Sie zückt ein Fläschen 4711, Schlossführerin Angela Nusser, und reicht es mit dem Duftöl Petit Grain in die Gruppe ihrer Zuhörer. "Das ist der Duft der damaligen Zeit", versichert sie ihnen. Gut 30 Personen stehen in dem im Sommer leeren Palmenhaus, das höchstwahrscheinlich der große Baumeister des Barock, Balthasar Neumann, konzipierte. Für den Traum des Reichserzkanzlers und Fürstbischof von Mainz und Bamberg, Franz Lothar von Schönborn. Einem lang gehegten, aber erst spät verwirklichten Traum.
Schon fast 60 war er, einer der mächtigsten Männer des Kaiserreichs. Kräftig geworben hatte er für die Wahl eines Habsburgers . "Da waren ihm die Habsburger richtig dankbar", berichtete Nusser mit einer eindeutigen Geste ihrer Finger. Da zögerte er nicht lange, um seine Vorstellung von einem ihm angemessenen Sommerresidenz in die Tat umzusetzen. "Schloss Seehof, die offizielle Sommerresidenz der Bamberger Fürstbischöfe, war ihm zu altmodisch."
Ja, wer wollte schon nach dem Bau vom Schloss in Versailles noch in einer Vierflügelanlage der Renaissance wohnen? "Auch Franz-Lothar wollte seinen Ferrari", vergleicht Nusser mit einem Statussymbol unserer Zeit und führt ihre Gruppe den kleinen Hang hinunter in die frühere Ökonomie. Die edlen Sandsteinfassaden des fürstlichen Pferdestalls sind aus dieser Perspektive nur eine hohle Wand. "Das ist typisch für das Barockzeitalter: Die geschwungene Fassade des Marstalls soll alles abschirmen, was nicht so schön ist." Ihre Hand weist noch auf die unbehauenen Rückseiten des Fassadenschmucks hin. Illusion, wohin man schaut.

Im "Freizeitbereich"


Und Statussymbole. Nusser bringt es auf den Punkt: "Was uns heute das Iphone ist, war damals - das Orangenbäumchen." Die Führung hat derweilen den östlich vom eigentlichen Schloss gelegenen "Freizeitbereich der Herrschaften" erreicht.
Hörnerklang und ein paar Passagen auf Streichinstrumenten sind zu vernehmen. Die Teilnehmer des Collegiums Musicum üben jeden Sommer in der ehemaligen Fasanerie und in der Orangerie. Und tragen ganz zufällig ihr Teil bei, sich um 250 Jahre in die Vergangenheit zu versetzen. Wie die südländischen Bäumchen das Schlossareal zierten, kann man nur aus den Stichen von Salomon Kleiner erschließen, anders als bei den Palmenkübeln. Es sei denn, auch hier hätte der Kupferstecher gemogelt. Beim Schlossgarten auf der Nordseite hat er es offensichtlich getan.

Ausgeklügelte Architektur


Er überlieferte der Nachwelt das Bild von einem gezirkelten Parterre mit gestutzten Bäumen und geschnörkelten Rabatten. Das hat sich vielleicht der Fürstbischof so gewünscht. Realisiert wurde es nie. "Das Geld hat nicht mehr gereicht", kommentiert Nusser trocken.
Nun, Orangen und ihre Verwandten zeiht man nicht mehr auf Schloss Weißenstein. Doch dafür Palmen. Den Gewächsen in den riesigen Zinkkübeln ist anzusehen, dass sie schon Jahrzehnte überdauert haben. Nach den selben Methoden wie zur Zeit des Schlosserbauers.
Die lange Mauer südlich der östlichen Auffahrtsallee wird von einem typischen Mansarddach überragt. Nusser öffnet das hölzerne Tor Richtung ehemaliger Gärtnerei und der Besucher blickt auf die ausgeklügelte Architektur des Palmenhauses. Seine Südfassade öffnete sich in für die damalige Zeit riesigen Fenstern. Leicht schräg gestellt sollten sie das Sonnenlicht besser einfangen. Doch das genügte trotz Schutzmatten aus Weidengeflecht nicht für die Überwinterung der empfindlichen Gehölze.
Unter dem Vorraum befindet sich ein Ofen. Von ihm für Schamotterohr unter den Fenster entlang, um auf der Ostseite als
Kamin zu dienen: eine Hypokaustheizung. "Wir heizen hier jeden Winter", zeigt Nusser auf die Stöße mit Scheitholz. Wie zur Zeit des Fürstbischofs. Nur das Kamintürchen ist jüngsten Datums. Denn hier gelten die feuerpolizeilichen Vorschriften der Neuzeit. Der Bergamotteton des Parfüms versöhnt.