihren Vater, "sehe ich ihn immer noch in seiner Sofaecke sitzen, vertieft in Naturkundezeitschriften, Geschichtsbücher, Zeitungen". Alfons Daßler wurde irgendwann nur noch als der "Kilian" angesprochen und selten kam seine Kundschaft nur zum Kaufen, oft entwickelten sich wichtige und interessante Gespräche.

Die Erinnerungen der inzwischen 54-Jährigen gehen noch weiter. Die Drogerie war nicht nur in finanzieller Hinsicht ein Dreh- und Angelpunkt in Daßlers Leben, sondern sehr wichtig für ihn war der Kontakt zu seinen Kunden und gleichzeitig Freunden, berichtet die Tochter. Und: "Bereitwillig gab er Ratschläge. Aufgrund seiner Kenntnisse in Kräuterkunde entwickelte er beispielsweise eine eigene Handcreme, mischte Gesundheitstees, war Ratgeber in vielen Fragen."

Auch weil Daßler sich in mehreren Vereinen engagierte, war sein Laden in der Hauptstraße eine wichtige Anlaufstelle für jegliche Auskünfte. Manchmal wurden auch kleinere Sitzungen in seinem Büro abgehalten. Die Drogerie diente außerdem als "Reisebüro" bei der Zusammenstellung von Wallfahrten und Ausflügen. Während dieser Reisen gestaltete der "Kilian" als Gaudi-Max mit seinem großen Witze- und Geschichtenreservoir - Christina Daßler: Lumpereien halt - sowie Liedern die Fahrten sehr kurzweilig, weiß Christina zu berichten.

Einst ein Wagnergeschäft

Der Historiker Klaus-Peter Gäbelein hat anlässlich der Aufgabe der Drogerie vor 25 Jahren in der Geschichte des Hauses geblättert, das vermutlich nach dem 30-jährigen Krieg errichtet worden ist. In früheren Zeiten war dort ein Wagnergeschäft beheimatet - das Gebäude war hierfür ideal gelegen. Zogen doch Tag für Tag die Fuhrwerke vorbei, die Waren aus Erlangen oder Nürnberg in Richtung Würzburg beförderten. Das "hohe Pflaster", also die Hauptstraße, sei schon immer die Hauptschlagader der Stadt.

Seit dem 19. Jahrhundert die alteingesessenen Familien Geinzer und Derfuß eine Metzgerei. 1898 ging das Anwesen an Georg Daßler über, der das Geschäft bis 1927 führte. Dessen Sohn Hans verpachtete den Laden, bevor Alfons Daßler am 1. Dezember 1962 die Kiliansdrogerie eröffnete.

Anekdote

Christina Daßler erinnert sich in ihrem Beitrag im Buch von Fritz Spieß an eine besondere Episode.

In seiner Stammkneipe "Zum Walfisch", einen Katzensprung entfernt drüben am Vehnturm, ging es immer lustig, aber gesittet zu. Nur mit Schlappen und manchmal mit Schifferklavier ausgestattet, verschönerte der Kilian mit seinen Einlagen viele Faschingsfeiern.

Auch war Alfons immer für einen Streich zu haben. Vom Wirtshaus erstellte er eine Fotomontage mit dem Gebäude und dem Hausschild "Hotel Walfisch", ließ davon eine Postkarte fertigen, die ein Mitstreiter aus der Schweiz an den damaligen Besitzer, dem "Bitters Koarla" schickte. Dieser, ebenfalls ein Unikum der Hauptstraße, war offenbar sehr erzürnt über diesen Spaß und hatte auch jemand bestimmten in Verdacht. Seitdem jedenfalls wurde in Insiderkreisen sein Wirtshaus nur noch als das "Hotel" bezeichnet.