Rosi Schmitt erlebt immer wieder die gleichen Fälle: "Irgendwann kommt man an seine Grenzen. Dann kommen die Leute. Oft befinden sie sich dann aber schon in einer Überbelastung." Die Pflege eines Angehörigen ist kräftezehrend. Das wollen sich viele Pflegende aber lange nicht eingestehen: "Besonders bei Eheleuten dauert das sehr lange, weil sie denken: Dieses Versprechen habe ich meinem Partner ja gegeben. In guten, wie in schlechten Zeiten."

Dabei würde ihnen Unterstützung längst zustehen. Das wird klar, wenn dann doch die Einteilung in einen Pflegegrad erfolgt: "Viele Pflegende sind dann überrascht, wie viel sie eigentlich schon leisten", so Schmitt.

Viele wüssten gar nicht, dass es die Pflegeberatungsstelle von ASB und AWO in Höchstadt überhaupt gibt, dabei feiert sie im nächsten Jahr ihr 10-jähriges Bestehen. "Wir schauen: Wie ist die Situation? Dann arbeiten wir schrittweise auf eine Lösung hin", erklärt Schmitt. Diese Lösungen sind oft komplex: Krankenkasse, Therapeuten, Ärzte, Vorsorgevollmacht - in jedem Einzelfall sind viele Komponenten aufeinander abzustimmen.

Meist aber notwendig, wenn nicht schon vorhanden: Die Einordnung des Pflegebedürftigen in einen Pflegegrad. Hier gab es Anfang des Jahres eine große Veränderung durch das zweite Pflegeschutzgesetz. Statt wie vorher drei Stufen, gibt es jetzt fünf Grade, die eine passgenauere Unterstützung gewährleisten sollen. "Man begutachtet jetzt auch anders und umfassender. Es wird der Grad der Selbstständigkeit untersucht. Vorher waren es die Einschränkungen", sagt Schmitt und findet das grundsätzlich positiv. Fünf Grade, statt vorher nur drei - das unterschreibt sie aber so nicht. "Das stimmt nicht. Vorher waren es auch fünf, weil es noch die Stufe 0 und den Härtefall gab, der jetzt dem fünften Pflegegrad entspricht."

Das Gutachten, welcher Pflegegrad vorliegt, sei für Betroffene und Angehörige nicht ganz einfach. "Das ist eine unangenehme Situation. Oft sollen die Angehörigen die Defizite des Pflegebedürftigen beschreiben, wollen denjenigen aber nicht beschämen. Oder die Betroffenen leugnen selbst, wie eingeschränkt sie sind."


Gewalt in der Pflege

Rund 70 Prozent der pflegebedürtigen Menschen in Deutschland werden zuhause gepflegt. Davon wiederum zwei Drittel ohne einen Pflegedienst. "Da ist es besonders wichtig, sich als Pflegender eine Auszeit zu nehmen. Oft haben sie durch die Belastung weniger Sozialkontakte und achten weniger auf sich selbst." In schlimmen Fällen könne das Frustration auslösen und sogar zu Gewalt in der Pflege führen. "Irgendwann ist man in einem Fahrwasser und das verselbstständigt sich. Man weiß, das man etwas Schlimmes macht, aber kommt nicht raus." Damit ist nicht nur körperliche Gewalt gemeint, sondern auch Diskriminierung, Vernachlässigung oder Freiheitseinschränkungen. Auch dafür ist Rosi Schmitt Ansprechpartner, dient als neutrale Informations-, Beschwerde und Schlichtungsstelle, die vom Landkreis gefördert wird.

Den Pflegebedürftigen beispielsweise in die Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege (zum Beispiel, um in den Urlaub zu fahren) zu geben, kann helfen, sich zu erholen und die Akkus wieder aufzuladen. Davor würden besonders Eheleute zurückschrecken. "Die sagen: Wie kann ich jetzt an mich denken? So entsteht eine Belastungsspirale", sagt Schmitt. Für solche Angebote leistet die Pflegeversicherung in jedem Pflegegrad einen Entlastungsbeitrag von 125 Euro.

Hier beginnt Schmitts Kritik an den neuen Pflegegraden. Abgesehen davon gibt es im Pflegegrad 1 nämlich sonst so gut wie keine Leistungen. Keine Leistungen für ambulante Pflege zuhause, weder in Form von Geld, noch in Form von Sachleistungen. "Das Gesetz sollte eigentlich den ambulanten Bereich stärken. Das sehe ich hier nicht." Für viele, besonders ohne psychische Einschränkung, könne es schwierig werden, überhaupt in Pflegegrad 2 eingestuft zu werden. Auch der Entlastungsbeitrag ist gesunken: "Es gibt zu wenig Angebote, um über diesen Beitrag finanziert zu werden." Ob das neue Gesetz also insgesamt für eine Verbesserung sorgt, das will Rosi Schmitt noch nicht bewerten. "Es ist noch zu früh, da ein Ergebnis zu formulieren."


Demenz und Finanzielles

Ein häufiges Thema in den Beratungen von Rosi Schmitt ist Demenz. "Die Pflegeperson muss akzeptieren, dass der Erkrankte nicht mehr der sein kann, der er einmal war. Demenzkranke sind auf der Sachebene nicht mehr zu erreichen, nur auf der Gefühlsebene." Diskussionen seien sinnlos. "Auch mit Kritik muss man vorsichtig sein. Die Betroffenen fühlen sich oft wertlos. Dann kommt auch noch die Außenwelt und meckert an ihnen rum."
Auch das Thema Geld kommt immer wieder auf. Dabei müssten die Kinder der Pflegebedürftigen selten große Beträge stemmen. "Es gibt sehr hohe Freibeträge. Man muss schon gut verdienen, damit man zahlen muss. Meist bleibt nur ein kleiner Betrag", so Schmitt. "Pflege ist teuer, aber sie müsste noch teurer sein, damit die Mitarbeiter vernünftig bezahlt werden."

Pflegeberaterin Rosi Schmitt erreichen Sie telefonisch unter der: 09193/5033191, oder auch per E-Mail:
rosi.schmitt@asb-erlangen.de