Darf man in der Kirche laut lachen und einen Pfarrer johlend empfangen, wenn er mit musikalischen Klängen, die dem Narrhalla-Marsch ähneln, in das Gotteshaus einzieht? Dass die Gläubigen so aus sich herausgehen oder bei einem "Zielgruppen-Gottesdienst" mit den Fingen schnippen und rhythmisch klatschen, kommt wohl eher selten vor. Allerdings war es der Fall, als die evangelische Kirche in Weisendorf am Donnerstagabend in einem besonderen Licht erstrahlte, das durch die Farbwechsel eher einer Disco-Beleuchtung ähnelte und sogar eine Nebelmaschine zum Einsatz kam.
Der Pfarrer und Kabarettist Ingmar von Maybach-Mengede stellte sich vor und meinte, von der katholischen Kirche könnten die Protestanten in Sachen Personenkult noch etwas lernen. Deswegen instruierte er das Publikum erst einmal, wie es zu reagieren hätte, wenn er anschließend erneut in die Kirche einziehen würde.
"Ich würde mich freuen, wenn die ersten Reihen ,May-bach, May-bach soll Bischof werden‘ rufen." Im Rhythmus des Narrhalla-Marsches klatschend und "May-bach, May-bach soll Bischof werden" rufend empfingen die Besucher den evangelischen Kabarettisten dann zum zweiten Mal.
Aber es fand ja in der übervollen Kirche auch kein Gottesdienst statt, sondern ein Kirchenkabarett mit der C.S.U., der Christlich-Satirischen-Union. Schon nach kurzer Zeit hatten sich die Besucher akklimatisiert, und es begann ein kurzweiliger und begeisternder Abend. Nach dem Bad in der Menge - "So bin ich ja noch nie empfangen worden" - fand der "Spaßmacher Gottes" sofort den richtigen Draht zum Publikum.

Auf Don Camillos Spuren

"Sind heute Abend Kommunisten hier?", fragte Maybach in die Runde und erzählte aus seiner Zeit als Pfarrer in einem roten Dorf im Odenwald. Ueberau (2007 bis 2011) ist eine der letzten Hochburgen der DKP (Deutsche Kommunistische Partei), und als einziger Pfarrer in Deutschland stand er einem echten Kommunisten als Dorfvorsteher gegenüber. Dass es in dem Dorf sogar eine "Karl-Marx-Straße" gab, passte in sein Programm - als "Don Camillo" in Odenwald. Für ihn sei damit auch klar: "Am Evangelium vom Jesus Christus kommt niemand links vorbei."
Bei dem langhaarigen Barden, Querdenker und sattelfesten Theologen wurden Kirche und Bibel binnen zwei Stunden wieder zum bedeutsamen Lebensbegleiter. Professionell schaffte es Maybach, auch "den Laden in Weisendorf" ins Rollen zu bringen. So erzählte Maybach von einem Besuch in Dresden, wo ihn die Sixtinische Madonna sehr beeindruckte, nämlich durch ihre Ähnlichkeit mit Angela Merkel. "Ist unsere oberste Pfarrerstochter in der Finanzkrise durch ihre sparsame evangelische Art nun endgültig zur Madonna des Protestantismus geworden?"
"Wäre Angela Merkel mit ihren Eigenschaften, die sie als Bundeskanzlerin auszeichnen, auch eine gute Pfarrerin? Mit Angela Merkel hält der Protestantismus Einzug in die Weltpolitik, denn überall, wo sie auf der Welt hinkommt, verbreitet sie die Atmosphäre eines evangelischen Gemeindehaus-Nachmittags", lästerte Maybach. Um dem Publikum eine bildliche Vorstellung der Sixtinischen Madonna geben zu können, holte er sich Pfarrer Wilfried Lechner-Schmidt und eine Besucherin vor den Altar, schließlich gehören zur Darstellung auch zwei Engel. Für sie hatte er sogar Flügel mitgebracht.
Dann griff Maybach zur Gitarre und erzählte im "Pfarrhaus-Lied", wo das Leben tobt, schließlich residiere auch die oberste Pfarrerstochter im "schönsten Pfarrhaus" der Republik und das noch mitten im Dorf. Außerdem, jeder Pfarrer freue sich, wenn sich an seinem freien Tag einfach mal Gläubige zu ihm auf die Terrasse setzen und ihm in den Kaffee quatschen. Deswegen lud er die Kabarett-Gäste scherzhaft zum anschließenden Beisammensein ins Weisendorfer Pfarrhaus ein, da nach der Vorstellung sicher eh alle Kneipen geschlossen hätten.

Von Ikea lernen

Im "Predigt-Lied" schilderte Maybach die nächtlichen Nöte eines Pfarrers, dem "Samstagnacht-Leider", weil ihm zur Predigt am nächsten Tag nichts einfällt. Selbst komplexe biblische Fragen wurden beantwortet, als der Pfarrer die Eigenheiten der vier Evangelien anhand der deutschen Presselandschaft erklärte. "Was Luther begonnen hat, wurde von Springer vollendet." Gekonnt verarbeitete der Pfarrer das alltägliche Gemeindeleben in seinen Liedern und Kabarettnummern. So erfuhren die Zuschauer, was die (evangelische) Kirche vom Möbelhaus Ikea lernen kann. Ikea sei eigentlich prädestiniert dafür, mit seinem Möbelprogramm völlig neue Wege zur Bestattungskultur aufzuzeigen: Beerdigungskosten halbieren mit Särgen aus dem Ikea-Programm. "Die Schrankwand Pax - übersetzt Frieden - bietet sich da an. Mit einem Möbelstück, das sie schon seit Jahren mit Namen kennt, ist das Sterben auch für Oma halb so problematisch. Getreu dem Motto: Oma, lebst Du noch oder wohnst Du schon?"
Weder die FDP ("Weg mit dem Matthäus-Evangelium - Holger Zastrow wittert überall den Sozialismus und will die Förderung des Kirchentages streichen.") noch die gierigen Banker kamen ungeschoren davon. "Reichtum muss sich wieder lohnen." Der Kabarettist fand immer wieder eine Verbindung zwischen Politik und Kirche. Am Ende war es ein gelungener Abend, der gezeigt hat, dass es auch in Kirchen sehr lustig zu gehen kann.