In der aktuellen Ausnahmesituation, in der wir uns durch die Corona-Pandemie befinden, wird immer wieder an die Spanische Grippe erinnert, welche zwischen 1918 und 1920 die ganze Welt erfasste.

Obwohl ihr geschätzt 50 bis 100 Millionen Menschen zum Opfer fielen und damit möglicherweise mehr als beiden Weltkriegen, war sie jahrzehntelang vergessen. In unserem kollektiven Gedächtnis spielt das Ereignis keine Rolle. Dass der Spanischen Grippe auch in Höchstadt zahlreiche Menschen erlagen, dürfte den meisten daher unbekannt sein. Wirklich überraschend ist das allerdings nicht.

Erste Welle schwappte vorbei

Von der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr und Sommer 1918 blieb die Stadt noch verschont. Ende Mai berichtete die Heimatzeitung "Aischtalbote" zwar von einer "unerklärlichen Krankheit" in Spanien, die sich über das ganze Land verbreitet habe. Da die kriegführenden Nationen eine Nachrichtensperre verhängt hatten, wurde nicht bekannt, dass sich zu diesem Zeitpunkt an der Westfront bereits Tausende amerikanischer, französischer, britischer und deutscher Soldaten infiziert hatten und kampfunfähig geworden waren. Stattdessen schließt der kleine Artikel über die Infektionen in Spanien verharmlosend: "Die Krankheit wird nicht als ernst angesehen."

Die zweite, deutlich härtere Welle der Pandemie im Herbst 1918 erreichte Höchstadt und hinterließ ihre Spuren. Der Erste Weltkrieg war in seiner letzten Phase, eine neue Regierung in Berlin versuchte bereits Waffenstillstandsverhandlungen mit dem amerikanischen Präsidenten Wilson aufzunehmen und der "Aischtalbote" war wie immer voll von Nachrichten, die sich mit den militärischen und politischen Auswirkungen des Krieges beschäftigten. Mitten in diese Ereignisse fällt am 11. Oktober eine Meldung, die zunächst kaum weiter auffiel. Der Gerichtsassistent Michael Kammrich sei "nach kurzem Krankenlager" verstorben. Auch wenn wir nicht definitiv wissen, ob er tatsächlich einer Grippeinfektion zum Opfer fiel, deuten die folgenden Ereignisse doch stark darauf hin.

Erster Hinweis in der Zeitung

Am nächsten Tag, 12. Oktober 1918, wird im "Aischtalboten" erstmals explizit auf die Verbreitung der Grippe hingewiesen, allerdings in einer Form, welche kaum geeignet war, vor Ort Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, denn die Gefahr schien weit entfernt: In Hamburg hatten sich 200 Menschen mit der Krankheit infiziert.

Zwei Tage später jedoch starb in Höchstadt der Junge Heinrich Popp "nach kurzem Leiden plötzlich und unerwartet" und "im Blütenalter von 14 Jahren". Erst fünf Tage danach, am 19. Oktober, findet sich eine erste konkrete Meldung zur Gefahrenlage. In der Zeitung wird darauf hingewiesen, dass die Krankheit durch Tröpfcheninfektion beim Husten und Niesen übertragen werde, dass Krankenbesuche und große Menschenansammlungen vermieden werden sollten und dass bei einer Erkrankung strenge Bettruhe bis zur endgültigen Genesung gehalten sowie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden solle. Die Meldung ist eine von vielen im redaktionellen Teil der Zeitung. Eine offizielle Verlautbarung des Bürgermeisters oder des Bezirksamtes (heutiges Landratsamt) erfolgte jedoch nicht.

Keine Vorschriften

Am 22. Oktober schreibt der "Aischtalbote": "Auch in unserer Stadt und in den Orten der Umgegend hat die Grippe sich weiter verbreitet. In manchen Häusern liegt die ganze Familie an dieser Krankheit darnieder. Die Schulen wurden auf acht Tage geschlossen." Diese Maßnahme wurde eine Woche später verlängert, jedoch erfolgten von offizieller Seite wiederum keine genaueren Handlungsanweisungen oder gar Vorschriften zur Gefahrenabwehr.

