Aus einem großen Schaufenster am Marktplatz "blickt" ein skurriler Typ auf die Passanten, und selbst der Brunnengerch, obwohl als Drachentöter ganz andere Wesen gewöhnt, scheint Respekt vor dem Portrait des seltsamen Zeitgenossen zu haben. Der wirkt wie ein schläfriger Aufpasser, der jetzt im Winter die Eisdiele in seinen Besitz genommen hat.

Ein paar Hundert Meter weiter, drüben in der Hauptstraße am früheren Standort der Metzgerei Seeberger, ist es ein schwarzer Panther, der aus einem anderen Fenster heraus die Menschen vorsichtig beäugt. Nur zwei Beispiele von insgesamt 24 Bildern, die seit Adventsbeginn mehrere Schaufenster quer durch die Innenstadt gestalten. Der etwas andere Adventskalender in einem etwas anderen Jahr.

Oft sind die Beiträge weniger auffallend als diese beiden Kunstwerke von Julian Vogel. Fünf Künstler aus Nürnberg haben sich beteiligt, manche arbeiteten etwas zurückhaltender und versteckter. Oder sie haben nur eine Schrift gewählt, wie Hannah Rabenstein: "Walking home for Christmas" grüßt vom Schuhgeschäft Röttger. Andere setzten knallende Graffiti ein, wie Pablo Fontagnier, ein Street-Art-Aktivist mit dem Künstlernamen "Hombre SUK". Ein auffälliger Hingucker ist sein Weihnachtsmann auf dem Fenster der Nähbar - das Lieblingsmotiv der beiden Organisatorinnen Judith Jochmann und Simira Tang vom Herzogenauracher Stadtmarketing.

In der Bevölkerung kommt die Aktion offenbar gut an. Sie habe nur positives Feedback bekommen, sagt Simira Tang, sowohl bei den teilnehmenden Gewerbetreibenden als auch bei den Bürgern. Auf Facebook schrieb die 19-jährige Ali R., aus dem fernen Ausland: "Toll! Wünschte ich könnte in Herzo dieses Weihnachten sein!" Eine "super Idee und ein tolles Fenster" bescheinigte Michael H. gleich zum Auftakt dem Panther, "ganz tolle Idee! Respektl!" meinte Sven L. Stefanie Greber von Bücher.Medien & mehr schrieb: "Danke für die echt schöne Aktion". Viel Lob also für ein Format, das völlig neu und eher aus der Not heraus entstanden ist.

Schneller Ersatz war gefragt

"In diesem Jahr ist alles anders". Diese Erkenntnis zwang die kreativen Köpfe im Rathaus zum Umdenken. Wegen der Corona-Pandemie und der weitreichenden Einschränkungen brauchte es ein anderes Konzept. Denn ähnlich wie viele andere kulturelle und vor allem gesellschaftliche Veranstaltungen musste auch der Lebendige Adventskalender abgesagt werden. Ein Publikumsmagnet, der alle Jahre täglich die Herzogenauracher auf den Marktplatz lockte, entfiel. Ein Ersatz musste her.

Gefordert war vor allem Simira Tang, 22-jährige Mitarbeiterin im Amt für Stadtmarketing und Kultur. Ihr obliegt die Organisation des Adventskalenders. Sie hatte die Idee für diese etwas andere Form der 24 Türchen in der Innenstadt. Aber es musste schnell gehen, die Zeit für eine Ausschreibung fehlte.

Die Stadt profitierte von ihren Kontakten zur Nürnberger Künstlerszene, die Simira trotz ihrer jungen Jahre aufgebaut hatte. "Ich konnte auf Leute zurückgreifen, mit denen ich in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet habe", sagt sie im FT-Gespräch. Während ihrer Ausbildung im Kulturreferat der Stadt Nürnberg lernte sie viele junge Künstler kennen, nebenbei hat sie noch in einer Galerie gearbeitet, und so gelang es ihr schnell, die richtigen Leute anzusprechen ("Ich wusste ja, was sie machen") und von ihrer Idee zu überzeugen. Und nach Herzogenaurach zu bringen.

Eine aus dem Quintett ist Hannah Rabenstein. Die Designerin, die ihren Schwerpunkt auf die Schrift legt (Handlettering), fand die Idee "megagut" und sagte gleich für fünf Fenster zu. Herzogenaurach kannte die 31-Jährige nur von Adidas, auf der Herzo Base hatte sie die Gelegenheit, eine Wandgestaltung machen zu dürfen. Droben im "Raumschiff", wie sie das moderne neue Bürogebäude "Arena" bezeichnet. "Jetzt war ich zum ersten Mal in der Innenstadt", sagte sie, ist mal durchspaziert und war gleich angetan von der Idee, Schaufenster des Einzelhandels und auch Leerstände zu verzieren.

Sie brachte Schriftzüge auf den Glasscheiben auf, ohne Folie, alles mit Hand. Bei der winterlichen Kälte durchaus eine Herausforderung. Aber: "Man hat mich gut aufgenommen. Im Schuhgeschäft von Frau Röttger durfte ich mich aufwärmen". Dort sei auch ihr Lieblingsfenster, "da haben die Buchstaben sehr gut geklappt".

Die Organisatorin Simira Tang ("das macht mir richtig Spaß") findet das neue Konzept überaus spannend. Ohne die Corona-Beschränkungen wäre das gar nicht möglich gewesen, sagt sie, denn "sonst haben wir ja Veranstaltungen." Ein komplett neues Format wäre da eher schwierig.

Ideen für die Zukunft

Dabei richtet die kulturbegeisterte junge Frau ihren Blick schon in die Zukunft. Und denkt an ein Konzept der Städte Nürnberg und Fürth. Dort werden ungenutzte Immobilien temporär für kulturelle Zwecke zur Verfügung gestellt. Das könnte man doch auch in Herzogenaurach versuchen, meint sie, man müsste den Fokus ja nicht unbedingt auf die Innenstadt richten. Ausstellungen im öffentlichen Raum - ein reizvoller Gedanke, der freilich erst nach dem Corona-Lockdown weiter an Schärfe gewinnen könnte.

Vielleicht wäre dann ja auch Hannah Rabenstein wieder dabei. Jetzt war sie erstmal überrascht, dass sie mit ihrem Handlettering die Festtage des Advents gestalten durfte: das Nikolausfester ebenso wie den Heiligen Abend.

Das 24. Fenster

Die Weihnachtsbotschaft ziert ein Fenster im Pfarrzentrum von St. Magdalena auf dem Kirchenplatz. Sie wünscht der Bevölkerung ein gesegnetes Weihnachtsfest und stellt fest: "Es ist das Fest der Liebe". Die Liebe ist auch ein Beweggrund für die 31-jährige Künstlerin. Es habe sie erfüllt, das 24. Fenster gestalten zu dürfen. Denn es sei ein bisschen Liebe angebracht, sagt sie, gerade in Zeiten wie dieser.