Ab jetzt häuften sich die Todesanzeigen mit der typischen Formulierung "nach kurzem schweren Leiden plötzlich und unerwartet". Und auch das Alter der Verstorbenen lässt aufhorchen: Der Landwirt Konrad Gugel aus Schwarzenbach war gerade einmal 32 Jahre alt und hinterließ Frau und Kinder. Anna Grau aus Krausenbechhofen war 25 Jahre alt, Josef Dengler aus Höchstadt 30 Jahre. Dengler war bereits der dritte Sohn, den seine Eltern verloren. Die beiden anderen waren im Krieg gefallen.

In Schwarzenbach starb am 24. Oktober Lina Fischer. Es war ihr 14. Geburtstag. Zwei Tage später erlag der Vater Friedrich Fischer der Krankheit. Hart traf es auch die Familie Dellermann in Nackendorf. Innerhalb von nur zehn Tagen verloren die Eltern ihre drei Töchter Margareta (15), Maria (22) und Katharina (18).

Ebenfalls tragisch ist der Fall des Konrad Förster aus Lonnerstadt. Der 27-jährige Soldat, der vermutlich mehr als vier Jahre im Feld gewesen war und überlebt hatte, wurde während seines Urlaubs zu Hause von der Grippe befallen und starb. Da der Waffenstillstand unmittelbar bevorstand, hätte er nicht mehr einrücken müssen.

Zwei Seiten Todesanzeigen

Von den vier Seiten des "Aischtalboten" waren nun zwei fast jeden Tag mit Todesanzeigen und Danksagungen bedruckt. Aus letzteren geht hervor, dass größere Menschenansammlungen nach wie vor keineswegs gemieden wurden. Die Angehörigen bedanken sich immer für die "zahlreiche Beteiligung an der Beerdigung und den Trauergottesdiensten". Auch wenn der Schulbetrieb wie heute ausgesetzt wurde, ein konsequentes Verbot von größeren Veranstaltungen fand offensichtlich nicht statt.

Erst am 25. Oktober findet sich im "Aischtalboten" eine Empfehlung des Reichsgesundheitsamtes, sich zum Schutz sorgfältig die Hände zu waschen sowie mit lauwarmem Wasser zu gurgeln. Weitere Nachrichten zur Grippe betreffen vor allem die Schweiz, wo die Infektionszahlen besonders hoch waren. Die Meldungen sind jedoch immer sehr kurz gehalten, sie fallen zwischen den umfangreichen Nachrichten zum Kriegsgeschehen kaum auf. Der Weltkrieg überlagerte alles. Zwischen den sich überschlagenden Ereignissen kurz vor seinem Ende blieb nahezu unbemerkt, dass sich mit der Pandemie vor aller Augen eine weitere Katastrophe abspielte, auf die man konsequent hätte reagieren müssen.

Als die Nachrichten von den Revolutionen in München und Berlin durchdrangen, wurden auch in Höchstadt Versammlungen einberufen, um auf die politischen Entwicklungen zu reagieren und Arbeiter- und Soldatenräte zu gründen. Kaum jemand schien sich der tödlichen Gefahr bewusst gewesen zu sein, in die er sich damit brachte.

Ein Krankenhaus für eine moderne medizinische Versorgung existierte damals noch nicht in der Stadt. Erst 1921 beschloss der Stadtrat, in den Räumen des ehemaligen Spitalgebäudes ein Stadtkrankenhaus einzurichten. Dass man bei dieser Gründung die Ereignisse vom Herbst 1918 im Blick hatten, ist durchaus möglich.

15 Todesopfer allein in der Stadt

In der zweiten Novemberhälfte gehen die Todesanzeigen im "Aischtalboten" deutlich zurück, die Verstorbenen waren wieder älter und hatten meist längere Krankheitsgeschichten hinter sich. Die Seuche hatte offenbar ein Ende gefunden. Sie hatte alleine in der Stadt 15 Todesopfer gefordert. Da man in dieser Phase der Spanischen Grippe von einer Letalität von fünf bis zehn Prozent ausgeht, mussten sich bis zu 300 Personen angesteckt haben. Bei etwa 2100 Einwohnern, die Höchstadt damals hatte, war das also jeder Siebte.